bedeckt München 28°

Anika Landsteiner:Eine Autorin, die sich an Tabuthemen traut

Anika Landsteiner

"Wir haben erst Gleichberechtigung, wenn unqualifizierte Frauen in Machtpositionen kommen." Davon ist Anika Landsteiner überzeugt. Hier trägt sie ein Shirt mit einem Cher-Zitat.

(Foto: Maximilian Heinrich)

Über häusliche Gewalt sprechen nicht viele. Die Autorin und Podcasterin Anika Landsteiner schon. Der neue Roman der Münchnerin heißt "So wie du mich kennst" - und greift noch andere Tabus auf.

Von Bernhard Blöchl

Anika Landsteiner schreibt gern. Und spricht gern. Und hört gern zu. Man könnte sagen, die junge Münchnerin ist ein Kommunikations-Ass. Eines, das mit Romanen und Sachbüchern von sich reden macht, mit Podcast-Gesprächen über Frauen und Tabuthemen. Aber wehe, man nennt Landsteiner, die auch Schauspielerin ist, "Powerfrau". Das kann sie nämlich überhaupt nicht leiden. Weil der Begriff eine Abweichung von der Norm betont; weil man "Powermann" auch nicht sagt. Dazu hat sie sich ausführlich in Zeitungsartikeln und Podcast-Sendungen geäußert. Feministin ist Anika Landsteiner nämlich auch. Aber dazu später.

Zunächst soll es um ihren neuen Roman gehen, der kürzlich erschienen und auf Anhieb in die Top 20 der Spiegel-Bestsellerliste (Paperback) eingestiegen ist: "So wie du mich kennst" (Krüger/Fischer) ist ein tiefgründiges wie fesselndes Buch über zwei Geschwister und die Last dunkler Familiengeheimnisse. Die Erzählung, die in Unterfranken und New York spielt, setzt nach dem Unfalltod von Marie ein. Karla, mit 33 die ältere der beiden, stößt bei der Wohnungsauflösung im East Village auf verstörende Fotos. Folglich fragt sie sich, wie gut sie ihre Schwester wirklich kannte.

Der Roman, Landsteiners zweiter nach "Mein italienischer Vater" (Diana 2018), erzählt abwechselnd aus der Perspektive von Karla, einer in der Provinz verhafteten Lokalreporterin, und der von Marie, einer weltoffenen Fotografin mit gescheiterter Ehe. Spannend wie ein Psycho-Thriller liest sich diese Entdeckung, gründelnd wie ein gutes Familiendrama. Immer tiefer dringt Karla in die Vergangenheit ihrer toten Schwester ein. In der Folge wird man als Leser mit einem bohrenden Themenmix konfrontiert, der, so viel darf und sollte verraten werden, häusliche Gewalt einschließt. Von Ohrfeigen und Wegstoßen ist da die Rede, von Handschellen und Einsperren in den Kleiderschrank.

"Ich wollte der Trauerbewältigung eine zweite Ebene hinzufügen", sagt Anika Landsteiner, "etwas, das einen erschüttert. Und dann muss es auch knallen." Das Gespräch mit ihr findet im Freien statt, im Gehen. Von ihrer Wohnung in Harlaching führt der Weg zum Isar-Hochufer. Spaziergänge sind ja längst zum Alltag geworden, auch für Schriftstellerinnen. Landsteiner erzählt, dass sie beim Schlendern häufig Ideen wälzt. Auch buchprägende Telefonate, etwa mit ihrer Lektorin, habe sie auf diese Weise erlebt. In jüngster Zeit lenkt sie dabei ihr kleiner Hund ab, Franny, ein wuscheliges Waisenhündchen aus Andalusien. An diesem Frühlingstag ist Franny nicht dabei. Landsteiner kann sich ganz auf das Interview konzentrieren. Das ist wichtig bei den komplexen Themen, die sie im Roman aufgreift - und die sie auch sonst beschäftigen. Themen, die so gar nicht zu dem sonnigen Wetter passen. Aber zu welchem Wetter passen schon blaue Flecken und Erniedrigung?

"Das Schlimme ist", sagt Anika Landsteiner, "dass ich keine Frau kenne, die keine sexualisierte Gewalt kennt." Eine ihrer besten Freundinnen sei in häuslicher Gewalt groß geworden, "nicht vom Partner, sondern vom Papa". Eine andere Freundin sei Paartherapeutin, diese habe eine "große Expertise in Gewalt in Beziehungen". Ihr großes Netzwerk, viele Gespräche und einiges an Lebenserfahrung, all das habe ihr geholfen, ihre Hintergrundgeschichte stimmig zu formen.

