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"Tatort":Zwischen Spießertum und Abgrund

Die Ambivalenz aus Spießertum und Abgrund macht einen guten Kommissar aus. Der Rest, all diese Kommissare, die ständig ihr Privatleben auf die Reihe kriegen müssen (Franz Leitmayr/Udo Wachtveitl), die sich Callboys bestellen müssen (Martina Bönisch/Anna Schudt), die durch die Hotelzimmerwand fliegen müssen (Nick Tschiller), deren Kollegen beinahe vom Mähdrescher zerhäckselt werden (Nick Tschiller) oder ihrer Tochter eine Bombe aus dem Bauch operieren müssen (Nick Tschiller): Das ist ein großes Missverständnis von Suspense. Der Tatort ist nicht Hollywood. Die Zeit, die Veigl für einen Treppenabsatz braucht, reicht bei Tschiller aus, um mindestens die ersten fünf Leichen zu produzieren. Wie fad ist das denn.

"Tatort"-Episode "Fegefeuer" mit Til Schweiger

Volle Feuerkraft voraus

Weil das Besondere gewöhnlich geworden ist, schaut man eigentlich nur noch gern Axel Milberg zu im Tatort - oder, im Polizeiruf 110, Matthias Brandt in seiner Rolle als Kommissar Hanns von Meuffels. Dazwischen betet man, es werde mal wieder ein Bienzle, ein Veigl, Marek, Haferkamp oder Stoever gezeigt. Lauter Langweiler natürlich. Aber eben drum so erfrischend. Die armen Schauspieler: Sie müssen Exoten zeigen, weil man der Schauspielkunst und dem Drehbuch nicht traut.

Veigl sitzt also da, Zimmer 114, vor sich eine wirklich üble Schreibgarnitur, hinter sich den Aktenschrank, daneben ein trauriges Waschbecken; es riecht förmlich nach Dienstschluss um 17 Uhr 15, Betriebssport, deutschen Gesetzen und Linoleum. Veigl ist einer, der wegen einer Leiche noch keine Urlaubsplanung über den Haufen wirft. Gerade das macht es ja so interessant: Das Banale ist die Grundlage des Schauspiels.

Schimanski war innovativ - seither sind alle Schimanski

Rückblickend kann man natürlich verstehen, warum Götz George so erfolgreich war: Weil er als Kommissar Horst Schimanski, erstmals zu sehen in jenem Jahr, da Veigl abtrat, 1981, durch die Wände knallen, Sex im Wohnwagen haben, sich besaufen durfte. Und weil ihm seine Pensionsbezüge egal sein durften. Er war das Gegenteil des deutschen Beamten und genau deshalb gut. Er war innovativ. Aber seither sind ein paar Hundert Tatort-Folgen vergangen, seither sind sie alle wie Schimanski. Nichts ist öder als das. Nichts ist erwartbarer als die serielle Innovation. Nichts ist mittelmäßiger als die Angst vor dem Mittelmaß.

Wer wissen will, was einen grandiosen Kommissar zum grandiosen Kommissar macht, sollte ein paar Dutzend Kommissar Maigret-Romane von Georges Simenon hintereinander weglesen. Von diesem Kommissar weiß man: Er geht manchmal mit seiner Frau ins Kino, er isst gern Sauerkraut, er trinkt viel (aber nie zu viel), er stopft sich seine Pfeifen, er redet nicht gern über sich, er sitzt tagelang am Ofen im Büro und schaut aus dem Fenster. Keine Affären, keine Abgründe, keine Schießereien. Er ist also sehr, sehr langweilig und kriegt sehr, sehr schlechte Laune, wenn er mal Paris verlassen muss. Aber er ist trotzdem die beste Kommissar-Figur, die es je gab. Und seine Fälle gehen unter die Haut.

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"Tatort"-Kommissare im Überblick

Wer ermittelt wo mit welchen Tricks?

Zwei Mädels in Dresden, ein Pärchen in Weimar und die Münchner seit 25 Jahren. Alles, was Sie über die "Tatort"-Kommissare wissen müssen - in unserer interaktiven Grafik.   Von Carolin Gasteiger und Jessy Asmus

Vor dem nächsten neuen Tatort am Sonntag nach der Sommerpause gruselt man sich nur insofern, als noch unklar ist, ob sich Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) mal wieder in die Hauptverdächtige verlieben und sein Innerstes nach außen kehren muss. Lieber Gott respektive liebe ARD: bitte nicht! Lasst ihn einfach einen deutschen Beamten, das Schauspiel gut und die Story intelligent sein. Man würde sich sonst sehr viel lieber Bikinis und Piaffen angucken.