Bundestagswahl 2017:Plakate kleben im "Swing State"

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CSU-Bundestagskandidat Bernhard Loos

Im Süden des Nordens: Der Bundestags-Wahlkreis, in dem Bernhard Loos, 61, für die CSU antritt, reicht von der Maxvorstadt (das Foto entstand vor dem Brunnen am Geschwister-Scholl-Platz) bis zum Hasenbergl.

(Foto: Florian Peljak)

30 Jahre lang hat Bernhard Loos Wahlkampf für die CSU gemacht. Jetzt tritt er im Münchner Norden selbst an.

Von Dominik Hutter

An diesem Nachmittag geht es wieder einmal zum Plakatekleben. "Ich mache das seit 30 Jahren", sagt Bernhard Loos. "Jetzt halt für mich." Früher, das war parteiliches Engagement für den jeweiligen CSU-Kandidaten, zuletzt war das jahrelang Johannes Singhammer. Jetzt will es der 61-jährige Loos selbst wissen. "Ich bin jetzt genau an dem Punkt, wo ich ein Mandat übernehmen will." Die Gelegenheit ist günstig: Beruflich spricht derzeit nichts gegen eine Neuorientierung, und Singhammer will im Münchner Norden nicht mehr kandidieren. Dass es der Bundestag sein soll, ist Loos seit langem klar. "Das ist einfach meine Welt." Nur: Klappen muss es halt auch. München-Nord, offiziell Wahlkreis 217, ist aus der CSU-Perspektive der schwierigste überhaupt. Ein "Swing State", wie man in den USA sagen würde - wo im schwarzen Bayern auch die SPD immer mal wieder zum Zuge kommt. Loos sagt dazu nur: "Mein ganzes Leben war nicht der einfachste Weg."

Ein Kampf wird es allemal, jenen weitläufigen Wahlkreis zu gewinnen, der Schwabing und die Maxvorstadt ebenso umfasst wie Milbertshofen und das Hasenbergl. Loos war einst im Landesvorstand des Rings Christlich-Demokratischer Studenten sowie der Jungen Union engagiert, aktuell ist er Mitglied des Münchner CSU-Bezirksvorstands und Bezirksgeschäftsführer der Mittelstands-Union. In CSU-Kreisen ist er daher wohlbekannt.

Außerhalb der Partei gilt das nicht unbedingt. An Infoständen, beim Häuserwahlkampf und bei Veranstaltungen will Loos mit den Leuten ins Gespräch kommen, erzählen, was er will und wer er überhaupt ist. Letztlich hätten doch alle die gleichen Probleme, Politiker wie Bürger. "Ich möchte, dass wir hier weiterhin gut leben."

Loos' Rednertalent auf der großen Bühne ist noch ausbaufähig. Im persönlichen Umgang dagegen wirkt er locker, eloquent und redselig. Der verheiratete Vater zweier Söhne ist leidenschaftlicher Motorradfahrer, Gelegenheitsraucher und trotz seiner vielfältigen Verbindungen zu Unternehmerkreisen kein Vollzeit-Krawattentyp. In seiner Freizeit schwimmt er gerne ("aber nicht unbedingt in einem Schwimmbecken"), fährt Ski oder geht in die Berge. Samstags trifft er an wechselnden Orten seine Schafkopfrunde.

Wechselnde Orte - das gilt auch für das Berufsleben des Mannes, der nach eigener Aussagen "ganz klein angefangen hat". Der Sohn eines Religionslehrers machte nach dem Abitur zunächst eine Lehre als Einzelhandelskaufmann, mit allem, was dazugehört: vom Putzen bis zur Buchhaltung. "Das hat mir fürs Leben unheimlich viel mitgegeben." Loos verkaufte Herrenbekleidung, beim damaligen Hertie am Hauptbahnhof im zweiten Stock. Seit dieser Erfahrung ist der CSU-Politiker erklärter Fan der beruflichen Bildung - das Thema wird ihn viele Jahrzehnte lang beschäftigen und soll zu seinen Schwerpunkten im Bundestag gehören. Falls er gewählt wird. Loos hat einen relativ guten Platz auf der Landesliste erhalten, aber sicher ist der Einzug ins Parlament damit nicht. Denn die CSU räumt erfahrungsgemäß den Großteil der bayerischen Direktmandate ab - die Liste kommt nur zum Zuge, wenn es auch noch Überhangmandate gibt.

