Schule in Bayern:"Unser Jahrgang hat ja nichts mehr mit Normalität zu tun"

Coronavirus - München

Bayerns Schülerinnen und Schüler müssen wegen des coronabedingten Lockdowns von zu Hause aus lernen.

(Foto: dpa)

Unter den Abiturienten wächst der Unmut über die Ungewissheit, wann und wie die Abschlussprüfungen geschrieben werden sollen. Sie einfach verschieben? Gegen diese Option spricht einiges.

Von Jakob Wetzel

Den letzten Anstoß habe die Bundeskanzlerin gegeben, sagt Vitus Neumaier. Anfang der vergangenen Woche hatte Angela Merkel laut Bild-Zeitung davon gesprochen, es seien für weitere acht bis zehn Wochen harte Maßnahmen nötig, um das Coronavirus einzudämmen, sonst steige die Inzidenz womöglich auf das Zehnfache. Und Neumaier, Gymnasiast im letzten Schuljahr aus Icking bei Wolfratshausen, sagte sich: Er musste etwas tun.

Der 17-Jährige hat sich am Dienstag hingesetzt und einen offenen Brief an Bayerns Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) und an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) geschrieben. Es müsse endlich einen verlässlichen Plan für die Abschlussprüfungen geben, schrieb Neumaier - und er sprach Ängste und Sorgen aus, die offensichtlich viele Schülerinnen und Schüler teilen. Söder habe mehrmals betont, keinem Schüler solle durch Corona ein Nachteil bleiben. Doch von bisher drei Halbjahren seiner Oberstufe seien schon zwei massiv von den Folgen der Pandemie betroffen, schrieb Neumaier. Trotzdem werde scheinbar um jeden Preis an regulären Abschlussprüfungen festgehalten. Es müsse schnellstmöglich entschieden werden, wie, wann und ob die Prüfungen überhaupt geschrieben werden. "Tägliches Warten auf eine derartige Entscheidung belastet und verunsichert viele von uns massiv."

Von der Resonanz auf seinen Brief ist der Schüler selber verblüfft. Er zeigte ihn zunächst Mitschülern seines Jahrgangs. Als die ihn gut fanden, teilte er ihn in den sozialen Medien, legte dafür ein Profil namens "deinabitur2021" an und erhielt tausendfach Zustimmung, nicht nur von Schülern. Auch unter Eltern formiert sich Protest. Am Samstag hätte Neumaier auf dem Odeonsplatz in München sprechen sollen; Eltern Münchner Schüler hatten dort eine Kundgebung angemeldet, sie dann aber kurzfristig doch wieder abgesagt, wegen der hohen Infektionszahlen - und der vielen Anmeldungen. "Wir hatten die Sorge, dass wir überrannt werden", sagt Anita Gentzke, eine der Organisatorinnen.

Gentzke erzählt eine ähnliche Geschichte wie Vitus Neumaier. Ihr Sohn besucht das Oskar-von-Miller-Gymnasium in München-Schwabing, auch er steht vor dem Abitur. Seit Monaten sähen sie den Frust und die Verzweiflung der Schüler, sagt Gentzke. Am 10. Januar setzte sie sich schließlich mit Isabel Gocke zusammen; deren Tochter ist im selben Jahrgang wie Gentzkes Sohn. "Das kann so nicht weitergehen", sagten die beiden und vernetzten sich. Am Abend hätten sie in eine Whatsapp-Gruppe 19 Eltern eingeladen und diese gebeten, mehr Interessierte anzuschreiben, erzählt Gentzke. Am nächsten Morgen seien schon 120 Eltern in der Gruppe gewesen; derzeit hätten sie Kontakt mit mehr als 400 Familien mit Kindern in Gymnasien, Realschulen und Fachoberschulen in München und im Umland.

Gentzke und Gocke haben ebenfalls an die Staatsregierung geschrieben. Termine und Inhalte der Prüfungen seien offen, eine adäquate Vorbereitung nicht möglich, heißt es in ihren Briefen. Und: Dass in Bayern anders als in anderen Bundesländern auch die Abschlussklassen keinen Präsenzunterricht erhalten, empfänden sie als Zumutung. Von den Infektionszahlen her sei das natürlich verständlich, erklärt Gentzke; in dieser Frage gebe es unter den Eltern auch verschiedene Meinungen. Doch die Lage sei für die Schüler ungerecht. Und es gehe ihnen keineswegs nur um die eigenen Kinder, sondern um alle. Der Abschlussjahrgang 2021 sei mit den Schulschließungen und mit mal mehr, mal weniger Wochen in Quarantäne viel schlimmer von der Pandemie betroffen als der von 2020. Für die kommenden Jahrgänge gelte dasselbe.

Was tun? "Die Schülerinnen und Schüler sollen auch in diesem Schuljahr faire Bedingungen bekommen", versichert das bayerische Kultusministerium. Minister Piazolo stimme sich derzeit "mit den Verbänden der Schulfamilien aller Schularten" ab, zu Beginn dieser Woche werde er Ergebnisse bekanntgeben. Die Abschlussprüfungen wie zuletzt erneut zu verschieben, sei aber keine Lösung, warnt Gentzke: Die Schüler müssten ja für die Zeit nach der Schule planen, sich immatrikulieren, sich bewerben. Und die Abschlussklassen wieder in die Schulen zu schicken, werde auch nicht reichen, sagt Neumaier: Die Schüler hätten schon zu viel verpasst. Auch wegen der Infektionslage sei das nicht sinnvoll.

Gentzke fordert, man müsse den Prüfungsstoff weiter reduzieren. In Hessen etwa habe die Landesregierung angekündigt, es würde nur abgefragt, was wirklich unterrichtet werden konnte. Doch das sei ja jeweils unterschiedlich, sagt Gentzke. Da müsse man fragen, ob es überhaupt sinnvoll sei, bayernweit einheitliche Abituraufgaben zu stellen. Neumaier schlägt vor, stattdessen aus den bisherigen Noten ein Durchschnittsabitur zu errechnen und den Schülern zu ermöglichen, ihre Note durch freiwillige Prüfungen zu verbessern. "Unser Jahrgang hat ja nichts mehr mit Normalität zu tun", sagt er. Das müsse man berücksichtigen.

In jedem Fall müsse ein verbindlicher Plan her, sagen beide. "Wir brauchen eine Perspektive", sagt Neumaier. "Wir lernen zurzeit in die Leere."

© SZ vom 18.01.2021/mmo
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