Fernsehserien:Schnelle Nummer

Loving her

Manchmal erfrischend gegenwärtig, manchmal zu plakativ: Szene aus "Loving Her" mit Franzi (Lena Klenke, l.) und Hanna (Banafshe Hourmazdi).

(Foto: Marcus Glahn/ZDF)

Serien entstanden noch nie so rasch: Für "Schlafschafe" und "Loving Her" werden ganz fix sehr kurze Folgen produziert. Taugt das was?

Von Lena Reuters

Kurz zurück ins Frühjahr 2020. Während Dreharbeiten stillstehen geht es bei einer ZDF-Produktion zur Sache: Das Team von Drinnen - Im Internet sind alle gleich dreht im Home-Office. Schauspielerin Lavinia Wilson schminkt sich selbst und filmt sich mit der Webcam. Regieanweisungen gibt Lutz Heineking Jr. über die Videokonferenz. Das Drehbuch spuckt in rund zehn Minuten pro Episode alles aus, was den anfänglichen Alltag in der Pandemie "geprägt hat, Gags zu Hamsterkäufen, Videochats, Trump und Tiger King. Und trifft damit den Zeitgeist. So also startete die erste Instant-Serie Anfang April 2020. Die neueste - Loving Her - ist im Juli herausgekommen.

Diese neue Art der Serienproduktion, die insbesondere das ZDF im vergangenen Jahr gegründet hat, nennt der Sender selbst Instant-Fiction. Sie funktioniert im Prinzip wie Instantsuppe. Schnell, simpel, zweckmäßig. Das Lebensgefühl oder die gesellschaftliche Entwicklung, die sich, vergleichbar mit Heißhunger, gerade jetzt einstellt, soll möglichst schnell auf dem Bildschirm landen. Fix und flexibel muss die Produktion dazu sein und nicht aufwendig. Aber ist das Ergebnis ein toller Snack?

Die Konsequenz, mit der virulente gesellschaftliche Themen zum Hauptmotiv einer Serie werden, ist neu

Schnell gesellschaftliche Debatten in Serien aufzugreifen, wird nicht erst durch Instant-Fiction möglich. In Daily Soaps gibt es das schon lange. Zum Beispiel 2015 bei RTL. Als Angela Merkel zum Höhepunkt der Migration "Wir schaffen das" sagte, konnte der Zuschauer schon seit zwei Monaten in der Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten die Geschichte des Geflüchteten Amal verfolgen.

Dass der Trend weggeht von Mammutproduktionen wie Game of Thrones und hin zu Formaten mit kürzeren Erzählbögen wie die Miniserien, ist nicht neu. Das lässt sich auch an den diesjährigen Emmy-Nominierungen sehen. Neu aber ist die Konsequenz, mit der virulente Stoffe in Serien verarbeitet werden. Neu ist auch die Innovationslust, die sich seit Beginn der Pandemie in dem Genre zeigt. Durch ein fokussiertes Storytelling werden Themen wie Homeschooling und Verschwörungserzählungen nicht als dramatisches Beiwerk für einen Plot voller Intrigen und Affären erzählt. Sondern sind vielmehr Hauptzutat. Und alles geschieht zu einem Zeitpunkt, zu dem das, was die Serie zeigt, einen selbst betrifft. Die Ästhetik orientiert sich oft eher an Youtube als am Fernsehen.

Drinnen - Im Internet sind alle gleich

Lavinia Wilson in "Drinnen", der Serie, die schon im April 2020 alles zeigte, was sich überall abspielte, und die komplett am Bildschirm entstand, also sozusagen auch - drinnen.

(Foto: btf/ZDF und btf)

"Die aktuelle Entwicklung hat uns die Themen quasi vorgegeben und uns keine andere Wahl gelassen", sagt eine ZDF-Sprecherin auf die Frage, wie sie Inhalte der Instant-Serien auswählen. Die Aussage lässt sich am Serienstoff nachvollziehen. "Distanzunterricht" und "Querdenker" gehören zu den meistgenutzten und verhassten Worten der vergangenen Monate.

In der Serie Liebe. Jetzt! werden Geschichten über Zuneigung und Entfremdung in pandemischen Zeiten erzählt. Je "ein Haushalt" steht vor der Kamera wie das Schauspielpaar Jürgen Vogel und Natalia Belitski. Die Serie zeigt einen erstaunlich schnellen Zugriff auf den Lockdown. Bereits Anfang Mai 2020 wird reflektiert, wie Corona Einfluss darauf nimmt, wie wir lieben.

