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Die richtige Serie zur genau richtigen Zeit:Mit der Kamera allein zu Haus

Drinnen - Im Internet sind alle gleich

In "Drinnen - Im Internet sind alle gleich" ist Charlotte (Lavinia Wilson) nur über das Internet mit ihren Freunden und ihrer Familie verbunden.

(Foto: btf GmbH/ZDF)

"Drinnen - im Internet sind alle gleich" wird dort produziert, wo die allermeisten Menschen jetzt ihre Zeit verbringen: In privaten Räumen - mit Tempo und Witz.

Von Elisa Britzelmeier

Verzicht kann ja auch was Gutes sein. Kein Arbeitsweg, keine Freizeitspaßpflicht, keine Entscheidungen, so fühlt sich das Zwangszuhausebleiben in der Corona-Pandemie für manche gerade an. Andere versuchen sich die Ruhe eher einzureden, und wieder andere, ein hibbeliges Kind auf jedem Homeoffice-Knie, könnten allein beim Wort "Maßnahmen" durchdrehen.

Sie alle dürfte eine Serie überzeugen, die ZDFneo aktuell zur Krise beeindruckend schnell produziert. Ohne Set, ohne Ortswechsel, ohne Profis in der Maske, ohne Catering. Die Serie entsteht komplett im Home-Office und heißt, wie Deutschland gerade eben ist: Drinnen. Im Mittelpunkt steht Charlotte (gespielt von Lavinia Wilson), Mitte dreißig, zwei Kinder, scheidungswillig. Als das Virus ausbricht, sind Mann und Kinder gerade aufs Land verreist, Charlotte bleibt allein in der Isolation. Sie arbeitet in einer Werbeagentur, mit dem Adidas-Pitch ist es da erst mal nichts mehr, aber weil die kranke Chefin ihr die Verantwortung überlässt, hat sie trotzdem genug zu tun. Man sieht also Wilson zu Hause sitzen. Aus der Perspektive einer Videokonferenz beobachtet man sie beim mehr oder weniger erfolgreichen Multitasking im Home-Office, beim "Skeipen" mit den Eltern, wie sie zwischen Whatsapp-Nachricht, Facetime-Call, Google-Hangout, Alexa, Mails und Tinder hin- und herwechselt. Etwa zehn Minuten dauert eine Folge, täglich wird veröffentlicht, 15 Episoden sollen es am Ende werden. Dass das lustig wird und spannend bleibt, liegt vor allem am Tempo. Sehr viel passiert hier im Schnitt. Und es liegt daran, wie aktuell geschrieben die Bücher sind. Man kann mit Charlotte gut mitfühlen, zumindest als der Teil der Bevölkerung, der momentan digital weiterwerkelt und nicht Supermarktregale einräumt, Patienten versorgt oder Kinder systemrelevanter Eltern notbetreut.

Die Schauspielerinnen und Schauspieler, Autorinnen, Redakteurinnen und Produzenten arbeiten dabei zu Hause, hieß es vom ZDF zum Start. Inszeniert wird per Videokonferenz (Regie: Lutz Heineking). An der Produktion ist die Bildundtonfabrik beteiligt, bekannt für Sendungen wie das Neo Magazin und die Serie How to Sell Drugs Oneline (Fast). Sie alle zeigen mit Drinnen, wie viel Gutes Verzicht hervorbringen kann. Gerade durch die Beschränkung der künstlerischen Mittel entsteht Spannung, entfalten sich ungeahnte Möglichkeiten. Es ist ein bisschen so wie mit der Folge in der dritten Staffel von Breaking Bad, die aus Geldmangel komplett im Meth-Labor gedreht wurde, oder mit den selbstauferlegten Stilübungen der Gruppierung Oulipo, bei denen es den Schriftstellern etwa darum ging, in einem Text komplett ohne den Buchstaben E auszukommen.

Ein Sendetermin im ZDF-Hauptprogramm steht noch nicht fest, Drinnen sollte da aber auf alle Fälle rein. Und zwar bevor sich das Ganze abnutzt und nur noch als Andenken an die Corona-Strapazen herhält. Dafür ist Drinnen genau die richtige Serie zur richtigen Zeit.

Drinnen - Im Internet sind alle gleich. ZDF-Mediathek

© SZ vom 14.04.2020
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