Queere Menschen:Schutzlos

Lesezeit: 1 min

Nach einem Angriff beim CSD in Münster stirbt ein trans Mann. Das ist entsetzlich, leider zeigt sich Gewalt gegen queere Menschen aber oft viel früher. Und sie nimmt zu.

Kommentar von Simon Sales Prado

Es ist erneut passiert. Schon wieder wurde ein queerer Mensch in Deutschland bedroht und angegriffen. Schon wieder war diese Gesellschaft nicht in der Lage, einen jungen, queeren Menschen zu schützen. Einen, der andere geschützt hat und selbst ganz besonders auf Schutz angewiesen war.

Am 27. August hatte er sich beim CSD vor Frauen gestellt, die von einem Mann beleidigt wurden. Daraufhin wurde er geschlagen und fiel mit dem Kopf auf den Asphalt. Der trans Mann lag tagelang im Koma, am Freitag ist er gestorben.

Er ist leider einer von vielen. Denn die Gewalt gegen queere Menschen in Deutschland nimmt zu. Laut Bundeskriminalamt gab es im vergangenen Jahr 1051 Straftaten im Bereich sexuelle Orientierung und Identität. 2020 waren es 782, 2019 noch 576. Und das sind nur die bekannten Vorfälle. Nach Angaben des Innenministeriums gibt es "ein erhebliches Dunkelfeld". Es ist gut, dass die Bundesregierung einen Queer-Beauftragten hat. Aber das reicht nicht, solange Queersein lebensgefährlich ist.

Die strukturelle Missachtung, die wie in Münster zu tödlicher Gewalt führt, beginnt viel früher. Sie beginnt in den Blicken, in der Sprache. Sie beginnt im Klassenzimmer, in dem Homosexualität nur im Zusammenhang mit HIV vorkommt. Oder in der Familie, in der davon ausgegangen wird, dass die Kinder heterosexuell sind. Sie beginnt in Medien, in denen über trans Menschen diskutiert wird, als wäre ihre Existenz eine Meinungsfrage, und im Büro, wenn Menschen sich fragen, wie sichtbar sie wirklich sein können. Sie beginnt in der Bar, in der Queers sich lieber nicht küssen.

Der junge Mann, der in Münster andere beschützen wollte, hat sich in einem Verein gegen Transfeindlichkeit eingesetzt. Er kannte also die Vorurteile, er wusste um die Gefahr. Er hat sich entschieden, trotzdem sichtbar zu sein. Er hat andere geschützt, damit sie es auch sein können. Es wird Zeit, Menschen wie ihn zu schützen.

Zur SZ-Startseite

MeinungFreiheitsrechte
:Zuerst gegen die einen, dann gegen alle

In Russland sowieso, aber teils auch im Westen: Der Staat will den Menschen wieder vorschreiben, wen sie lieben dürfen und wen nicht. Wer meint, dies richte sich ausschließlich gegen Homosexuelle oder Transpersonen, irrt gewaltig.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB