Ausstellung in Murnau:Im Holz

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Ausstellung in Murnau: Georg Thumbachs Kohlezeichnung "Ohne Titel" (2021, 200 x 151 cm) in der Ausstellung "Into The Wild" der Kunststiftung Petra Benteler Murnau.

Georg Thumbachs Kohlezeichnung "Ohne Titel" (2021, 200 x 151 cm) in der Ausstellung "Into The Wild" der Kunststiftung Petra Benteler Murnau.

(Foto: Dionys Asenkerschbaumer, Kellberg)

Der Maler und Bildhauer Georg Thumbach spürt in seinen Zeichnungen und Plastiken dem Innenleben von Wald und Bäumen nach.

Von Sabine Reithmaier, Murnau

Georg Thumbachs Kohlezeichnungen entwickeln einen unheimlichen Sog. Die Bäume stehen dicht, die Äste erschweren ein Weiterkommen, auch die Sicht reicht nicht weit. Zu undurchdringlich ist das Gewirr an Zweigen und Ranken. Tatsächlich entstehen die großformatigen Arbeiten "Into The Wild", wie es der Titel der Ausstellung ankündigt. Denn Thumbach arbeitet mitten im Dickicht, streift, eine Holzplatte als Zeichenunterlage auf dem Rücken, solange zwischen den Bäumen umher, bis es eine Art "Kurzschluss" (Thumbach) zwischen Motiv und Künstler gibt. Das Zeichnen auf dem 200 auf 150 Zentimeter großen Papier muss dann schnell gehen, denn in einem engen Fichtenwald verändern sich Licht und Schatten binnen weniger Minuten.

Perspektivwechsel erwünscht

Piroschka Tutsek-Dossi eröffnet mit den Werken des Malers und Bildhauers aus Fürstenzell eine neue Ausstellungreihe in den Räumen der Petra-Benteler Stiftung am Riegsee. 2014 hatte die ehemalige Fotogaleristin und Kunstsammlerin Petra Benteler beschlossen, eine gemeinnützige Stiftung zu gründen, um Kunst und Kultur im Blauen Land durch Ausstellungen zu fördern. Zu diesem Zweck erwarb sie eine ehemalige Möbelausstellungshalle in Neu-Egling (Murnau). Bis 2018 gab es dort alljährlich eine große Ausstellung, betreut vom Künstler Ugo Dossi. Dann wurde es eine Weile ruhig. Doch jetzt steht Piroschka Tutsek-Dossi, Kunsthistorikerin und Autorin des Bestsellers "Hype! Kunst und Geld", dem Vorstand der Stiftung vor und will mit der Reihe "Changing Perspectives" junge Talente und neue Perspektiven vorstellen. Wie bisher wird es eine große Ausstellung im Jahr geben, neben Malerei liegt der zweite Schwerpunkt der Stiftung auf der Fotografie.

Der Vater nahm den Sohn mit in den Wald

Mit Georg Thumbach hat sie eine gute Wahl getroffen. 1972 in Landshut geboren studierte er Malerei an der Münchner Akademie bei Fridhelm Klein und Ben Willikens. Anders als in Jon Krakauers Buch "Into The Wild" und dem späteren Film Sean Penns, in dem Christopher McCandless auf der Suche nach dem einfachen Leben in den abgelegenen Wäldern Alaskas verhungert, begnügt sich Thumbach allerdings mit den Fichtenschonungen des Bayerischen Waldes. Woher die Liebe zum Wald stammt? "Vermutlich aus meiner Kindheit", sagt er. Der Vater arbeitete beim Forst, nahm den Sohn viel mit in den Wald, auch auf die Jagd. Thumbach erinnert sich gut an die Langeweile während des Ansitzens. "Aber du entwickelst ein Gefühl fürs Licht, merkst, wenn in der Dämmerung etwas verschwimmt, was gerade vorher noch scharf war, spürst Verdichtungen nach." Freilich, dass er als Förstersohn Bäume zeichnete, fand er in seinen Anfangsjahren doch zu klischeehaft. "Ich habe viele Fluchten unternommen, um andere Themen zu finden." Um dann doch zu erkennen, wie sehr ihn der Wald geprägt hat.

