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Musiksender Viva:"Die Hautfarbe war nie ein Hinderungsgrund"

Die Viva-Moderatoren Mola Adebisi, Enie van de Meiklokjes, Oliver Pocher, Charlotte Roche, Frank Lämmermann und Minh-Khai Phan-Thi.

(Foto: imago(6))

Viva brachte eine Diversität ins deutsche Fernsehen, die es danach nie wieder gegeben hat. Warum nicht? Ein Gespräch über TV und Popkultur mit dem früheren Sender-Chef Dieter Gorny.

Interview von Kathleen Hildebrand

Dass mehr als die Hälfte der Deutschen Frauen sind und ein Viertel einen Migrationshintergrund hat, sieht man den deutschen Medien selten an. Laut Studien kommen über alle Programme und Formate auf eine Frau im Fernsehen durchschnittlich zwei Männer. Wieviele eine Migrationsgeschichte haben, wird kaum erhoben - wissenschaftlich fundierte Schätzungen gehen für den deutschen Journalismus im Allgemeinen, also von Print über Online, Radio und Fernsehen, von vier bis fünf Prozent aus. Und doch: Blickt man zurück, fällt ein Sender auf, bei dem das anders war. Der Musiksender Viva sendete von 1993 bis 2018 mit einer Belegschaft von Moderatoren, die an Diversität heute ihres gleichen sucht. Dieter Gorny, Jahrgang 1953, war Mitgründer und bis 2005 Geschäftsführer von Viva.

SZ: Herr Gorny, bei Viva waren die Moderatoren mit Heike Makatsch, Mola Adebisi, Milka Fernandes und Gülcan Kamps immer von einer großen, selbstverständlichen Diversität, was Geschlecht und Hautfarbe angeht. Heute sieht das deutsche Fernsehen viel weißer aus. Was war damals anders?

Dieter Gorny: Für das Musikfernsehen wären die Bedingungen heute nicht anders als damals. Wenn man Popkultur realistisch und kompetent abbilden will, dann ist man automatisch divers. 2011 hat die Initiative Musik, die Pop-Fördereinrichtung des Bundes, festgestellt, dass circa 40 Prozent der geförderten Popmusiker und Bands einen Migrationshintergrund haben. Und damals in den Neunzigerjahren sah die Musikbranche nicht viel anders aus.

Das heißt, die Themen Popkultur und Musik ziehen Diversität zwangsläufig nach sich?

Ja, zumindest, wenn man diesen Bereich realistisch abbilden will. Das Produkt prägt die Haltung. Nicht nur bei Viva, auch bei MTV Networks Europe war das so. Da gab es sehr viel Diversität vor und hinter der Kamera, weil dort eben ein internationales Produkt gemacht wurde. MTV Networks wurde von 2004 an von Judy McGrath geleitet und auch bei Viva war die Mehrheit des Führungspersonals weiblich.

"Automatisch divers" klingt trotzdem ganz schön einfach. Wie haben Sie damals bei Viva die Moderatoren ausgewählt?

Wir haben Bewerbungen bekommen, dann gab es im nächsten Schritt Castings vor der Kamera. Die Hautfarbe war nie ein Hinderungsgrund, die Auswahl hatte nur mit dem Talent zu tun. Wir haben nach den interessantesten, spannendsten jungen Leuten gesucht, so wie unser Anfangstrio, das am 1. Dezember 1993 die erste Moderation übernommen hat: Heike Makatsch, Nils Bokelberg und Mola Adebisi. So wurden immer wieder gute Leute und große Talente gefunden, zum Beispiel auch Stefan Raab.

Wahrscheinlich würden viele Sender sagen, dass sie nach solchen Moderatoren suchen. Wieso sieht das deutsche Fernsehen dennoch heute so gleichförmig aus?

Es hat, was Diversität, aber auch was Innovation angeht, eine jahrzehntelange Minus-Entwicklung gegeben. Es gibt eine Kluft zwischen Fernsehen und Popkultur. Das normale Mainstream-Fernsehen begreift sich eher nicht als Trendscout und produziert für eine Gesellschaftsstruktur, die es so eigentlich immer weniger gibt. Aus demselben Grund hört man im Mainstream-Radio auch nichts Avanciertes - weil die Leute, die es machen, glauben, ihre Zielgruppe wolle nichts Neues ausprobieren. Das ist eine Self-Fulfilling-Prophecy.

Wie könnte man das ändern?

Nicht über Vorschriften, sondern indem man Entwicklungsräume schafft, mediale Freiräume, die ein Entwicklungslabor sein können. Aber das traut sich keiner. Ausnahmen sind zum Beispiel die Sendungen von Jan Böhmermann, aber auch die werden auf späten Sendeplätzen oder anfangs in Nebenprogrammen ausgestrahlt. Youtube sollte man zum Beispiel noch gezielter als Zukunftslabor nutzen.

SZ-Streitgespräch zwischen Tim Renner und Dieter Gorny

Dieter Gorny, Medienmanager und Musiker.

(Foto: Regina Schmeken)

Wieso traut sich das Fernsehen zu wenig?

Das Fernsehen will und muss für die Breite produzieren, hat aber eine sehr enge Vorstellung davon, wie die aussieht. Und es braucht neben der Breite auch Zuspitzung. Bei Viva konnten wir sagen: Wir geben einem Talent wie Stefan Raab und seinem Keyboard mal eine Stunde im Programm. Und dann wurde aus ihm der wichtigste Innovator des deutschen Fernsehens.

Moderatorinnen haben Viva rückblickend auch kritisiert. Collien Ulmen-Fernandes hat gesagt, dass ihr Humor aus den selbstgeschriebenen Moderationstexten rausgestrichen worden sei, weil er angeblich zu "männlich" war. Gülcan Kamps hat sich über Bodyshaming beklagt: Man habe ihr bei Anproben gesagt, sie sei nicht schlank genug.

Das weiß ich nicht, aber wenn es so war, war es nicht gut. Ich habe nichts von solchen Debatten mitbekommen. Aber Viva war natürlich auch kein utopischer Ort, sondern Teil eines kulturellen Moments - und der war vor allem in den Neunziger- und den Nullerjahren (Viva sendete bis 2018; Anm. d. Red.). Rückblickend hat man sicher zu vielem heute einen ganz anderen Standpunkt. Die Gesellschaft verändert sich. Es ist aber auch ein normaler Teil des sich Freischwimmens als Moderator oder Moderatorin, wenn die Redaktion zu einem selbstgeschriebenen Text sagt: Den sehen wir so bei dir nicht.

Sie unterrichten Kommunikationsdesign an der Hochschule Düsseldorf. Wohin, glauben Sie, wird sich das Fernsehen in Zukunft entwickeln?

Ich sehe schon an den Namen meiner Studenten und Studentinnen, dass die Medienbranche diverser wird. Unter ihnen ist das gelebte Normalität. Eine Normalität, die nicht dem Durchschnitt entsprechen muss. Die etablierten Medien haben immer einen Hang zum Konservativen. Aber sie sollten mit Veränderung nicht darauf warten, dass Themen wie Sexismus oder Rassismus erst breit diskutiert werden müssen. Was die Medien brauchen, ist die permanente Einforderung des Selbstverständlichen - ganz besonders auch was die Gleichstellung von Frauen betrifft.

© SZ/cag
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