Ausgesetztes Baby in München Wie eine vertrauliche Geburt Schwangeren in Not helfen soll

  • Nach dem Fund eines Neugeborenen in einem Gebüsch in München weisen Experten auf die Möglichkeit einer "vertraulichen Geburt" hin, bei der die Mutter im Krankenhaus nicht ihre Identität angeben muss.
  • So soll verhindert werden, dass verzweifelte Schwangere ihre Gesundheit und die ihres Kindes aufs Spiel setzen.
  • Dem Baby, das am Wochenende gefunden wurde, geht es den Umständen entsprechend gut. Die Mutter ist offenbar gefunden.
Von Günther Knoll und Sebastian Krass

"Sie müssen in Deutschland keine Repressalien fürchten." Das ist eine von zwei Kernbotschaften, die Olaf Neumann an Schwangere hat, die sich nicht in der Lage sehen, unter Nennung ihres Namens ihr Kind zur Welt zu bringen. Die zweite Botschaft des Chefarztes der Frauenklinik im Krankenhaus Schwabing ist: "Gehen Sie zu einer der Beratungsstellen für Schwangere, dort wird Ihnen hochprofessionell geholfen. Es muss wirklich nicht sein, dass eine Frau ihr Neugeborenes irgendwo ablegt."

Anlass für Neumanns Ratschläge ist der Fall eines Babys, das am Samstag in einem Gebüsch in Neuperlach gefunden wurde, mit einer Körpertemperatur von nur noch 26 Grad. Die Hilfe kam wohl rechtzeitig. Dem Kind geht es den Umständen entsprechend gut, es hat den Namen Justus bekommen. Auch die Mutter ist inzwischen offenbar gefunden.

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Doch es stellt sich die Frage, wie sich solche Fälle verhindern lassen. Seit 2014 gibt es die Möglichkeit der sogenannten vertraulichen Geburt, bei der die Mutter ihr Kind anonym zur Welt bringen kann, wenn sie vorher bei einer Schwangerenberatung ihre Identität hinterlegt hat. Vorher schon boten einige Kliniken die Möglichkeit einer anonymen Geburt an. Mutter und Geburtshelfer bewegten sich damit aber in einem rechtlichen Graubereich, weil jeder Mensch das Recht hat, seine Herkunft zu erfahren. Mit der neuen Regelung soll dieses Dilemma aufgelöst werden. In Bayern gab es seit Inkrafttreten 39 vertrauliche Geburten, 13 davon in München.

Eva Zattler leitet die Beratungsstelle von Pro Familia an der Türkenstraße. Dreimal hat sie bisher über die vertrauliche Geburt beraten. Zwei Mütter entschieden sich dafür, eine wollte dann doch mit ihrem Kind leben. Vor der Geburt muss die Mutter ihre persönlichen Daten bei der Beratungsstelle hinterlegen, die Geburt läuft unter unter einem Pseudonym ab. Die Beratungsstelle gibt die Daten der Mutter - ohne dass jemand anders sie einsehen kann - nach der Geburt mit Geburtsdatum und -ort des Kindes an das Bundesamt weiter. Dieses bekommt wiederum vom Standesamt den Namen des Kindes gemeldet, verknüpft mit dem Pseudonym der Mutter, unter dem sie entbunden hat. Im Bundesamt für Familie dann wird der Name des Kindes im Herkunftsnachweis vermerkt und sicher aufbewahrt.

Die Mutter kann sich bis zum Abschluss des Adoptionsverfahrens - erfahungsgemäß nach etwa einem Jahr - für das Leben mit dem Kind entscheiden. Passiert das nicht, hat das Kind frühestens nach 16 Jahren in der Regel das Recht, die Daten zu seiner Herkunft einzusehen.

"Es gibt auch Frauen, die ihre Schwangerschaft bis zuletzt verdrängen"

Das bayerische Sozialministerium weist darauf hin, dass manche Kliniken weiterhin anonyme Geburten durchführen, es nennt aber keine Anlaufstellen. Außerdem gibt es in München zwei Babyklappen, in denen ein Neugeborenes abgelegt werden kann: am Klinikum Schwabing und am Kloster St. Gabriel in Solln. Die offiziellen Stellen warnen aber vor der Gefahr, dass weder Mutter noch Kind bei der Geburt betreut werden. Zudem wird in diesen Fällen dem Kind das Recht genommen, seine Abstammung zu erfahren. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es überlebt, ist höher, als wenn es im Gebüsch abgelegt wird.

Dennoch werden auch solche Fälle wieder vorkommen. "Es gibt auch Frauen, die ihre Schwangerschaft bis zuletzt verdrängen und dann eine überfallartige Geburt erleben", sagt Eva Zattler. "Oft sind es sexuelle Gewalterfahrungen, die eine solche Verdrängung auslösen."

Welche Motive die Frau hatte, die ihr Kind in Neuperlach ausgesetzt hat, das versucht die Polizei zu ermitteln. Am Sonntagnachmittag stießen Beamte auf eine 27-Jährige aus dem Raum Frankfurt, die inzwischen eingeräumt hat, die Mutter des Kindes zu sein.

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Das Befinden des Buben, der in der Säuglingsabteilung einer Münchner Klinik behandelt wird, ist ausschlaggebend für die weiteren Ermittlungen, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagt: "Aussetzung und Körperverletzung kommen als Straftatbestand infrage, gegebenenfalls auch ein Tötungsdelikt, aber da können wir uns noch nicht festlegen." Dabei gehe es auch um die Frage, "wie lange das Kind alleine und ungeschützt da lag".

Die Polizei geht davon aus, dass die Frau das Kind in dem Vorgarten an der Therese-Giehse-Allee zur Welt gebracht hat, wegen der Unterkühlung und der "unfachmännisch abgetrennten Nabelschnur". Auf die Spur der Mutter war sie durch einen dort wohnenden 47-jährigen Journalisten gekommen, der angab, eine Frau übers Internet kennengelernt zu haben. Am Freitag habe man sich erstmals getroffen, im Biergarten gefeiert und dann in seiner Wohnung Sex gehabt.

Von einer Schwangerschaft sei er trotz eines kleinen Bauches nicht ausgegangen, auch nicht, als die Frau ihn morgens wegen Blutungen und Unterleibsschmerzen geweckt habe. Sie sei dann kurz verschwunden, ehe er sie zum Bahnhof gebracht habe. Später habe sich die Frau aus einer Frankfurter Klinik bei ihm gemeldet. Festgenommen wurde die Frau nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht, da keine Fluchtgefahr bestehe.

In München sorgte 2013 ein Fall für Aufsehen, in dem ein Baby in einem Mietshaus in Moosach ausgesetzt wurde. Die Mutter legte einen Zettel dazu mit der Bitte, sich um das Kind zu kümmern. Sein Name sei Raquel. 2015 ließ eine Frau ihr Neugeborenes in einer Kloschüssel im Flughafen zurück, mit um den Hals gewickelter Nabelschnur. Das Kind überlebte nur knapp. Die Frau wurde gefunden und wegen versuchten Totschlags zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt.

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