Medizinerin Eine schwangere Frau wegschicken? Eine Zumutung!

Als junge Mutter muss sich Sabine Keim öfter der Frage stellen, wie sie das alles schaffe, mit Karriere und Kind.

(Foto: Stephan Rumpf)

Sabine Keim schafft am Helios Klinikum West, woran viele andere Krankenhäuser scheitern: Seit 2016 musste sie nie eine Schwangere abweisen. Wie das gelingt.

Von Inga Rahmsdorf

Manchmal kommen in ihrer Klinik 70 Babys im Monat auf die Welt. Manchmal sind es 110 Neugeborene. Geburtshilfe ist schwer planbar. Chefärztin Sabine Keim kennt diese Schwierigkeit und auch die Engpässe bei der Geburtshilfe in München. Sie hat auch schon erlebt, dass eigentlich alle Kapazitäten ausgeschöpft waren. Dass ihre Mitarbeiter sie nachts angerufen und gefragt haben, ob sie die Geburtsabteilung bei der Rettungsleitstelle Ivena abmelden können. Als Chefärztin trifft Keim diese Entscheidung. Sie hat sich dann jedes Mal bei ihren Kollegen nach der Situation in den Kreißsälen erkundigt. Und entschieden: Nein, es geht noch. Es sei doch eine Zumutung für schwangere Frauen, wenn sie nicht mehr versorgt werden können, sagt Keim. Und Platz hätten sie schließlich genug.

Seit sie vor knapp drei Jahren ans Helios Klinikum München West kam, habe ihre Klinik sich noch nie abgemeldet, hätten sie noch nie eine schwangere Frauen weggeschickt, sagt die Chefärztin. Das ist schon ungewöhnlich in München. Natürlich erfordere das einen überdurchschnittlichen Einsatz aller und sei auch manchmal belastend für die Mitarbeiter. Das streitet auch Keim nicht ab. "Aber meine Mitarbeiter spüren, dass ich hinter ihnen stehe, dass ich ihnen das zutraue." Immerhin ist ihr Hebammenteam gerade durch drei weitere Kolleginnen aufgestockt worden. Und Geburtshelfer in München zu finden, ist für alle Kliniken eine große Herausforderung.

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Vierter Stock, Neubau im Helios Klinikum West in Pasing. Sabine Keim, weißer Kittel, herzliches Lachen, aufmerksame Art, kommt direkt aus dem OP-Saal. Ihr Büro ist hell und schlicht. Seit 2016 leitet sie die Frauenklinik und ist damit schon eine Ausnahme. Frauen in Chefarztpositionen gibt es immer noch sehr selten, obwohl der Anteil an Studentinnen im Fach Medizin bei mehr als 60 Prozent liegt. Selbst in Frauenkliniken stehen meist Männer an der Spitze. Von allen Frauenkliniken in München wird nur noch die im Rechts der Isar von einer Chefärztin, von Marion Kiechle, geleitet. Keim war zudem mit 38 Jahren ungewöhnlich jung, als sie vom Rotkreuzklinikum ans Helios Klinikum wechselte und dort die Leitung übernahm. Von der Frauenklinik, wie sie damals noch hieß. Keim hat sie umbenannt in Zentrum für Frauengesundheit. Das bilde die Diversität besser ab, die sich dahinter verbirgt. Außerdem gehe es doch um die Gesundheit der Frauen.

Vor einem Jahr hat Keim im Helios Klinikum vier neue Entbindungsräume eröffnet, die auch in enger Zusammenarbeit mit den Hebammen gestaltet wurden. Sie hat die Zahl der Geburten in knapp drei Jahren von 700 auf mehr als 1000 im Jahr erhöht. "Und wir haben noch Luft nach oben", sagt Keim. Sie hat die Klinik so umstrukturiert, dass die einzelnen Bereiche sich besser spezialisieren können. Außerdem hat sie ihr Brustkrebszentrum von der deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifizieren lassen, die es auf hohe fachliche Anforderungen überprüft. Das bedeutet auch einen größeren bürokratischen Aufwand. "Ich bin aber überzeugt davon, dass diese Art der Qualitätskontrolle am Ende am Patienten ankommt und gut ist", sagt Keim. "Weil man gezwungen ist, bestimmte Strukturen am Klinikum zu etablieren."

Sabine Keim hat vor einem halben Jahr ein Kind bekommen. Ein Foto ihres kleinen Sohnes steht auf ihrem Schreibtisch. Und ja, natürlich hört auch sie seit der Geburt ihres Kindes häufig die Frage, die wohl nur sehr selten einem Chefarzt gestellt wird. Wie sie das denn alles vereinbare, als Chefärztin und mit einem Kind.

Keim tut auch nicht so, als wäre das ein Kinderspiel. Als müsse man sich nur gut organisieren, und schon könnte man Kind und Karriere mit Leichtigkeit in Einklang bringen. "Ich ziehe den Hut vor jeder Mutter, die arbeitet", sagt sie. "Es geht ja nicht darum, dass wir das nicht könnten. Sondern es geht darum, ob man das will." Jeder angehende Mediziner sollte sich klar darüber sein, dass der Beruf des Arztes viele private Opfer fordert, wenn man ihn ernsthaft betreibt. Dafür müsse man seinen Beruf schon sehr lieben. Und man müsse auch Privates und Berufliches voneinander abgrenzen können, um gesund zu bleiben, sagt Keim. Das falle ihr immer noch schwer. Da müssten aber auch Klinikleitungen umdenken, fordert sie, beispielsweise mehr individuellere Arbeitszeitmodelle ermöglichen.

Während ihrer Schulzeit in Frankfurt am Main wollte sie Pilotin werden. Keine kleinen Flugzeuge lenken, sondern eine Boeing 747. In ihrer Familie ist niemand Mediziner.

In der Oberstufe hatte sie einen Biologielehrer, der eigentlich hatte Kinderarzt werden wollen und seinen Schülern viel über den menschlichen Körper beibrachte. Der weckte ihre Neugierde, und damit stand ihr Berufswunsch fest. Mit 26 Jahren schloss sie in Frankfurt ihr Medizinstudium ab, arbeitete dort zunächst an der Frauenklinik der Universität, zog dann von Hessen nach Bayern und wurde Assistenzärztin im Klinikum Starnberg.