Halbleiter:Kleine, große Teilchen

Halbleiter: Mitarbeiter in einem sogenannten Reinraum der Firma Infineon.

Mitarbeiter in einem sogenannten Reinraum der Firma Infineon.

(Foto: AP)

Halbleiter sind plötzlich zur Mangelware geworden, das stellt eine Gefahr für die Weltwirtschaft dar - und die Abhängigkeit von Asien und den USA ist fatal.

Von Caspar Busse

Es sind ziemlich kleine Teilchen, manchmal nicht größer als ein Reiskorn, die in der Weltwirtschaft gerade so große Turbulenzen auslösen. Halbleiter, kurz Chips, finden sich heute in fast allen Geräten - in Fönen genauso wie in Waschmaschinen, in Spielekonsolen, Mobiltelefonen, Windkraftanlagen oder in Autos. Überall steckt Elektronik drin, und damit auch die vielen kleinen Schaltkreise auf Siliziumchips. Ein Elektroauto zum Beispiel braucht deutlich mehr Halbleiter als herkömmliche Fahrzeuge, ohne Elektronik kann man heute nicht mal mehr das Autofenster öffnen.

Aber Halbleiter sind plötzlich zur Mangelware geworden. Die große Chipkrise ist zu einer großen Gefahr für die Weltwirtschaft geworden. Denn durch die Engpässe könnte der Aufschwung beeinträchtigt oder sogar abgewürgt werden. Dabei setzen viele Volkswirtschaften so dringend auf eine Erholung nach dem starken Rückgang in der Pandemie. Viele Autohersteller müssen bereits ihre Produktion unterbrechen, die Bänder stehen in den Fabriken still, Tausende Mitarbeiter haben nichts zu tun. BMW warnte gerade, die Situation werde immer angespannter. Die großen deutschen Hersteller werden viele Hunderttausend Fahrzeuge nicht produzieren, die sie gut verkaufen könnten. Die Opel-Mutterfirma Stellantis fürchtet gar, in diesem Jahr 1,4 Millionen Autos nicht herstellen zu können, weil die wichtigen Bauteile fehlen.

Die Industrie hat sich zu lange darauf verlassen, dass es schon irgendwie Nachschub geben wird

Aber wer ist schuld an der Flaute, die alle bedroht? In der Pandemie ist einerseits der Trend zur Digitalisierung deutlich gewachsen, und dafür braucht es überall mehr Chips jeder Art. Zugleich aber haben die großen Halbleiterkonzerne weltweit Produktionsprobleme, in den USA und in Japan standen Fabriken wegen Unwettern oder nach Bränden still, in Malaysia konnte in Werken wegen stark steigender Infektionen nicht gearbeitet werden. So eine Halbleiterfabrik mit ihren teuren Maschinen und den Reinräumen, die sauberer als jeder OP-Saal sind, kann nicht von heute auf morgen aufgebaut werden, das braucht vielmehr einige Jahre und erfordert Milliardeninvestitionen.

Schnelle Besserung ist also nicht in Sicht. Die Lage könnte sich womöglich noch verschärfen, denn ein Abflauen der hohen Nachfrage ist erst mal nicht zu erwarten. Taiwan ist einer der weltweit größten Chiplieferanten, neue Probleme könnten mittelfristig entstehen, falls das Land politisch instabil wird, etwa wenn China versuchen sollte, seinen Einfluss auszuweiten.

Die Industrie hat sich zu lange darauf verlassen, dass es schon irgendwie Nachschub geben wird. Die Abhängigkeit von Asien und den USA in dieser Schlüsseltechnologie ist dabei immer weiter gewachsen, in Zeiten von Handelsstreitereien ist das fatal. Heute werden nur noch etwa zehn Prozent aller Halbleiter weltweit in Europa hergestellt, die europäische Wirtschaft aber braucht viel mehr. Unter den zehn größten Chip-Produzenten der Welt befindet sich heute nur noch eine europäische Firma: Infineon aus München.

Nun hat die Politik das Thema entdeckt; reichlich spät, aber immerhin. Die EU-Kommission will die Chip-Produktion in Europa, viele Jahre vernachlässigt, fördern und wirbt um die Ansiedlung neuer Fabriken. Doch das reicht nicht. Es müssen sich alle für die Mikroelektronik-Branche zuständig fühlen: Regierungen, Universitäten, Firmen, sie alle müssen sich um Ausbildung, Forschung und Entwicklung kümmern. Die kleinen Chips sind die Zukunft.

© SZ/fzg
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