Energie:Öl und Druschba

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Energie: Da lang geht's zur "Druschba", der Öl-Pipeline: Hinweisschild nahe der Stadt Samara in Russland.

Da lang geht's zur "Druschba", der Öl-Pipeline: Hinweisschild nahe der Stadt Samara in Russland.

(Foto: Reuters Staff/REUTERS)

Das absehbare Embargo der EU ist richtig - für den Klimaschutz bedeutet es aber eine Herausforderung, die vielleicht nur die wenigsten ahnen.

Kommentar von Michael Bauchmüller

Als die Welt aus Sicht des Kreml noch in Ordnung war, zu Zeiten des sowjetischen Reiches, da durfte eine Ölleitung Richtung Westen noch "Druschba" heißen. "Druschba" bedeutet Freundschaft, und in aller Freundschaft versorgte die Pipeline die Brudervölker mit russischem Erdöl, ganz nebenbei auch die dort stationierten sowjetischen Truppen. Doch im Kreml sitzen keine Freunde mehr, spätestens seit dem russischen Überfall auf die Ukraine. Deshalb ist es richtig, wenn die EU nun Ernst macht mit einem Embargo, wenn so schnell wie möglich kein russisches Öl mehr nach Westen fließt. Nur: Die Folgen werden weit über die Röhre hinausgehen.

Ein Importstopp der EU wird für den Kreml schmerzhafter als bisherige Finanzsanktionen, als beschlagnahmte Oligarchen-Yachten und verriegelte Fast-Food-Restaurants. Ein Öl-Embargo hätte direkte Rückwirkungen auf den russischen Staatshaushalt, mit Verzug würde es im ganzen Land spürbar. Die Europäer dagegen können sich auch anderweitig mit Öl versorgen. Der Markt ist buchstäblich liquide. Was bisher aus der Röhre kommt, lässt sich auch mit Tankern liefern. Die Folgen für Deutschland und Europa sind überschaubar - jedenfalls auf den ersten Blick.

Was der Westen nicht mehr will, wird andere Abnehmer finden

Auf den zweiten Blick aber entfaltet sich eine Weltlage, in der die Wirkungen weit über die Beziehungen zum Kreml hinausreichen. Sie liegen weit jenseits der Frage, ob am Ende der "Druschba", in Schwedt, eine Raffinerie stillsteht, und wie der Großraum Berlin dann an Benzin und Diesel kommt. Es geht um globale Machttektonik und, leider auch das, um die Zukunft des bewohnten Planeten.

Denn was der Westen nicht mehr in Russland einkauft, wird andere Abnehmer finden. So wie Frachter aus anderen Ländern künftig Öl in Europa anlanden, werden sich russische Tanker neue Häfen suchen. Nach Lage der Dinge werden sie die finden, in Indien oder Ägypten, aber allen voran in China.

Schon jetzt bezieht China aus Russland günstiges Öl, die entsprechenden Verträge haben lange Laufzeiten. Zusätzliche Mengen wird es nur zu noch niedrigeren Preisen nehmen. Das schmälert die Einnahmen Moskaus, kommt Peking aber gelegen. Die Volksrepublik kann ihre Wirtschaft so weiter mit billigem Brennstoff füttern und ihr Vorteile im globalen Wettbewerb sichern. Sie kann, wie sie es schon lange betreibt, Entwicklungsländer noch enger an sich binden - diesmal gegen billiges Öl. Während sich der Westen an Wladimir Putin abarbeitet, baut der Ferne Osten seine Macht aus. China wird, sofern es nicht in den Strudel einer globalen Wirtschaftskrise gerät, der lachende Dritte des Ukraine-Kriegs.

Im Westen sind die Wirkungen andere. Ein Verzicht auf russisches Öl könnte hier die Preise weiter steigen lassen, allen voran für Sprit. Mit als erste könnten das die US-Demokraten zu spüren bekommen, der teure Kraftstoff ist schon jetzt ein heißes Thema im aufkeimenden Kampf um die Kongresswahlen im November, die midterms. Mittelfristig aber werden die hohen Preise viele neue Öl- und Gasprojekte rund um den Globus beflügeln. Teure Rohstoffe machen die Suche selbst nach den verborgensten Quellen lohnend. Fossile Konzerne in aller Welt, bis vor Kurzem noch am Klimapranger, reiben sich die Hände: Plötzlich sind ihre Bohrungen wieder begehrt.

Den globalen Klimaschutz wird das um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte zurückwerfen. Denn diese Quellen werden noch sprudeln, wenn Krieg und Embargo lange Geschichte sind. Wenn aber irgendwann dann auch die "Druschba" wieder liefern dürfte, wird es ein Überangebot an fossiler Energie geben, das allen Klimaschutz unterläuft.

Eine Phase, die der Westen nutzen sollte

So finster diese Aussichten sind, sie sprechen nicht gegen das Embargo. Aber sie sprechen dafür, seine konkrete Gestalt sehr genau zu planen. Zwar treffen die Sanktionen Moskau umso härter, je schneller sie kommen. Dennoch ist es sinnvoll, die Importe gestaffelt einzustellen. Das kann Preissprünge an den Märkten verhindern, auch vor den midterms im November. Gute Gründe gibt es auch für die Übergangsfristen, die der Kommission für Länder wie Ungarn und der Slowakei vorschweben: nämlich die Geschlossenheit der EU. Nur bräuchte es in einer weiteren Stufe Sanktionen nicht nur gegen russisches Öl, sondern auch gegen Schiffe, die es in alle Welt transportieren - etwa über die jeweiligen Versicherer.

Noch wichtiger aber ist, dass der Westen diese Phase hoher Energiepreise nutzt, um viel schneller von Öl und Gas loszukommen. Alle Rezepte dazu sind bekannt, die Technologien sind längst da: Wasserstoff aus erneuerbaren Energien; Batterien, Elektroautos und die dazugehörige Infrastruktur - und allem voran: ein sparsamerer Umgang mit Energie, ob in der Industrie oder in Millionen Haushalten. Es braucht jetzt Milliardenpakete nicht nur für die Verteidigung, sondern auch für den Klimaschutz.

Denn letztlich höhlt erst die Abkehr von fossiler Energie jene Macht aus, die einst die "Druschba"-Pipeline festigen sollte. In dieser Abkehr und den damit verbundenen Technologien liegen die größten Chancen des Westens; auch im Ringen mit China. Der Kampf um die Ukraine allein ist Herausforderung genug. Aber es geht um noch mehr.

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