Aktuelles Lexikon:Unwort

Über eine deutsche Tradition und ihre unerwünschten Nebeneffekte.

Von Meredith Haaf

Zu den lieb gewonnenen Gewohnheiten dieses sprachbesessenen Landes gehört es, ein sogenanntes Unwort des Jahres zu bestimmen. Es wird von einer sechsköpfigen, ehrenamtlichen Expertenkommission in Marburg erkoren, die sich an den Prinzipien von Demokratie und Menschenwürde orientiert, aber auch etwa daran, ob ein Wort zur Verschleierung von Tatsachen dient. Man kann natürlich die Frage stellen, ob sich in dem Begriff "Unwort" nicht selbst eine problematische Sprachpraxis versteckt: Das Präfix "Un-" dient im Deutschen generell dem Zweck der Silben sparenden, aber wenig inhaltlichen moralischen Verurteilung, siehe Unsitte, Unart, Unding. In diesem Jahr hat sich die Jury für ein definitiv hässliches Verschleierungswort entschieden, "Remigration", das im rechtsextremen Jargon seit Jahren geläufig, aber einer breiten Öffentlichkeit wohl erst seit diesem Montag bekannt ist. Während in den ersten Jahren vor allem behördliche oder parteipolitische Wortungetüme wie "Ich-AG" sanktioniert wurden, lag der Fokus in den vergangenen Jahren stark auf pseudodissidenten Begriffen aus dem rechten Spektrum, wie "Corona-Diktatur" oder "Klimaterroristen". Man könnte fast von einer gewissen Unwucht sprechen.

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