Protest in München:3700 Menschen bei Corona-Demo - Hunderte zogen Richtung Innenstadt

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Protest in München: Knapp 4000 Menschen waren am Mittwochabend dem Aufruf zum Protest gegen Impfpflicht und Corona-Maßnahmen auf der Ludwigstraße gefolgt.

Knapp 4000 Menschen waren am Mittwochabend dem Aufruf zum Protest gegen Impfpflicht und Corona-Maßnahmen auf der Ludwigstraße gefolgt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Impfpflicht-Gegner und Pandemieleugner haben am Abend in München protestiert. Sie bejubelten sich als "Bürgerrechtsbewegung". Gegen Ende der offiziellen Kundgebung spitzte sich die Lage zu.

Von Martin Bernstein

Und dann ziehen sie los. Sie haben das schon vorher angekündigt, im Internet und in Sprechchören während der Versammlung vor der Ludwigskirche. Zunächst kann die Polizei sie noch stoppen, dann läuft sie nur noch hinterher. Ein harter Kern von bis zu 1000 Demonstranten marschiert am Mittwochabend ohne Anmeldung durch die Innenstadt.

"Gegen Impfzwang und Impfpflicht" haben knapp 4000 Menschen nach eigenem Bekunden zuvor auf der Ludwigstraße demonstriert, "braver Protest", wie Veranstalter Melchior Ibing spöttisch erklärt, noch kein Widerstand. Den freilich droht er schon mal an: Wenn die Impfpflicht komme (er sagt nicht, dass sie von demokratisch gewählten Abgeordneten beschlossen würde), werde man die Behörden lahmlegen.

Jetzt wollen viele schon mal demonstrieren, wie sie Auflagen und Versammlungsrecht achten: nur soweit, wie es ihnen passt - also gar nicht. Die Stadt hat im Vorfeld mit Blick auf die Erfahrungen aus der vergangenen Woche verfügt: FFP2-Maskenpflicht und kein Demonstrationszug. Die Marschierer interessiert das kaum. Die einen schwenken eine Regenbogenfahne und ein "Peace"-Symbol und skandieren Sprechchöre gegen die "Diktatur", die sie in Deutschland am Werk sehen.

Die anderen, noch lautstärkeren, rennen im Laufschritt über viel befahrene Straßen und Kreuzungen und schwenken dazu eine umgedrehte Deutschlandfahne, ein Reichsbürger-Symbol. Die Polizei, angetreten mit zunächst 200 Beamten, hat ihr Personal inzwischen verdoppelt und kommt dennoch kaum hinterher. Einige neuralgische Punkte hatte sie sicherheitshalber schon zuvor besetzt.

Erst an der Sendlinger Straße können Polizisten dann noch 80 Demonstranten einkesseln. Eine neue Versammlung anmelden? Daran sind die Protestierer nicht interessiert. Um 21 Uhr gehen die letzten nach Hause, die eingerollten Fahnen unterm Arm. Ihr Rädelsführer wird angezeigt.

In einer ersten Bilanz weit nach Mitternacht spricht die Polizei von 28 Festnahmen, vor allem wegen Körperverletzung und Beleidigung. 18 Anzeigen gegen notorische Maskenverweigerer gibt es obwohl im Lauf der eineinhalbstündigen Versammlung auf der Ludwigstraße fast jeder zweite die Maske abnimmt oder irgendwo am Kinn baumeln hat.

Ordner, die der Veranstalter zu stellen hätte, sind kaum zu sehen. Mit gelbem Stern an der Jacke wird ein Mann abgeführt, der Beschränkungen für Ungeimpfte mit der Judenverfolgung im Dritten Reich gleichsetzt. Berichtet wird auch von einem gewaltsamen Übergriff rechtsradikaler Burschenschaftler auf einen Journalisten. Wegen eines Hitlergrußes ermittelt der Staatsschutz. 36 Mal müssen Polizisten im Lauf des Abends unmittelbaren körperlichen Zwang anwenden, um der Situation Herr zu werden.

