Corona:Der Impfgipfel muss retten, was zu retten ist

Coronavirus in Deutschland: Impfzentrum in Hamburg

Traurige Leere herrscht im Corona-Impfzentrum in den Hamburger Messehallen.

(Foto: dpa)

Pharmafirmen und Politik liefern viele Gründe, sich zu ärgern. Doch die Impfstrategie hat Grenzen. Es braucht jetzt ein klares Eingeständnis, was schiefgelaufen ist.

Kommentar von Werner Bartens

Gipfel klingt erst mal gut. Indem hochrangige Politiker ein Gipfeltreffen anberaumen, wecken sie große Erwartungen. Wegweisende Entscheidungen, wenigstens wichtige Impulse sollten sich schon daraus ergeben. Für den Impfgipfel heute Nachmittag trifft all dies ausdrücklich nicht zu. Eher sollte vom Impf-Abgrund die Rede sein. Im Vorfeld hat der Regierungssprecher mitgeteilt, dass von dem Treffen keine Beschlüsse zu erwarten sind, und damit die Messlatte bereits tiefer gelegt. Wahrscheinlich werden Schuldzuweisungen ausgetauscht.

Tatsächlich wäre es interessant zu erfahren, wer dafür verantwortlich ist, dass zu wenig in Impfstoff investiert, nicht ausreichend davon bestellt und nicht klug genug verhandelt wurde, sodass die Hersteller jetzt zwar als moralisch zwielichtig, aber juristisch sauber dastehen. Wenn der wichtigste Rohstoff dieses Landes seine Köpfe sind, würde man gerne wissen, ob während der Vertragsverhandlungen vielleicht unnötig Ressourcen gespart wurden. Seit Tagen beteuern Politiker, dass sie nicht daran teilgenommen haben. Wer war eigentlich dabei? Und was sagt Mangelminister Jens Spahn dazu, der es trotz fehlender Masken im Frühjahr, fehlender Tests im Herbst und fehlenden Impfstoffs im Winter immer wieder schafft, Bella Figura in der Selbstdarstellung zu machen?

Die Faxgeräte der Gesundheitsämter sind zum Sinnbild der Krise geworden

Das heutige Treffen sollte allerdings nicht nur zur Büßerrunde werden. Es geht darum, einen Plan zu entwerfen, was möglich ist - und was nicht. Es gilt auszuloten, mit welchen juristischen und politischen Mitteln der Druck auf Hersteller erhöht werden kann, sollten Verzögerungen und Lieferengpässe nicht nur produktionstechnisch begründet sein, sondern sollte vor allem Gewinnmaximierung dahinterstehen. Nicht zuletzt dürfen die Pharmafirmen an die moralische Verpflichtung erinnert werden, nach massiver Förderung aus EU- und Bundesmitteln und wegen des weltweiten Notstands jetzt "alles Menschenmögliche" (Angela Merkel) versuchen zu müssen, um zugesagte Mengen zu liefern. Hier kann die Politik Kooperationen erleichtern, Anreize bieten und als ebenso drängelnder wie schlichtender Vermittler auftreten.

Ein weiterer Punkt: Seit Monaten wird als Sinnbild der Krise über Faxgeräte in Gesundheitsämtern geklagt. Aktuell verzweifeln Menschen, die sich einen Impftermin geben lassen wollen, an überlasteten Servern und Hotlines. Wer gibt den Suchauftrag auf, mit welchem Flugtaxi Dorothee Bär abgetaucht ist, von der als Staatsbeauftragte für Digitalisierung seit Monaten kaum etwas zu hören war?

Ein Hustensaft-Hersteller kann nicht plötzlich Impfstoffe produzieren

Allerdings müssen auch die Grenzen des Impfprojekts anerkannt werden, so schmerzlich das sein kann. Wenn Substanzen für die Herstellung fehlen, kann dies die Produktion zum Stillstand bringen. Zudem ist die Zubereitung eines Impfstoffs komplex; das lässt sich nicht so leicht "skalieren", also auf einen größeren Maßstab übertragen. Ein Herrenschneider kann sich schnell darauf umstellen, fortan Masken zu nähen. Aus einer Pharmafirma, die bisher Schmerztabletten und Hustensaft produziert, wird nicht im Handumdrehen ein Vakzinlieferant. Und ein neues Werk aufzubauen, klingt nach tatkräftigem Aktivismus, führt aber ohne Erfahrung, Fachpersonal und abgestimmte Zulieferketten allenfalls langfristig zum Erfolg. Neben aller Kritik wäre auch etwas Demut angebracht, dass angesichts eines in Rekordzeit von gleich mehreren Herstellern entwickelten Vakzins es eben auch möglich sein kann, dass es unterwegs stockt.

Nichtsdestotrotz braucht es jetzt ein klares Eingeständnis, was schiefgelaufen ist. Und dann den in die Tat umgesetzten Willen, aus den Fehlern zu lernen, es besser zu machen und das zu retten, was auch jetzt noch zu retten ist.

© SZ/gal
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