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Anfänge des NS-Regimes:Das antidemokratische Klima zog Demagogen an

So gelang es ihm, seiner Bewegung, die vor allem durch Terror auf den Straßen und in Bierkellern auf sich aufmerksam gemacht hatte, eine kultivierte Seite zu geben. Aus dem universitären Umfeld und vom Chefredakteur des Völkischen Beobachters, Dietrich Eckart, klaubte er sich verschiedene Elemente für seine Rassenideologie zusammen.

Schon Anfang der Zwanzigerjahre waren die antisemitischen Kräfte in ganz Deutschland stärker geworden. In Bayern regierte seit März 1920 der erzreaktionäre Gustav von Kahr, der die "Ordnungszelle Bayern" als Gegenpol zum, wie er es verstand, sündigen und chaotischen Berlin etablierte. In München entstand ein antidemokratisches Klima, das rechte Politiker und Demagogen aus allen Teilen des Landes anzog.

In diesem Milieu fand Hitler viele Mitstreiter. In der Nacht zum 9. November 1923 versuchte er einen Putsch, der von der bayerischen Polizei an der Feldherrnhalle niedergeschlagen wurde. Das Bayerische Volksgericht ließ sich beim anschließenden Hochverratsprozess gegen Hitler mehr von Sympathien für die Rechtsradikalen als vom Recht leiten. Hitler wurde zu milden fünf Jahren Festungshaft in Landsberg verurteilt. Schon nach wenigen Monaten wurde er wegen guter Führung entlassen. Die Aura des Putschisten und politischen Gefangenen stärkte sein Ansehen bei allen, die die Republik verachteten.

Kult um die sogenannten Blutzeugen

In der Folge gelang es Hitler, Arbeiter und Kleinbürger ebenso in den Bann zu ziehen wie viele Münchner Akademiker. Nach der Machtübernahme hatten es die Nazis eilig, sich des Rathauses zu bemächtigen und Oppositionelle, Juden und andere missliebige Personen zu verfolgen.

Rasch ließ der SS-Reichsführer Heinrich Himmler das KZ Dachau errichten, das als Modell für alle folgenden Konzentrationslager diente. München wurde zu einer Art Testgelände für den nationalsozialistischen Terror. Überdies machte Hitler die Stadt zum mythisch aufgeladenen Mittelpunkt der NS-Bewegung, was insbesondere im Kult um die sogenannten Blutzeugen zum Ausdruck kam, die Toten des Putschversuchs von 1923.

In München konnte er das gesamte Register der nationalsozialistischen Ideologie durchspielen. Ihm kam dabei entgegen, dass sich die deutschen Städte geradezu darum rissen, in den Reigen der sogenannten Führerstädte aufgenommen zu werden.

Auch architektonisch sollte die "Hauptstadt der Bewegung" als solche erkennbar sein. Die Nazis wollten sie in ihrem Sinne neu gestalten. Das Parteiviertel in der Maxvorstadt gibt einen erschütternden Eindruck davon, wie es ausgesehen hätte, wenn Hitler alle seine gigantischen architektonischen Pläne hätte verwirklichen können. Eines der ersten Projekte der städtebaulichen Neukonzipierung war das "Haus der Deutschen Kunst" , das 1937 mit einer dreitägigen Feier eröffnet wurde, während gleichzeitig in der Ausstellung "Entartete Kunst" in den Hofgartenarkaden Werke und Künstler der Moderne und Avantgarde diffamiert wurden.

Die Nazis inszenierten München quasi als mythischen Geburtsort der braunen Bewegung, während sich das politische und administrative Zentrum der NS-Herrschaft längst nach Berlin verlagert hatte.

© SZ vom 29.04.2015/tba
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