Müllvermeidung "Ein Pappbecher ist kein adäquates Gefäß für einen guten Kaffee"

"Schlechte Kinderstube": Weggeworfene Einwegbecher in der Münchner Fußgängerzone.

(Foto: Catherina Hess)

Studenten der TU zeigen mit einer Ausstellung in der Pinakothek der Moderne, wie sehr die Menschen noch immer kaufen und wegschmeißen und kaufen und wegschmeißen.

Von Pia Ratzesberger

Die Reste liegen jetzt im Museum. Die Reste sind unter anderem vier Sonnenbrillen und eine Ukulele. Drei Gameboys und zwei iPhones. Ein Ausstecher in Form einer Breze und noch Hunderte andere Dinge, die ihre Besitzerinnen und Besitzer schon mehr als ein Jahr lang nicht mehr verwendet haben. Das war die Regel. Es sollten Gegenstände sein, die mehr als ein Jahr lang niemand mehr in der Hand hatte - und es waren viel zu viele, als dass man sie alle im Museum hätte ausstellen können. Dort liegen auch noch vier Pinsel und drei Kordeln. Eine Hundeleine und ein Wörterbuch. Ein Paar rote Schuhe und ein Paar Handschuhe.

Der Student Felix Uhl, 24 Jahre alt, sagt: "Die Handschuhe sind noch gut, aber ich habe mittlerweile bessere." Er weiß, dass genau das ein großer Teil des Problems ist. In der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne in München haben er und seine Kommilitoninnen und Kommilitonen sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob wir wirklich alles brauchen, was wir kaufen. Die Antwort liegt jetzt vor ihnen.

Sie studieren im ersten Mastersemester Industriedesign. Viele von ihnen sind erst vor ein paar Monaten nach München gezogen. Und trotzdem haben sie schon so viel angehäuft, was sie nicht mehr brauchen. Felix Uhl sagt: "Wir wollten den Besuchern zeigen, dass wir auch nicht besser sind. Wir wollen keinen Zeigefinger heben."

Man könnte vermuten, dass es sich erst einmal widerspricht, Industriedesign zu studieren, um später einmal immer neue Produkte zu entwerfen und gleichzeitig auf Nachhaltigkeit zu setzen. Doch Hannah Lörzel, 23 Jahre alt, sagt: "Man kann ja auch bessere Produkte entwerfen." Und wenn man sich in der Neuen Sammlung umschaut, versteht man, dass gutes Design vielleicht ohnehin immer nachhaltig ist. Weil man sich auch heute noch einen Korbsessel von Egon Eiermann aus den Fünfzigerjahren ins Wohnzimmer stellen würde oder einen Stuhl vom Ehepaar Charles und Ray Eames. Weil gutes Design im besten Fall Jahrzehnte und Jahrhunderte überdauert - und nicht nur eine Saison.

Eine Kreislaufwirtschaft also, auf Englisch Circular Economy

Felix Uhl erzählt dann, dass sein Professor Fritz Frenkler einen Studenten gerne einmal zurechtweist, sollte er mit einem Pappbecher den Seminarraum betreten: "Ein Pappbecher ist kein adäquates Gefäß für einen guten Kaffee", sage der Professor dann. Auch darum nämlich geht es beim Design. Um die Wertschätzung von Produkten. Die Studentinnen und Studenten haben sich für die Ausstellung nun die Frage gestellt, wie ein besseres Design und damit auch eine bessere Gesellschaft aussehen könnten. Eine Gesellschaft ohne Pappbecher und ohne Müll, in der alles, was einmal produziert wurde, wieder verwendet werden würde. Eine Kreislaufwirtschaft also, auf Englisch Circular Economy. Die Ausstellung heißt deshalb: Circolution.

Darin steckt das Wort "solution". Eine Kreislaufwirtschaft könnte die Lösung sein, will der Titel sagen. Doch die Studentinnen und Studenten haben schnell gemerkt, wie weit man noch immer von dieser Lösung entfernt ist. "Wir wollen erste Ideen geben und zum Nachdenken anregen", sagt Hannah Lörzel. Hinter ihr ein Plakat von einer Frau, die auf einem Berg voller Kleidung sitzt. Darüber steht: 24 000 Likes. Wer Neues kauft, der bekommt virtuelle Herzchen für seine Errungenschaften. Dabei sollte es eigentlich andersherum sein. Wer seine Sachen wieder verwendet, der sollte Anerkennung bekommen und 24 000 Likes.

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Die Unternehmen aber produzieren immer noch mehr, die Werbung preist an, die Menschen kaufen. Was am Ende mit all den Dingen passiert, darum kümmern sich die meisten nicht. Die Europäische Union hat eine Kreislaufwirtschaft zwar schon lange zum Ziel erhoben, und in Deutschland gibt es seit den Neunzigerjahren auch das Kreislaufwirtschaftsgesetz, das festlegt, was mit unserem Müll passieren soll. Doch genau deshalb zeigt das Gesetz ganz gut, was momentan unter einer Kreislaufwirtschaft verstanden wird - eine Wirtschaft, in der viel recycelt wird, in der aus dem Müll wieder Neues entsteht. Die Studentinnen und Studenten in der Neuen Sammlung aber stellen sich eine andere Wirtschaft vor. Eine ohne Müll.

Sie hatten zu Beginn viele Ideen, für einen verpackungsfreien Supermarkt an der Autobahn zum Beispiel. Der sollte einem den Einkauf ohne Verpackungen möglichst leicht machen, da man seine Waren direkt ins Auto laden könnte. Sie hatten auch über einen Verleih von Spielsachen an öffentlichen Plätzen nachgedacht, so dass man mehr Dinge teilen kann und nicht mehr so viel kaufen muss. Das eine Semester aber war zu kurz, um die Ideen so weit voranzubringen, dass sie ihre Pläne schon der Kritik einer öffentlichen Ausstellung aussetzen wollten, und so beschäftigen sie sich in der Neuen Sammlung nun vor allem mit Alternativen.

Da steht dann die Kaffeemaschine mit Kapseln neben einer Espressokanne. Die Wasserflasche aus Plastik neben einer Trinkflasche. Der elektrische Rasierer liegt neben einem Einwegrasierer. Der Tampon neben einer Menstruationstasse. Doch was nachhaltiger wäre, ist nicht immer so eindeutig wie in diesen Fällen. Hannah Lörzel sagt: "Am Anfang hatten wir vor, immer die beste Alternative zu zeigen, doch haben gemerkt, wie schwierig das ist." Da liegt etwa der Stoffbeutel neben einer Papiertüte. Die Herstellung der Tüte aus Papier hat sich Schätzungen zufolge gelohnt, wenn man sie mindestens dreimal verwendet. Den Stoffbeutel dagegen muss man mindestens 131 Mal mitnehmen, damit sich seine Produktion gelohnt hat - wobei es immer auch darauf ankommt, welche Ökobilanz man zugrunde legt und welche Faktoren dort berücksichtigt werde. In dem Fall werden etwa auch die Belastungen des Gewässers oder die Versäuerung des Bodens einberechnet.

Hannah Lörzel würde gerne Konzerne zum Umdenken bewegen

Ähnlich schwierig ist es mit dem Pappbecher neben einer Kaffeetasse. In diesem Fall scheint die Antwort zwar besonders offensichtlich, ist sie aber nicht. Wenn man die Tasse zum Beispiel sehr oft spült, kann sie in der Ökobilanz sogar schlechter abschneiden als ein Pappbecher. "Vor allem wenn die Tasse in einer Spülmaschine steht, die fast leer ist und trotzdem läuft", sagt Felix Uhl.

Er könnte sich vorstellen, später einmal Bauanleitungen zu entwerfen, damit die Menschen wieder mehr selbst machen. Auch Elektroprodukte, bei denen man einzelne Teile austauschen kann, um sie zu reparieren. Hannah Lörzel würde gerne Konzerne zum Umdenken bewegen, den großen Unternehmen Alternativen anbieten.

Das Banner zur Ausstellung haben sie aus einer alten Werbeplane gefertigt. Die Stehlen aus Holz haben sie nicht verleimt, damit die später besser wiederzuverwerten sind. Wenn sie die Ausstellung wieder abbauen, wenn sie die Plakate abhängen, wird trotzdem noch Müll übrig bleiben. Noch.

Die Ausstellung "Circolution" ist noch bis zum 31. März in der Neuen Sammlung der Pinakothek der Moderne zu sehen, Türkenstraße 15.

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