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Wiesn-Absage:"Nun ist die Katastrophe da"

Coronavirus - Theresienwiese - Oktoberfest

Die Theresienwiese wird in diesem Jahr leer bleiben. Das Oktoberfest fällt aus.

(Foto: dpa)
  • Die Hoteliers in München haben schon mit der Absage der Wiesn gerechnet, die Taxler hofften bis zuletzt.
  • Nun fällt in beiden Bereichen ein großer Teil des Jahresumsatzes weg.
  • "Viele wissen noch gar nicht, dass sie jetzt schon pleite sind", sagt ein Hotelier.

Für die Hoteliers in München ist die offizielle Absage des Oktoberfestes "keine wirkliche Überraschung mehr". Das Taxigewerbe hingegen hoffte bis zuletzt, dass die ohnehin schon gewaltigen Verluste in der Branche durch den Corona-Lockdown wenigstens während der Wiesn noch einigermaßen aufgefangen werden können. Aber egal, ob man sich rechtzeitig darauf eingestellt hat oder nicht: "Nun ist die Katastrophe da", wie Martin Stürzer vom Hotel- und Gaststättenverband sagt: "Es schmerzt unglaublich." Als "niederschmetternd" bezeichnet Jörg Wohlfahrt von der Taxi-München eG die am Dienstag verkündete Entscheidung von Stadt und Freistaat.

Rund 460 Hotels gibt es in München und etwa 3300 Taxis. Beide Branchen machen ihre Hauptumsätze während des Oktoberfestes. Ein Taxler verdient in den zwei Wiesnwochen gut doppelt so viel am Tag wie sonst übers Jahr gerechnet. Da sei "alles, was fahren kann", in der Stadt unterwegs, so Genossenschaftsvorstand Wohlfahrt. Einschließlich der Wagen aus den umliegenden Landkreisen stehen dann 5000 Taxen als Transportmittel für Wiesngäste zur Verfügung. Momentan sind gerade einmal 300 im gesamten Stadtgebiet auf der Straße. Das Virus hat das Taxigeschäft fast völlig zum Erliegen gebracht. Einige Krankenfahrten gibt es noch, und zwei Dutzend Taxiunternehmer konnten einen Auftrag von der Post als Paketfahrer ergattern.

Das Gros der Taxis aber steht still, die Fahrer sind in Kurzarbeit, während die monatlichen Kosten von 500 bis 700 Euro je Fahrzeug weiterlaufen. Keine Messen, keine Touristen, kaum Münchner, die noch irgendwo hingebracht werden wollen. Und wenn doch noch ein Fahrer unterwegs ist, dann befördert er oft auf eigene Kosten medizinisches Personal. Ärzte und Pfleger dürfen den Fahrservice in der Krise kostenlos nutzen. Staatliche Zuschüsse für diesen selbstlosen Dienst an der Gesellschaft bekommen die Taxler nicht, weder vom Land, noch von der Stadt. Da schmerzt die Wiesn-Entscheidung besonders. "Das wird einige Unternehmer in die Insolvenz treiben", befürchtet Wohlfahrt für seine Branche.

Düster sind die Aussichten auch im Hotel- und Gastronomiegewerbe. "Ein Drittel wird die Corona-Krise wirtschaftlich nicht überleben", sagt Martin Stürzer, der mit seinem Bruder zwei Hotels in München betreibt. Der zweite Vorsitzende des Kreisverbands des Hotel- und Gaststättenverbandes hält die Entscheidung, das Oktoberfest nicht stattfinden zu lassen, für grundsätzlich richtig. Niemand hätte verantworten können, dass sich das Volksfest möglicherweise zur gigantischen Viren-Brutstätte entwickelt. Selbst wenn es in abgespeckter Form veranstaltet worden wäre oder mit strengen Auflagen wie einem Mindestabstand: "Wie viele Besucher aus den USA oder anderen Ländern wären denn überhaupt gekommen?", fragt Stürzer. Er hofft natürlich inständig, "dass die Hotels und Lokale bald wieder öffnen können", damit die Betreiber wenigstens eine Perspektive bekommen. Den Umsatzbringer Oktoberfest hat er längst abgeschrieben.

In den vergangenen beiden Tagen stornierten etliche Gäste, die zur Wiesn anreisen wollten, ihre Zimmerreservierungen in seinen Hotels "Europäischer Hof" und "Marc". 200 000 Euro Umsatz gingen damit binnen weniger Stunden verloren. Insgesamt setzen die Stürzers rund um das Oktoberfest etwa eine Million Euro um. Das sei das "Brot- und Buttergeschäft" der Hoteliers, die mit den Einnahmen die Verluste in den schwachen Monaten Januar und Februar ausgleichen könnten. Wenn am Jahresende eine solide Rendite von acht bis zehn Prozent in den Büchern stehe, könne ein Hotelier damit gut leben, sagt Stürzer. Am Ende dieses Jahres allerdings werden die Zahlen tiefrot ausfallen. Von 65 bis 80 Prozent Umsatzeinbußen geht der Hotel- und Gaststättenverband aus. Wer da nicht Eigenkapital angespart hat, wie die Stürzers, die ein Hotel sanieren wollten und jetzt das Geld ins Überleben ihres Unternehmens investieren, bleibt womöglich auf der Strecke.

"Viele wissen noch gar nicht, dass sie jetzt schon pleite sind", meint Stürzer mit Blick auf die Branche. Schließlich müssten Hilfskredite irgendwann zurückgezahlt werden und gestundete Pachten. Doch wann das Beherbergungsgeschäft wieder normal laufen wird, lässt sich nur schwer vorhersagen. Das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes hat zwei Szenarien für die Hotellerie errechnet. Falls die Betriebe in den nächsten Wochen wieder öffnen dürfen, dauert es im besten Fall bis Sommer 2022, bis sich ihr Geschäft einigermaßen erholt hat. Im schlechteren Fall tritt die Normalisierung erst ein Jahr später ein. "Es wird lange dauern, bis wir da wieder rauskommen", sagt Stürzer. "Oktoberfest hin oder her."

© SZ vom 22.04.2020/vewo
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