Aktuelles Lexikon:Ins Schwert stürzen

Eine ehrenvolle Selbsttötung der Grünen wäre übertrieben, findet Winfried Kretschmann. Und spielt damit auf die römische Geschichte an.

Von Joachim Käppner

Bei den Grünen, die eigentlich gern das Kanzleramt erobert hätten, herrscht nach der Bundestagswahl trotz ihres Rekordergebnisses von 14,8 Prozent ein gewisser Kater, den ihr baden-württembergischer Landesvater Winfried Kretschmann in die Worte fasste: Man müsse sich "jetzt nicht ins Schwert stürzen", sondern schlau verhandeln. Ins Schwert pflegten sich gelegentlich antike, vor allem römische Feldherren zu stürzen, allerdings nur, wenn ihnen deutlich größere Fehlleistungen unterlaufen waren als heute den Grünen. So berichtet Velleius Paterculus in der "Historia Romana" über den glücklosen Statthalter Varus, dessen drei Legionen im Jahr 9. n. Chr. von den Germanen im heutigen Westfalen vernichtet worden waren: "Der Feldherr hatte mehr Mut zum Sterben als zum Kämpfen: Dem Beispiel seines Vater und Großvaters folgend, durchbohrte er sich doch tatsächlich selbst." Zu diesem Zweck wurde das Schwert mit der scharfen Klinge nach oben in den Boden gerammt, der Todeswillige stürzte sich buchstäblich hinein. Vom Cäsarmörder Brutus ist überliefert, dass er bevorzugte, sich von Gehilfen köpfen zu lassen, als seine Sache verloren war. Vielleicht ist da für die Grünen doch die Redewendung passender, sie seien in ihr eigenes Schwert gefallen: Diese bedeutet, in eine Falle gegangen zu sein, die man sich versehentlich selbst stellte.

© SZ/jsl
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