Neben Drinnen sind bisher fünf weitere Instant-Serien in der Mediathek verfügbar: Liebe. Jetzt!, der Ableger Liebe. Jetzt! Christmas-Edition, Lehrerin auf Entzug, Schlafschafe und Loving Her. Instant-Serien sind die "unmittelbare Reaktion" auf die Corona-Bedingungen, teilt das ZDF mit. Die Serien richten sich an eine streamingaffine Zielgruppe von Mitte zwanzig bis Mitte dreißig. Maximal sechs Monate soll es von der Idee bis zur Veröffentlichung dauern.

Durch die beschleunigte Produktion kann die aktuelle Popkultur aufgegriffen werden. Wenn die Protagonistin Hanna am Ende der Serie Loving Her sagt, sie möchte "Franzi heute, morgen und übermorgen küssen und nächste Woche mal schauen", dann hat das nicht nur was mit Franzi zu tun, sondern auch mit Mark Forster, dessen "Übermorgen"-Lied über Wochen viel zu oft im Radio lief. Manchmal ist das erfrischend gegenwärtig, manchmal zu plakativ.

In Lehrerin auf Entzug kehrt Grundschullehrerin Tina Färber nach Wochen des Homeschoolings zurück in den Klassenraum. Das Drehbuch scheint so auf Pointe aus zu sein, dass die Geschichte daneben verliert, etwa wenn die Protagonistin nach Monaten täglicher Videokonferenzen ein Nacktfoto von sich im Hintergrund vergisst. Wenn sie aber frustriert sagt "Das ist eine Generation von Autisten", wird eine sehr reale Sorge um das Wohlbefinden von Kindern während der Pandemie greifbar.

Die Instant-Serie Schlafschafe geht der sehr aktuellen Frage nach: Was ist, wenn eine Person, die du liebst, Verschwörungserzählungen glaubt? Die Stärke liegt auch hier darin, wie schnell diese Produktion ein so drängendes und präsentes Problem verhandelt, ohne dabei inhaltlich überholt zu wirken.

Netflix hat die Idee mit "Social Distance" nur ein klein wenig später für sich entdeckt

Mit State of the Union und der MDR-Produktion 2 Minuten gibt es auch in der ARD-Mediathek Mini-Serien. Trotz kurzer Folgendauer handelt es sich auch bei 2 Minuten, wo man es vermuten könnte, nicht um eine Instant-Serien, heißt es auf Anfrage bei der Programmdirektion des Ersten - schon allein wegen der Produktionsweise nicht. "Die ARD hat derartige Produktionen nicht im Portfolio und auch nicht in der Planung", teilt ein Sprecher der Programmdirektion mit. Die klassische, nicht beschleunigte Produktion hat Vorteile. So eröffnet es Serienschöpfern wie Nick Hornby (State of the Union) die Möglichkeit, die Tiefen der Charaktere weiter auszuloten und zeitlose Geschichten zu erzählen. Slow Food also statt Instantgericht.

Klar können die neuen Serien mit Hochglanzproduktionen in vielerlei Hinsicht nicht mithalten. Sie müssen mit kleinem Ensemble auskommen, wenigen Drehorten - meistens drinnen -, Budget und Produktionsaufwand sind sie nicht vergleichbar. Dennoch ist dem ZDF mit der Entwicklung des Genres durch Mut zur Relevanz und aktuellen Bezügen ein Coup gelungen, der die Pandemie überdauern könnte. Schaut man sich die Produktionen an, sieht man: Die Öffentlich-Rechtlichen können gegenüber der Konkurrenz von Netflix und Amazon nicht nur mit Information und Regionalem punkten, sondern auch mit Aktualität und Relevanz.

Ein Indiz: Die Netflix-Serie Social Distance, die in rund 20 Minuten pro Episode den Beginn der Pandemie in Webcam-Optik behandelt, lief Mitte Oktober 2020 an - ein halbes Jahr nach Drinnen - Im Internet sind alle gleich. Als der Streamingriese sein Süppchen aufsetzte, hatten wir Videokacheln schon sehr oft gesehen und den Satz "Dein Mikrofon ist nicht an" sehr oft gehört.

© SZ/tyc
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