Trotz seiner Leidenschaft fürs duale Bildungssystem ist Loos auch Akademiker. Nach seiner Zeit bei der Bundeswehr absolvierte er an der Ludwig-Maximilians-Universität ein Studium der Wirtschafts- und Politikwissenschaften. Parallel zog er ein eigenes IT-Unternehmen auf. "EDV nannte sich das damals noch", erzählt Loos. Gearbeitet wurde noch mit der Computersprache Basic und mit Floppy-Disc. Die mittelständische Firma existiert bis heute. Schon nach dem Studium gab es Pläne für eine politische Kandidatur, Loos entschied sich dann aber gegen den Bayerischen Landtag und fürs Kolpingwerk, bei dem er Geschäftsführer wurde. "Eigentlich habe ich mein ganzes Leben in gemeinnützigen Unternehmen gearbeitet".

Nach dem Fall der Mauer engagierte sich Loos in Ostberlin und baute dort die DSU mit auf, eine Art Ostableger der CSU. Diese Partei stellte nach der Volkskammerwahl 1990 mit Peter-Michael Diestel zwar den letzten Innenminister der DDR, versank letztlich aber in der Bedeutungslosigkeit. In der Anfangszeit klebte Loos - wieder einmal - Plakate, unter manchmal recht heftigen Anfeindungen der Berliner, denen die DSU zu rechtskonservativ war.

In München rückte Loos 1990 in den Vorstand der privaten Wirtschaftsschule Sabel auf. Bis es ihn wieder gen Osten zog - nach Leipzig, wo er eine Fachschule aufbaute, die ebenfalls bis heute existiert. "Das war kein Kinderspiel", findet Loos selbst. Auch in China wirkte der CSU-Mann am Aufbau einer Ausbildungsstätte für berufliche Bildung mit: in Shenyang, wo BMW zusammen mit dem chinesischen Autobauer Brilliance ein Werk betreibt. Ein Jahrzehnt lang, so schätzt Loos, war er pro Monat eine Woche in China.

Als Bundestagsabgeordneter will der Katholik Loos für die Gleichberechtigung von akademischer und beruflicher Ausbildung kämpfen. "Derzeit ist der Fokus zu sehr auf Akademisierung ausgerichtet", kritisiert er. Früher habe man gesagt: Das Handwerk hat goldenen Boden. In diese Richtung will der CSU-Kandidat, der sich selbst als wertkonservativ bezeichnet, wieder kommen.

So gebe es keine Institution, die nach der Schule eine kundige Beratung zur Entscheidung zwischen Studium und beruflicher Ausbildung biete. Eigentlich aber, so Loos, müssten bereits die Lehrer auf entsprechende Anregungen spezialisiert sein. Der Bildungsexperte regt regelmäßige Fortbildungen für Pädagogen an, die durchaus den "geschützten Raum Schule/Universität" auch einmal verlassen dürften. In Spitzenjobs der Verwaltung sollen auch qualifizierte Bewerber ohne Universitätsabschluss aufrücken dürfen, und beim Studium selbst wünscht sich Loos ein Überdenken des Bologna-Prozesses, der die Bachelor- und Master-Abschlüsse zur Folge hatte. "Das war der falsche Weg", findet Loos. "Der hat viel versaut."

Weitere Loos-Themen sind die aus eigener Erfahrung berüchtigte Überbürokratisierung der mittelständischen Wirtschaft, die seit Jahrzehnten kritisierte "kalte Progression" im Steuersystem und die Subsidiarität in der Europapolitik - also das Prinzip, Entscheidungen stets so ortsnah wie möglich zu treffen.

Für den eigenen Wahlkreis, den Münchner Norden, wünscht sich der CSU-Kandidat eine sinnvolle und verantwortungsbewusste Wachstumspolitik. Die sieht für Loos so aus: Statt im Stadtgebiet weiter zu verdichten, sollen die Bahnverbindungen in die Peripherie ausgebaut werden - dort sei noch Platz für neue Häuser im Grünen. Der Unternehmer ist überzeugt: Die Münchner mögen ihre Wohnviertel so, wie sie heute sind - und nicht immer quirliger und mit nochmals aufgestockten Häusern. Loos liebt das Grüne, er ist mit fünf Jahren zum ersten Mal den Tegelberg hinaufgelaufen. Privat agiert er lieber urban: Seine Wohnung befindet sich in der Maxvorstadt.

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