Halbleiterindustrie:Infineon kommt mit der Produktion nicht hinterher

Infineon

Derzeit heiß begehrt: Mikrochips von Infineon.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Weltweit sind Chips so gefragt wie nie, doch die Hersteller haben wegen der Pandemie immer wieder Fertigungsprobleme. Infineon eröffnet jetzt ein neues Werk - genau zum richtigen Zeitpunkt.

Von Caspar Busse

Eigentlich könnten es traumhafte Zeiten sein für die Hersteller von Halbleitern. Die weltweite Nachfrage nach Chips übersteige das Angebot derzeit deutlich, sagte Reinhard Ploss, Vorstandsvorsitzender von Infineon, am Dienstag. Und das werde auch noch eine längere Zeit so bleiben. Doch massiv profitieren konnte der Münchner Chipkonzern davon nicht, zumindest nicht auf kurze Sicht. Denn Infineon hat selbst Probleme mit der Fertigung. In Malaysia musste die Produktion vor allem wegen steigender Corona-Infektionen knapp drei Wochen komplett unterbrochen werden, die Infineon-Mitarbeiter dort würden jetzt geimpft. In den USA musste das Werk in Texas wegen eines Sturms lange schließen, konnte jetzt aber wieder auf Normalniveau hochgefahren werden.

Derzeit herrscht weltweit ein großer Mangel an Halbleitern, und zwar in fast allen Branchen. Zum einen gibt es allerorten Produktionsprobleme in der Chipindustrie, zum anderen ist die Nachfrage wegen des Digitalisierungsschubs gerade in der Pandemie hoch. Computer, Mobiltelefone, Spielekonsolen, Hausgeräte und viele weitere Produkte sind sehr gefragt. Hart betroffen ist auch die Autoindustrie. Hier kommt hinzu, dass der Bedarf an Halbleitern in Elektrofahrzeugen und für das autonome Fahren deutlich höher ist als bei herkömmlichen Autos.

Fast alle großen Hersteller mussten die Produktion bereits unterbrechen, darunter auch Volkswagen, Daimler und BMW. Experten gehen davon aus, dass 2021 wegen der Chipknappheit insgesamt rund fünf Millionen Fahrzeuge weniger produziert werden können. "Insbesondere die Engpässe bei den Halbleitern werden wohl noch eine Weile anhalten", sagt Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien. Die Bestände fertiger Pkw bei den Herstellern seien gering. Infineon ist der weltweit größte Anbieter von Halbleitern für die Autoindustrie.

Hauptversammlung Infineon

Reinhard Ploss, 65, ist seit 2012 Vorstandsvorsitzender von Infineon.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Die Produktionsprobleme bei Infineon selbst zeigen sich jetzt auch in den Zahlen: Im dritten Geschäftsquartal, das von April bis Juni 2021 gelaufen ist, legten Umsatz und Gewinn nur minimal zu. Insgesamt stieg der Umsatz im Vergleich zum Vorquartal um 22 Millionen auf 2,722 Milliarden Euro. Der Gewinn wuchs von 209 Millionen auf 245 Millionen Euro. "Die Vorräte sind auf einem historischen Tiefstand, unsere Chips gehen aus der Fertigung direkt in die Endanwendungen", sagte Ploss. "In diesem Umfeld wiegen pandemiebedingte Einschränkungen der Fertigung wie jüngst in Malaysia doppelt schwer."

Im laufenden Quartal erwartet Infineon nun wieder bessere Geschäfte und ein kräftigeres Umsatzplus auf 2,9 Milliarden Euro sowie mehr Gewinn. Insgesamt rechnet Ploss mit einem Jahresumsatz von elf Milliarden Euro und einer Gewinnmarge von mehr als 18 Prozent. Infineon ist nach Umsatz gerechnet vor STMicro und NXP der größte Chipproduzent aus Europa. Die Aktie lag am Dienstag nach einer kurzen Schwächephase fast unverändert, an der Börse ist Infineon mehr als 43 Milliarden Euro wert.

Mitte September wird die Fabrik in Kärnten eröffnet

"Wir setzen derzeit alle Hebel in Bewegung", meinte Jochen Hanebeck, im Infineon-Vorstand für die Produktion zuständig. So werde am 17. September das neue Werk im österreichischen Villach eröffnet. Bereits vor drei Jahren hatte Infineon beschlossen, dort die Fertigung massiv auszubauen. Und investierte 1,6 Milliarden Euro, die größte privatwirtschaftliche Einzelinvestition in Österreich überhaupt. "Der Zeitpunkt könnte nicht besser sein", freute sich Ploss. Derzeit würden für den Standort in Kärnten dringend Mitarbeiter gesucht. Die Münchner unterhalten zudem einen großen Standort in Dresden sowie eine Fertigung in Regensburg.

Zu Spekulationen, Infineon könnte möglicherweise zusammen mit dem taiwanesischen Anbieter TSMC, dem weltweit größten unabhängigen Auftragsfertiger für Halbleiterprodukte, eine Fabrik in Deutschland bauen, sagte Ploss: "Es wäre eine interessante Überlegung, TSMC in Deutschland zu haben." Das Unternehmen fertigt im Auftrag für andere Chipanbieter, entwickelt also nicht selbst. Infineon arbeitet bereits mit den Taiwanesen zusammen. Hintergrund ist, dass EU-Kommissar Thierry Breton wieder mehr Chipwerke nach Europa holen will. Derzeit werden hier etwa zehn Prozent der weltweiten Halbleiter gefertigt, angepeilt sind nun 20 Prozent. Die große Abhängigkeit von Asien und den USA sehen viele kritisch. Auch Intel denkt über eine Fertigung in Europa nach. Ploss sagte, in Europa würden vor allem Halbleiter für die Autokonzerne, für andere Industriebereiche und das Gesundheitswesen benötigt. Die aber stelle Intel nicht her.

© SZ
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