Nordkorea:Noch ein unberechenbarer Diktator

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Nordkorea: Bei einem Test im August 2019: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un.

Bei einem Test im August 2019: Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un.

(Foto: HANDOUT/AFP)

Das kommunistische Regime testet eine Interkontinentalrakete - und erinnert die Welt an ein Sicherheitsproblem, das zuletzt etwas in Vergessenheit geraten war.

Kommentar von Thomas Hahn

Am Freitag kam die Bestätigung aus Pjöngjang. Bei jener Rakete, die Nordkoreas Regime am Donnerstag zu Testzwecken abgeschossen hatte, handele es sich tatsächlich um die neue ballistische Interkontinentalrakete Hwasong-17. Um eine potenzielle Atomwaffe also, die Ziele überall in den USA treffen könnte. Südkoreas Sicherheitsrat hatte vorher schon verkündet, dass dieser Abschuss Nordkoreas erster Test einer Langstreckenrakete seit 2017 war. Aber wenn Nordkoreas Staatsmedien das Ereignis selber zelebrieren, wenn sie dazu die handschriftliche Genehmigung des Tests durch Machthaber Kim Jong-un veröffentlichen sowie ein Bild des klatschenden Arbeiterparteichefs mit jubelnden Mitgliedern der Militärspitze - dann bekommt die bedrohliche Demonstration eine zusätzliche Qualität.

Das Regime hat damit nun auch offiziell das Moratorium beendet, das es sich im April 2018 auferlegt hatte. Damals war die Stimmung zwischen Nordkorea, Südkorea und den USA umgeschlagen. Südkoreas neuer Präsident Moon Jae-in schien Erfolg zu haben mit seiner Politik der Annäherung. Kim sagte, er sehe gerade keinen Grund für Atomwaffen- und Langstreckenraketen-Tests. Die Feinde verhandelten. Hoffnung keimte. Vorbei. Und nun?

Kim Jong-un ist ein Machthaber, den in erster Linie sein eigenes Überleben interessiert und erst mit weitem Abstand dahinter das Wohlergehen der Menschen in seinem Land. In der Phase der Entspannung sprengte er Teile eines Waffentest-Areals, die er nicht mehr brauchte, als Zeichen des guten Willens - und bekam dafür aus seiner Sicht zu wenig zurück.

Der große Nachbar hilft mit dem Nötigsten

Er wollte eine deutliche Lockerung der UN-Sanktionen. Aber seine Atomwaffen mochte er dafür nicht hergeben. Er glaubt, sie für den Machterhalt zu benötigen. Er sieht jetzt mit Interesse auf die Ukraine, die 1994 zustimmte, ihre Atomwaffen aus der Sowjetzeit zu zerstören und nun dem russischen Angriff ausgesetzt ist. Für nachhaltige Entspannung hätten die Amerikaner den Anspruch der Denuklearisierung etwas lüften müssen. Das geschah nicht. Kim wurde schnell ungeduldig. Im Grunde war das Tauwetter schon Ende 2019 vorbei, als Kim das Moratorium erstmals infrage stellte.

Und nun? Nordkorea geht es schlecht. Die harte Abschottung wegen des Coronavirus erschwert die Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln und lähmt den Handel. Dazu kommen die UN-Sanktionen. Man sollte meinen, die Not stimme das Regime versöhnlicher. Aber so ist es nicht. Der große Nachbar China hilft mit dem Nötigsten, weil er Nordkorea als Pufferzone zur Westallianz braucht. Und die Bevölkerung ist eben nicht Kims erste Sorge. Sondern seine Macht. Also rüstet er auf.

So darf es nicht weitergehen, dazu ist Kim zu unberechenbar. Durch gutes Zureden erreicht man bei ihm nichts, das haben die letztlich vergeblichen Annäherungsversuche des nun scheidenden Moon gezeigt. Dessen konservativer Nachfolger Yoon Suk-yeol will Kim mit Härte zum Einlenken zwingen. Das dürfte genauso wenig Erfolg haben und die Kriegsgefahr erhöhen.

Was tun? Kim Jong-un ist ein ruchloser Diktator. Man kann ihn nicht erziehen. Man kann ihm den Frieden allenfalls abkaufen. Wenn man Nordkoreas Rüsten stoppen und den Menschen dort helfen will, wird man dem Regime wohl oder übel etwas bieten müssen, das der Wirtschaft dort aufhilft. Welch ein Dilemma: Wenn die USA das aus durchaus verständlichen Gründen nicht wollen, bleibt alles so verfahren, wie es gerade ist.

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