Frauen in der Medizin Dünne Luft

Ärztinnen in Führungspositionen sind in Deutschland selten. Alte Rollenbilder, Familie wie ein vom Spardruck gezeichnetes Gesundheitswesen bremsen den Aufstieg.

Von Felicitas Witte

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Die Medizin wird weiblich, so titelte das Ärzteblatt vor zehn Jahren - doch das gilt nur für die Basis. Seit Jahrzehnten studieren zwar immer mehr Frauen Medizin, wie die Daten des statistischen Bundesamtes zeigen: 1975 waren es 29 von 100, 1998 schon mehr als die Hälfte und 2016 bereits 61 von 100. Doch weiter oben auf der Karriereleiter wird die Luft dünn. Bei den Oberarzt-Stellen ist noch jede dritte von einer Frau besetzt, in leitenden Positionen nur jede zehnte. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren - systematisch untersucht wurde das bisher nicht.

"Die Auswahlkriterien sind ein Problem", sagt Doris Henne-Bruns von der Uniklinik Ulm, die als erste Frau in Deutschland einen Lehrstuhl für Chirurgie bekam. "Oft höre ich aus den Gremien, die Personen für Professorenstellen auswählen, es hätte keine geeignete Frau für die Position gegeben. Das ist lächerlich, denn die Kriterien für die Einstellung wurden von Männern festgelegt." So habe an der Uni derjenige die größten Chancen, der Dutzende Fachartikel veröffentlicht und viele Forschungsgelder eingeworben hat. "Männer haben wie in einem Altherrenklub ein besseres Netzwerk", sagt Henne-Bruns. "Sie helfen sich gegenseitig, Artikel zu publizieren oder Forschungsgelder einzutreiben. Keiner fragt, ob die Gelder für zukunftsträchtige Forschung eingesetzt werden oder ob der Bewerber spannende Vorlesungen hält."

Leitende Positionen werden meist von Männern besetzt. Wieder mit Männern

"Frauen machen eifrig Wissenschaft, bilden und pflegen aber keine Netzwerke", bestätigt Vera Regitz-Zagrosek, Präsidentin des Instituts für Geschlechterforschung an der Charité in Berlin. Männer würden das schon sehr früh als Kind lernen und das an der Uni von ihren männlichen Chefs hören: "Geh mal zu dem, stell dich als mein Vertreter vor - so kann die Integration in ein Netzwerk laufen", sagt Regitz-Zagrosek. "Frauen wird viel seltener die Tür zu einem Netzwerk geöffnet, einfach weil es so wenige Chefinnen gibt." Die sogenannte homonyme Konomination spiele dabei eine große Rolle. "Das bedeutet, dass man eher jemanden einstellt und vertraut, der einem ähnlich ist", erklärt die Professorin. "Männer fördern Männer - auch wenn die Frau vielleicht besser ist." Und da es in leitenden Positionen viel mehr Männer gibt, sei es schwer, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. "Das geht nur mit einer Frauenquote."

Eine Rarität

Nur zwölf Frauen haben bisher einen Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhalten, einen ungeteilten Preis erhielt als einzige Barbara McClintock 1983. In Lindau ist Elizabeth Blackburn, Medizin-Preisträgerin 2009, eine von nur zwei Laureatinnen. Ada Yonath, Chemie-Preisträgerin 2009, ist ebenfalls zu Gast bei der Tagung.

Ohne die Frauenquote werde sich nichts ändern, sagt Henne-Bruns, die als eine der ersten Professorinnen dafür eintrat. Christiane Groß, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes DÄB, war lange Zeit überzeugte Gegnerin einer Quote. "Ich sah dann aber, wie Gremienbesetzungen schon lange vorher festgelegt werden und dann hauptsächlich diejenigen die Posten bekommen, die schon im System sind - und das sind zurzeit immer noch Männer. Da muss es zumindest für eine Übergangszeit eine Quotenregelung geben." Ada Yonath, Biologin am Weizmann-Institut für Wissenschaften im israelischen Rehovot und Chemienobelpreisträgerin 2009, ist dagegen skeptisch. "Exzellente Leistungen sollten der Maßstab sein."

Eine starke Karriereblockade sind nach wie vor die Rahmenbedingungen. "Der Klinikstress verprellt junge Ärztinnen", sagt Groß. "Die jungen Kolleginnen arbeiten mit einer enormen Verantwortung. Rein ökonomische Erwartungen schränken ihre ärztliche Diagnose- und Therapiefreiheit ein, der Zeit- und Spardruck macht die Behandlung schwieriger, Überstunden sind die Regel." Traditionelle Rollenmuster sind immer noch fest verankert und ein Stolperstein in der Karriere. "Bei Ärztinnen setzt der Karriereknick oft pünktlich mit dem ersten Kind ein", erzählt Gabriele Kaczmarczyk, Vizepräsidentin des DÄB. Oft blieben die Ärztinnen zu Hause und fänden, wenn überhaupt, erst nach Jahren in den Beruf zurück. Da sei der Knick aber schon vorhanden.

Nicht viel besser ergeht es Männern, die in Elternzeit gehen. "Ich kenne Medizinprofessoren, die den jungen Männern sagen, ihre Karriere sei dann vorbei", sagt die Genderforscherin Regitz-Zagrosek. Das Rollenbild habe sich aber kaum geändert. "Eine Frau mit drei Kindern, die Vollzeit arbeitet, muss sich vorwerfen lassen eine Rabenmutter zu sein. Einem Mann würde man so etwas nie sagen."

Man müsse psychisch recht stark sein, um gegen die Rollenerwartungen anzukommen, sagt Gregor Hasler, Chef-Psychiater der Uni Bern. "Es wird immer noch erwartet, dass Frauen primär für die Familie sorgen sollen. Frauen mit Kindern kommen oft in einen Konflikt: Stehle ich die Zeit, die ich in meine Karriere investiere, meinen Kindern?" Bei Wissenschaftlerinnen seien die Schuldgefühle oft größer als bei einer Ärztin, die Patienten behandelt und Therapieerfolge sieht. "Frauen müssen lernen, das weibliche Rollenbild abzuschütteln." Die Wahl des Ehepartners sei für die Karriere entscheiden, meint er und überzeichnet das Bild des idealen Ehemanns ganz nach dem einstigen Muster der idealen Ehefrau. "Der richtige Mann glaubt an die Karriere seiner Frau und unterstützt sie, er kocht gut, liebt Haushalt und Kinderhüten, ist verlässlich und stolz, dass er der Partner einer sehr intelligenten und erfolgreichen Frau ist."

Die Chirurgin Henne-Bruns macht zudem die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen für die Schieflage verantwortlich. "Früher galt ein Chef noch etwas: Er wurde bewundert, verdiente viel Geld und konnte entscheiden, welche Strategie man in seiner Klinik verfolgte. Heute bestimmt der Verwaltungsdirektor: Du musst möglichst viel operieren - denn das bringt Geld." Abgesehen davon würden Chefs heute weniger verdienen, ein Statussymbol sei der Beruf nicht mehr. "Warum also noch Klinikdirektor werden? Das gilt aber für Männer wie auch für Frauen."

Die heutige Ärzte-Generation lege größeren Wert auf ihre Work-Life-Balance und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, bestätigt Frank Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. "Sie ist nicht mehr einfach so bereit, jede Form von Arbeit zu jeder Zeit und zu jeder Bedingung zu machen. Das gilt für Männer und Frauen gleichermaßen. Die Frauen haben aber sehr viel klarere Vorstellungen, wenn es um die Arbeitszeiten geht." Zwar habeein Kulturwandel eingesetzt, aber Deutschland habe im internationalen Bereich großen Aufholbedarf. "Eine niedrige Frauenquote bedeutet einen Verlust an Wissen und Kreativität, den sich das Forschungsland Deutschland nicht erlauben kann. Das gilt gerade bei Frauen, die für Führungspositionen geeignet sind."

Der Deutsche Ärztinnenbund fordert schon seit den 1950ern familienfreundliche Rahmenbedingungen, mehr Personal, geregelte Arbeitszeiten, Ausgleich von Überstunden und umsetzbare Teilzeitmodelle. Die Chirurgin Henne-Bruns ist skeptisch. "Verlässliche Ganztagsschulen und Kindertagesstätten - darüber diskutieren wir seit 30 Jahren, aber es passiert nichts. Das ist echt frustrierend! In Skandinavien und Frankreich klappt das schon seit Jahrzehnten. Bei uns liegt es an unserem verschrobenen klassisch-deutschen Weltbild: Eine gute Mutter gehört an den Herd."

Leider würden immer noch viele Ärztinnen wegen der Familie aus dem Beruf aussteigen, sagt Barbara Schmeiser, Vizepräsidentin des DÄB. "Allein dadurch, dass eine Schwangerschaft für operativ tätige Ärztinnen trotz des neuen Mutterschutzgesetzes auch weiterhin meist das Aus im OP bedeutet, verliert eine Ärztin viel wertvolle Weiterbildungszeit." In einem chirurgischen Fach käme hinzu, dass man sich nach längerer Pause die praktischen Fähigkeiten erst wieder aneignen müsse. "Diese erzwungenen Pausen sind eindeutig diskriminierend für Ärztinnen."

Führende Ärztinnen arbeiten hierzulande meist in Kinderheilkunde, Dermatologie und Gynäkologie - Fächer die oft als weich bezeichnet werden, weil es leichter sein soll, dort als Frau Karriere zu machen. "Diese Gedanken hatte ich nie", sagt Arunima Roy aus Indien, die in Würzburg im Bereich Kinderheilkunde promoviert und diese Woche an der Nobelpreisträgertagung in Lindau teilnimmt. "Vielleicht hätte Kinderheilkunde nicht das Image eines Frauen-Fachs, wenn Kinderärzte genauso hoch bezahlt würden wie Chirurgen. Dann würden mehr Männer Kinderärzte werden und wir Frauen bekämen zu hören, dass wir Chirurginnen werden sollten, weil Nähen so eine weibliche Arbeit sei."

Auch wenn es noch ein langer Weg ist: Frauen würden inzwischen mehr denn je gefördert, findet Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, die 1995 den Nobelpreis für Medizin bekam. "Es wird bald Diskriminierungsvorwürfe von Männern geben." Um junge Wissenschaftlerinnen mit Kindern finanziell zu unterstützen, gründete die Nobelpreisträgerin 2004 eine Stiftung. "Solche Unterstützungsprogramme wird es erst dann nicht mehr geben, wenn Frauen mit einem anspruchsvollen Beruf gelernt haben, dass sie sich, um Zeit zu sparen, Hilfen für den Haushalt holen müssen, die sie bezahlen."

Förderprogramme, Netzwerke knüpfen, sich einen guten Partner suchen: Es gibt kein Patentrezept, wie man als Frau in der Medizin Karriere macht. "Mein Rat ist: Nicht nach Rat fragen", sagt Nobelpreisträgerin Yonath. "Macht, was euer Herz euch sagt und folgt eurer Neugier."