Die Stadt wird gegen demokratiefeindliche Aktivitäten vorgehen

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter appelliert tags darauf an die Münchnerinnen und Münchner, "sich impfen zu lassen und an derartigen Versammlungen keinesfalls teilzunehmen". Wenn Gewalt ausgeübt werde, Infektionsschutzauflagen grob missachtet und als "diktatorische Maßnahmen" bezeichnet würden und der Holocaust verharmlost werde, wenn in Telegram-Gruppen Pläne für Angriffe auf Politiker, Journalisten und Wissenschaftler geschmiedet würden, dann ist das laut Reiter "unerträglich und überschreitet die Grenze legitimer Kritik an Coronamaßnahmen bei weitem". Die Stadt, so kündigte der SPD-Politiker an, werde entschieden gegen alle demokratiefeindlichen Aktivitäten von Corona-Leugnern vorgehen.

Etwa doppelt so viele Menschen wie vor einer Woche sind dem Aufruf von "München steht auf" gefolgt. Die Polizei spricht, wohl realistisch zählend, von maximal 3700 Teilnehmern, die Veranstalter wollen 10 000 Anhänger gezählt haben, manche Teilnehmer in ihrer Euphorie sogar bis zu 50 000 Menschen - auf rund 10 000 Quadratmetern zur Verfügung stehender, abgegitterter Versammlungsfläche. "Impfen macht frei" steht auf einem Plakat. Vom "Krieg gegen Corona-Terror und die Pandemie der Hypnotisierten" ist zu lesen.

Schon im Vorfeld sind die Debatten hitzig gewesen. Soll man sich die Auflagen der Stadt gefallen lassen oder einfach losgehen? Der Anmelder hat die Teilnehmer zur Abhaltung eines "Maskenballs" aufgerufen: "Wenn ihr zu verzweifelt, zu zornig seid um da mitzumachen, ist es vielleicht besser nicht hinzugehen."

Für ihn ist das offenbar vor allem eine Frage der richtigen Taktik: "Es geht hier um niederschwelligen Protest, dem sich möglichst viele anschließen können", schreibt Ibing auf seinem Telegram-Kanal. "Der Mittwochsumzug ist nur ein Teil des Protests und Protest ist nur ein Teil des Widerstands."

Solange "der Schnittlauch" Ruhe gebe, schreibt vor der Kundgebung ein User über die Münchner Polizei, werde man das auch tun. "Aber sobald Gefahr im Verzug ist und diese ohne Grund auf einen losgehen, ist es vorbei dann wird angegriffen." Man wolle der Polizei keine Unannehmlichkeiten machen, sagt dagegen ein Redner. Und distanziert sich von antisemitischen Parolen, die auch an diesem Abend auf Plakaten zu lesen sind. Die Polizei bilanziert tags darauf: Der Anmelder habe die Kundgebung nicht im Griff gehabt.

Die, die am Mittwochabend in München auf die Ludwigstraße gehen, bejubeln sich selbst als "Bürgerrechtsbewegung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat". Sie jubeln auch, als der Redner Ralph T. Niemeyer seines ehemaligen Mitstreiters, des verstorbenen Pandemieleugners und Verschwörungsideologen Karl Hilz gedenkt und zum Schulterschluss zwischen Rechts und Links aufruft. Sie jubeln besonders laut, wenn die Demonstrationen in Wien erwähnt werden - Demonstrationen, zu denen die rechte FPÖ aufgerufen hat und bei denen Rechtsextremisten offen auftreten. Und sie jubeln, als Ibing den Widerstand gegen die Regierung ankündigt, weil diese Grundrechte "an die Oligarchie" verkaufe. Als er in die Menge ruft: "Wollt ihr aufgeben?", schallt ihm ein vielhundertfaches "Nein!" zurück.

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