Manche Arbeiten entstehen auch im Atelier. Formate und Formen sind ähnlich, aber freier und abstrakter, geschaffen aus der Verinnerlichung dessen, was er draußen beobachtet hat. Im Atelier experimentiert er mit farbigen Tuschen, versucht herauszufinden, wie sich die Wahrnehmung eines Motivs durch die jeweilige Farbe verändert. Kohle sei viel kalkulierbarer, sagt er, der Pinsel verändere, je nach Andruckstärke, die Linie, zwinge ihn dazu, ein bisschen Kontrolle abzugeben. Aber nur ein bisschen. "Rein gestisch ist mir suspekt, es muss für mich nachvollziehbar und lesbar sein", sagt er. Weshalb Bäume und Astgewirr erkennbar bleiben.

Ausstellung in Murnau: Den fragilen "Chronos" hat Georg Thumbach aus einem zu einem Vierkant geschnittenen Fichtenstamm freigelegt.

Den fragilen "Chronos" hat Georg Thumbach aus einem zu einem Vierkant geschnittenen Fichtenstamm freigelegt.

(Foto: Dionys Asenkerschbaumer, Kellberg)

Für manche Bilder legt er Grobspanplatten ins Feuer, schon allein deshalb, um sich selbst mit immer neuen Situationen zu konfrontieren. Zögerlich darf er auch hier nicht sein, auch diese Arbeiten setzen die Beherrschung der Mittel voraus. Nach dem Brand arbeitet er Helligkeiten neu heraus, schneidet manches mit der Motorsäge, glättet anderes nur mit Schleifpapier. Die Späne jedenfalls lassen die Bilder wie Reliefs wirken, was noch mehr für jene Werke gilt, auf die er vor dem Brennen flüssigen Lehmmatsch aufgetragen hat.

Grandios sind seine Plastiken. Der fragile "Chronos" zum Beispiel, ein alter zu einem Vierkant geschnittener Fichtenstamm, den er behutsam nach innen verjüngt hat, um dessen Essenz freizulegen. Jede Wölbung ist vorgegeben durch das Wachstum, am Ende bleibt ein zerbrechlich wirkender Stamm übrig. "Da ist gespeicherte Zeit drin", sagt er, auch ein Grund, warum Chronos formal an eine Sanduhr erinnert. Fabelhaft auch "Oros" (griechisch für Berg), ein Erdstammstück, das er ausgehöhlt und die Jahresringe kegelförmig freilegt hat. "Was drinsteckt, soll sprechen", sagt er. Gestalterisch greife er so wenig wie möglich ein. "Ich bin neugierig, was aus dem Holz rauswächst."

Ausstellung in Murnau: Der Blick durch den Innenraum des "Wirbels".

Der Blick durch den Innenraum des "Wirbels".

(Foto: Dionys Asenkerschbaumer, Kellberg)

Im zweiten Raum liegt "Wirbel", der Stamm einer drehwüchsigen Kiefer mit hohlem Innenraum. Der Baum war schon abgestorben, als er ihn fand, hat daher Bläueeinlagerungen, die die beginnende Zersetzung signalisieren. Auch ihn hat er ausgehöhlt, die verbliebene Außenschicht ist unglaublich dünn, Thumbach kann die fast vier Meter lange Skulptur mit einer Hand tragen. Faszinierend ist es, der Länge nach durch den Stamm zu blicken und das wirbelige Farbenspiel zu beobachten, das durch das aus Astlöchern einfallende Licht entsteht.

Je mehr Holz er raushole, desto größer werde der Innenraum, sagt Thumbach. Doch ein einziger Schnitt zu viel und der ganze Raum verschwindet. Spannend, dieses ewige Ausbalancieren.

Georg Thumbach: Into The Wild, bis 19. September, geöffnet Fr. 14 bis 18 Uhr, Sa. 11 bis 16 Uhr, Kunststiftung Petra Benteler im Blauen Land, Neu Egling 3, 82418 Murnau

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