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Atomenergie:Kernkraft, ja bitte? Was für ein Irrtum

Japan nach Fukushima: Uhr in Tokio mit der Uhrzeit des Seebebens

Tokio: Menschen stehen vor einer Uhr, auf der die Uhrzeit 14.46 Uhr abzulesen ist - der Zeitpunkt, zu dem am 11. März 2011 ein unterseeisches Erdbeben mit der Stärke 9,0 vor Japans Küste eine gewaltige Flutwelle auslöste, die das Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zerstörte und dort Kernschmelzen verursachte, Super-GAUs.

(Foto: dpa)

Zehn Jahre nach dem Fukushima-Unglück hat die Kernkraft weltweit wieder viele Anhänger - angeblich als bestes Mittel im Kampf gegen den Klimawandel. Dabei gibt es eine andere, saubere Lösung.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Bilder verblassen, auch die aus Fukushima. Zehn Jahre wird es an diesem Donnerstag her sein, dass ein Tsunami die japanische Küste überrollte. Zehn Jahre sind vergangen, seit Erdbeben und Flutwelle die Stromversorgung eines Atomkraftwerks außer Gefecht setzten - und in drei Reaktorblöcken mit den Brennelementen auch die Gewissheit schmolz, die Atomkraft sei in Industriestaaten beherrschbar und das sogenannte Restrisiko minimal. Erstaunlich, wie wenig von dieser Erfahrung geblieben ist.

China baut fleißig Atomkraftwerke, Russland exportiert sie. Frankreich plant neue Blöcke und will die Laufzeiten der alten auf sagenhafte 50 Jahre verlängern. Amerikaner und viele Europäer liebäugeln mit kleinen, modularen Reaktoren, die sich in Serie fertigen lassen. Der Fukushima-Schock währte nicht lange - stattdessen gilt die emissionsarme Nuklearenergie nun selbst manchen Klimabewegten als Verbündete im Kampf gegen die Erderwärmung. Angesichts einer drohenden Klimakatastrophe halten sie das Risiko der Atomkraft für hinnehmbar. Was für ein Irrtum, in mehrfacher Hinsicht.

Man bräuchte Tausende neuer Reaktoren

Ein Blick auf die Zahlen kann helfen, das Ausmaß dieses Irrtums zu ermessen. Derzeit liefert Atomenergie etwas mehr als zehn Prozent der globalen Stromversorgung. Dieser Anteil müsste wachsen, sollen Atomkraftwerke fossile Energie ersetzen. Mehr noch: Es ist absehbar, dass elektrische Energie eine große Rolle spielen wird auf dem Weg zu einer klimaneutralen Welt - sei es über E-Autos, elektrische Wärmepumpen in Gebäuden oder über Wasserstoff für Industrie und Logistik. Gewonnen wird auch dieser Wasserstoff aus Strom. Um also all diesen zusätzlichen Strom bis zur Mitte des Jahrhunderts zu erzeugen und zugleich fossile Kraftwerke zu ersetzen, bräuchte es Hunderte, wenn nicht Tausende neuer Reaktoren. Weil immer wieder auch Atomkraftwerke stillgelegt werden, stagniert ihre Zahl seit 30 Jahren.

Derweil altert der Anlagenpark. Schon jetzt liegt das globale Durchschnittsalter der Atomkraftwerke bei 31 Jahren, jedes fünfte ist über 40 Jahre alt. Damit wachsen die Risiken. Alleine um jene AKWs zu ersetzen, die bis 2030 endgültig an ihre Altersgrenze stoßen, müssten jedes Jahr mehr als zehn neue große Atomkraftwerke ans Netz gehen - fast doppelt so viele wie in den vergangenen zehn Jahren. Wo in Europa derzeit gebaut wird, etwa in der Normandie oder in Finnland, entwickeln sich Projekte zu Albträumen - mit Bauzeiten und Mehrkosten, die jeden Hauptstadtflughafen in den Schatten stellen.

Der klimafreundliche Strom kommt von Sonne und Wind

Das mag einen Teil der Begeisterung erklären, derer sich nun Mini-Reaktoren erfreuen. Sie versprechen schlüsselfertige Lösungen, und ihrer geringen Größe wegen enthalten sie weniger Radioaktivität. Aber sie sind nicht frei davon. Wären sie wirklich eine Lösung für die ganze Welt, wie die Industrie es propagiert, dann gelangte spaltbares Material in Regionen, in denen es der Rest der Welt lieber nicht sähe. Vom Restrisiko durch den Betrieb, Gefahren durch terroristische Angriffe und ungelösten Atommüllfragen einmal ganz abgesehen. Und es bräuchte einige Tausend dieser kleinen Reaktoren.

All diesen nuklearen Optionen ist eins gemein: Im Kampf gegen die Klimakrise würden sie zu spät kommen. Sie können diesen Kampf sogar behindern, wenn sie Investitionen in eine dezentrale, erneuerbare Strominfrastruktur hinauszögern. Denn es gibt ihn längst, den klimafreundlichen Strom, und das billiger als mit jedem Reaktor: aus Sonne und Wind.

© SZ/jok
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