Ein Tabuthema ist auch die Scham, über Gewalt in Beziehungen zu reden. Nach einem Jahr Lockdown herrscht großes Schweigen. Dass sie selbst immer offener für das Thema wurde, hing auch mit ihren Podcasts zusammen. Seit Ende 2017 erscheint "Über Frauen", frei zugängliche Online-Gespräche mit Frauen, in denen es unter anderem um Abtreibung geht, Shitstorms und Unwörter wie "Powerfrauen". Ursprünglich hatte Landsteiner "Über Frauen" als Diskussionsreihe in München veranstaltet. "Damals war man analog unterwegs, und ich dachte mir nach einiger Zeit: warum nicht digital? Heute denke ich mir: Hör mir auf mit allem, was digital ist." Podcasts mag sie noch immer, trotz der Lockdown-Müdigkeit. "Bleibt unter uns" ist ein weiteres Projekt, ein Podcast über gesellschaftliche Tabus, zu hören auf der Bezahlplattform Podimo. Da geht es etwa um postpartale Depression, die Pornoindustrie oder eben: um häusliche Gewalt.

Setzt man sich mit Anika Landsteiner und ihrem Schaffen auseinander, fällt eines besonders auf an dem Kommunikations-Ass. Wenn sie spricht und schreibt, dann achtet sie auf sprachliche Nuancen und deren Wirkungen. Während des Interviews sagt sie mehrmals "Leser", Pause, "Innen". In einer Podcast-Folge wiederum sagt sie zu einer Frau: "Du bist jemand, die sagt." Viele würden - auch zu Gesprächspartnerinnen - sagen: "Du bist jemand, der sagt." Im Roman lässt sie dem Ausspruch eines Mannes "Ach ja, die Zeiten nach ,Me Too'" den entlarvenden Satz folgen: "Er zeichnet Gänsefüßchen in die Luft." Und auf Pressefotos und auf Instagram trägt sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck: "Mom, I Am A Rich Man".

Anika Landsteiner weiß, dass komplex gedacht werden muss in dieser Welt, "weil alles komplex ist". Sie wurde nicht als Feministin und Gerechtigkeitsfanatikerin geboren, hat aber auf Reisen gelernt, "dass ich selbst sehr eindimensional denke". Also hörte sie den Menschen zu, hat Noah Sow gelesen ("Deutschland Schwarz Weiß: der alltägliche Rassismus") und sich für Gleichberechtigung interessiert. Deshalb sei auch die Gender-Debatte wichtig, findet sie. "Keiner verteufelt jemanden, wenn er mal die Sternchen vergisst. Darum geht es nicht", sagt sie. "Es geht darum, dass man anerkennt, dass es andere Stimmen gibt, die nie gehört worden sind." Sprache habe sich schon immer verändert, "und wir haben halt keine bessere Lösung". Landsteiner kommt in Fahrt. "Wir haben erst Gleichberechtigung, wenn unqualifizierte Frauen in Machtpositionen kommen."

Damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Ihr Roman "So wie du mich kennst" ist feministisch, das ja, aber es werden keine Fahnen geschwenkt. Landsteiner konzentriert sich ganz auf die Geschichte der Schwestern, bleibt dabei sprachlich fein und sensibel. Ein großes Thema sind auch Heimat und Ferne, Bleiben und Gehen. Unteroberheim und New York. Landsteiner selbst ist in einem Dorf in Unterfranken aufgewachsen, im East Village hat sie kurz vor dem Lockdown noch recherchiert. Das fiktive Unteroberheim ist ihrer Heimat nicht unähnlich.

Sie wurde 1987 geboren, hat keine Geschwister, aber 14 Cousins und Cousinen. "Ein Potpourri an Menschen, mit denen ich klarkommen musste." Nach München kam sie, weil sie dort an einer Schauspielschule angenommen wurde, "Schauspiel München" in der Dachauer Straße, die es heute nicht mehr gibt. Vier Jahre lang übte sie den Beruf aus, hatte kleinere Rollen im "Marienhof" und beim "Bergdoktor". "Fürs Theater war ich nie laut genug", sagt sie. Dann schob sich das Schreiben zurück in ihr Leben, sie arbeitete als Bloggerin und Journalistin, ein paar Jahre lang leitete sie das Stadtmagazin Mucbook. Zurück deshalb, weil sie schon als Kind geschrieben habe, wie sie erzählt. "Als ich klein war, hab ich schon Drehbücher geschrieben. Und dann habe ich es den Kuscheltieren vorgespielt." Schreiben und spielen, das Schreiben hat sich durchgesetzt.

Auf dem Rückweg des Interview-Spaziergangs passiert es dann doch noch. Als sie davon erzählt, wie sie sich in vielen Kanälen der Öffentlichkeit präsentiert, sagt sie: "Ich bin niemand, der vor die Kamera tritt und sich erst mal schminkt und überlegt, was er sagt." Niemand, der. Statt Niemand, die. Das Kommunikations-Ass hat einen Fehler gemacht, ein Fehlerchen in ihrem Sinne. Das aber ist menschlich. Und macht sie nur noch sympathischer.

© SZ vom 27.05.2021/vewo, van
Zur SZ-Startseite

Genderdebatte
:Das Suffix an der Waage

Die Künste streiten über Gender­gerechtigkeit. Autoren und Musiker wie DJ Hell, Ronya Othmann, Jovana Reisinger, Mira Mann und Nele Pollatschek gehen längst eigene Wege.

Von Stefan Sommer

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB