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"Rohwedder" auf Netflix:Der laute Sound des Unverstands

Treuhand-Vize Hero Brahms Detlev Karsten Rohwedder

Detlev Karsten Rohwedder.

(Foto: Netflix)

Eine vierteilige Dokureihe verhandelt den Mord an Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder. Sie wäre kraftvoll und sehenswert, hätten die Macher nach der ersten Hälfte aufgehört.

Von Joachim Käppner

Erstes Bild. Ein Mann und eine Frau rasen auf Motorrädern durch die Nacht, zu einem Düsseldorfer Gartengelände. Es sind linke Terroristen von der RAF. Sie packen ein Armeegewehr aus; die junge Frau nimmt es und visiert die Villa gegenüber an. Dort, im Arbeitszimmer des Treuhandchefs Detlev Karsten Rohwedder, brennt Licht. Als er im Fenster erscheint, schießt sie drei Mal.

Zweites Bild. Ein ehemaliger Präzisionsschütze der Stasi nähert sich in einem Schlauchboot über den Rhein. Er schleicht in denselben Garten, entsichert ein Gewehr und feuert. Dann steigt er zu seinem Komplizen ins Boot zurück.

Drittes Bild. Wieder ein Scharfschütze, unter einem Tarnnetz, ein Profi, von der Bundeswehr vielleicht oder einer Spezialeinheit der Polizei. Er erschießt den Treuhandchef und geht davon. Aus der Dunkelheit nähern sich Spukgestalten in weißen Schutzanzügen und präparieren den Tatort mit falschen Spuren - die auf die RAF hindeuten sollen. Dann verschwinden auch sie, dazu: orchestrale Chormusik.

Das Ergebnis ist in allen drei Szenarien dessen, was angeblich am 1. April 1991 im Düsseldorfer Villenviertel Niederkassel geschah, dasselbe: Rohwedder stirbt, seine Frau wird schwer verletzt. Die Täter entkommen unerkannt und werden nie gefunden.

Zu sehen ist dies alles im Vierteiler Rohwedder - Einigkeit und Mord und Freiheit, aufwendig produziert für Netflix. Die drei Szenarien gelten je einer Theorie, wer hinter dem Mord stecken könnte: die RAF, die frühere DDR-Staatssicherheit oder Geheimdienste der Bundesrepublik selbst. Anerkennenswerterweise verzichtet die Netflix-Produktion trotz ihres seltsamen Untertitels auf den unheilvoll-pathetischen Erzählton, der für das ausgewalzte Fernsehgenre True Crime so typisch wie quälend ist. Eigentlich gibt es gar keinen Erzähler, nur Filmaufnahmen von einst und Interviewpartner von heute, darunter ehemalige Treuhand-Mitarbeiter, Terrorfahnder und frühere RAF-Terroristen. Das ist zwar spannend gemacht, leidet aber bald unter dem Mangel an Einordnung. So bekommen echte Experten und solche, die nur fürs Leben gern Experten wären, dasselbe Gewicht. Das kann nicht gutgehen, und es geht nicht gut.

Technisch, vor allem optisch brillant gemacht geht Rohwedder dem bis heute ungeklärten Mord an dem Mann nach, unter dem die Treuhandanstalt die marode DDR-Volkswirtschaft privatisierte und der 1991 eine der meistgehassten Personen im von jäher Arbeitslosigkeit gebeutelten Ostdeutschland war. Folge eins, die Einführung, und Folge zwei, die RAF-Connection, bilden eine kraftvolle, sehenswerte Dokumentation. Hätten ihre Macher da doch bloß aufgehört, oder wenigstens nach der Stasi-Folge. Anschließend aber gleitet die Doku wie ein steuerloses Schiff erst langsam, dann unaufhaltsam und immer schneller fort ins Meer des Obskuren.

Eigentlich sind die Fakten doch recht eindeutig. Für Version eins, ein RAF-Attentat, spricht sehr vieles. Für Version zwei, verbitterte Stasi-Veteranen, spricht sehr wenig. Für Version drei, vom deutschen Staat angeheuerte Killer, spricht überhaupt nichts.

An der Täterschaft der RAF gibt es den Ermittlungen zufolge wenig Zweifel. Der Anschlag passt ins Muster der RAF-Morde an anderen Wirtschaftsgrößen wie etwa Alfred Herrhausen, dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Das Bekennerschreiben gilt als authentisch, sogar die Drucktechnik ist exakt wie bei früheren Selbstbezichtigungen. Am Tatort fand sich ein Haar des RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Das Gewehr war dasselbe, mit dem die RAF nach eigenem Bekunden die US-Botschaft in Bonn beschossen hatte.

Für die Stasi hingegen wäre, wenn auch jeder Sachbeweis fehlt, wenigstens ein Motiv denkbar: Rache. Nirgendwo sonst gab es aber je Rachemorde angeblich "hochtrainierter Stasi-Spezialisten", von denen hier gemunkelt wird.

Und westdeutsche Dienste oder "Machtstrukturen", Version drei, hätten nicht einmal ein plausibles Motiv gehabt. Die Netflix-Dokuserie liefert es so wenig wie den Hauch eines ernst zu nehmenden Hinweises für Mord von Staats wegen.

Gerne heißt es in Rohwedder, wenn über die Mordtat spekuliert und gesponnen wird, man dürfe nichts ausschließen. Das ist die Zauberformel der Verschwörungsbesessenen. Wer kann ausschließen, dass Christian Lindner noch ein Staatsmann von Weltrang wird? Dass die Alien-Apokalypse naht? Dass vielleicht das Fernsehen eines fernen Tages so viel Vernunft annehmen wird, die Zuschauer mit True-Crime-Narreteien zu verschonen? Aus Rohwedder klingt leider am Ende ein vertrautes Hintergrundrauschen. Es ist der Sound des Unverstands, und er wird lauter.

Rohwedder, bei Netflix.

© SZ/cag/ebri
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