"Polizeiruf 110" aus Rostock:Frau König haut den Sauerteig

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"Polizeiruf 110" aus Rostock: Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) wollte eigentlich ihren Kollegen Bukow heiraten. Der ist weg. Stattdessen da: Bukows Halbschwester Melly Böwe (Lina Beckmann).

Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) wollte eigentlich ihren Kollegen Bukow heiraten. Der ist weg. Stattdessen da: Bukows Halbschwester Melly Böwe (Lina Beckmann).

(Foto: Christine Schroeder/NDR)

Der erste Rostocker "Polizeiruf 110" ohne Charly Hübner bekommt den Übergang gut gebacken.

Von Claudia Tieschky

Bei Lassie war es einfach. Wenn ein Langhaarcollie aus der Serie ausschied, kam der nächste Langhaarcollie. Charly Hübner ist nicht Lassie. Seit sie im Rostocker Polizeiruf 110 in drei fantastischen letzten Episoden Hübners Ermittlerfigur Sascha Bukow ganz langsam auf einen Showdown mit Heulen und Zähneklappern zusteuern und diesen Bukow dann als Desperado im Pick-up aus der Stadt reiten ließen, herrscht eine gewisse Leere im Saloon von Rostock.

Die Leere nach Bukow zeigt sich vor allem im Leben der Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Bukow und sie wollten ja heiraten. Auffällig: Auch im Dortmunder Tatort liebten sich Bönisch und Faber plötzlich, kurz bevor Bönisch starb; Hobby-Profiler würden von einem Muster sprechen, andere würden sagen, dass die Liebe halt dauert oder auch nicht. Katrin König hat deshalb nun eine sehr schöne Szene, in der sie es morgens mit Sauerteigkneten als Entspannungstechnik versucht, es wird dann Gefühlskampfsport mit Roggenbaatz.

Der Krimi ist beklemmend und stark - auch ohne die Bukow-Story

In der neuen Episode liegt eine alleinerziehende Mutter erstochen in ihrer Küche und im Anbau des Hauses liegt ihr Sohn tot im Bett, weil ihm, dem fast vollständig gelähmten Teenager, niemand mehr den Katheter gewechselt hat. Titel dieser Folge ist allen Ernstes "Seine Familie kann man sich nicht aussuchen" und das ist hier entweder eine verdammt bittere Wahrheit - oder ein Insiderwitz. Bald nämlich gerät in dem Mordfall Max unter Verdacht. Der Pflegesohn der befreundeten Familie Genth ist familiär zweifach belastet: Er gehört zu einem Mafia-Clan, und er befindet sich bei den Genths im Zeugenschutzprogramm. Auf die heitere Seite gewendet betrifft das mit der Familie Bukows Nachfolge. Zusammen mit Katrin König, hat der NDR bekannt gegeben, soll schließlich künftig Bukows Halbschwester Melly Böwe ermitteln - gespielt von Lina Beckmann, die mit Charly Hübner verheiratet ist. Die muss jetzt ins Spiel gebracht werden.

Unter Sauerteigfreunden: Der Drehbuchautor Florian Oeller (der auch zwei der finalen Bukow-Fälle schrieb) und Regisseur Stefan Krohmer haben das ziemlich gut gebacken bekommen. Der Kriminalfall in dieser Übergangsfolge ist beklemmend und stark und steht auch ohne die Bukow-Story für sich. Melly Böwe kommt fast beiläufig dazu, die Bochumer Kommissarin ist Zeugenschutz-Betreuerin für Max und backt daheim gerade Muffins (Entspannungstechnik?), bevor sie sich in ihren Twingo klemmt und nach Rostock fährt.

Lina Beckmann, die immer noch mehr eine Theater- als eine Fernsehschauspielerin ist, schaut man sofort gerne zu. Ihr ist ein ungewöhnlicher Körpereinsatz in völlig gewöhnlichen Situationen eigen, was man schon in dem tollen Film Fühlen Sie sich manchmal ausgebrannt und leer? von Lola Randl bestaunen konnte, in dem sie ganz allerliebst überfordert zwischen ihrem Film-und-auch-sonst-Ehemann Hübner und Liebhaber Benno Fürmann hin- und herwetzte. Im Polizeiruf steigt sie aus dem kleinen Auto, übernimmt das Kommando, sagt zu der entgeisterten Katrin König: "Ich verstehe, warum du jetzt so reagierst", und schaut sie lieb, aber herzlos an: "Nimm's nicht persönlich." Ende der Ansage. Erstaunlich, in dem Moment hört man Bukow sprechen.

Das Erste, Sonntag, 20.15 Uhr.

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