Podcast-Tipps im Februar:Fälle von Machtmissbrauch

Lesezeit: 3 min

Podcast-Tipps im Februar: Illustration: Luis Murschetz

Illustration: Luis Murschetz

(Foto: Illustration: Luis Murschetz)

Verschwörungsglaube, Betrugsmaschen und Staatsversagen: vier Podcast-Empfehlungen.

Von SZ-Autorinnen und -Autoren

Finding Q: My Journey into QAnon

audible.de

Die sektenhafte Verschwörungsbewegung QAnon ist schon lange keine Ansammlung harmloser Spinner mehr. Millionen Menschen in den USA und Europa glauben fest an eine satanistische Weltverschwörung, einen vermeintlichen Aufklärer namens "Q" und an Donald Trump als Erlöser. Wie konnte es so weit kommen? Begonnen hat alles 2017 auf der Website 4chan, einer der dunkelsten Ecken des Internets. Der Journalist Nicky Wolf möchte nun herausfinden, wer sich hinter dem Kürzel Q versteckt, und nachvollziehen, wie aus einem kryptischen Verschwörungsrätsel eine bedrohliche Sekte werden konnte.

In den acht Folgen seines sechsstündigen, englischsprachigen Podcasts erklärt Wolf eindrucksvoll, wie QAnon aus dem zynischen Nihilismus der Internet-Trolle entstand, zu einer Parallelwelt heranwuchs und sich radikalisierte. Wer Finding Q hört, wird verstehen, warum Verschwörungserzählungen die Kraft haben, Familien zu zerreißen und Demokratien zu gefährden. Leo Kilz

Breitscheidplatz

190p.de/breitscheidplatz

Bis heute, mehr als fünf Jahre nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin, sind längst nicht alle Fragen dazu geklärt. Das liegt zu einem erheblichen Teil daran, dass Polizeibehörden und Politiker Sachverhalte vertuschen, um ihre unrühmliche Rolle in diesem Fall zu kaschieren. Birgit Tanner und Simone Schillinger zeigen in den sechs Folgen ihres Podcasts auf, was Journalisten des RBB bislang herausgefunden haben und mit welchen Hindernissen sie bei der Recherche konfrontiert sind - einige Auskünfte von Behörden mussten sie gerichtlich erzwingen.

Im Kern geht es um die Frage, warum der amtsbekannte Attentäter nicht aus dem Verkehr gezogen worden ist, wie real also die Chance gewesen ist, dieses Attentat zu verhindern. Die Journalistinnen und Journalisten stoßen auf eine Menge Schlamperei und Nachlässigkeit - und auf ein Systemversagen. "Wir werden sparen, bis es quietscht", hatte Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister Berlins Jahre zuvor gesagt. Die Folgen davon zeigen sich nicht zuletzt bei diesem Attentat: Es fehlt schlicht an Personal und Ausrüstung, um die Gefährder-Szene in der Hauptstadt auch nur ansatzweise überwachen zu können. Stefan Fischer

Der Fakeproduzent

ardaudiothek.de

Sie hatten einen großen Traum, der greifbar nah erschien: Sie wollten Platten aufnehmen, zum internationalen Star werden. 16 junge Musikerinnen und Musiker aus Deutschland und anderen europäischen Ländern gingen vom großen Durchbruch aus, als sich ein Mann bei ihnen meldete, der vorgab, Kontakte zu den größten Talenten im Musikgeschäft zu haben. Geo Slam nannte er sich - und er versprach ihnen, alle Träume wahr werden zu lassen, aber gegen Geld. Mehrere Zehntausend Euro verlangte der schwedische Musikproduzent zum Teil von den Familien der jungen Sänger. So berichten es Journalisten des Formats STRG_F von Funk.

In dem vierteiligen Podcast erzählen sie, wie sie auf die Spur des "Fakeproduzenten" kamen. Dem ehemaligen Mitarbeiter des renommierten Produzenten Red One wird vorgeworfen, dass er die Musiktalente mit falschen Versprechungen getäuscht, unter Druck gesetzt und finanziell ausgenommen habe. Geo Slam selbst streitet die Vorwürfe ab. Für ihre Recherche haben Lisa Maria Hagen und Jonas Schreijäg mit vielen Betroffenen und ihren Familien gesprochen. Die Mitschnitte geben Einblick in ihre Gefühlswelt: von der großen Hoffnung, endlich entdeckt worden zu sein, bis hin zur tiefen Enttäuschung - und dem Wiedersehen mit dem Produzenten vor Gericht. Anna Ernst

The Trojan Horse Affair

open.spotify.com

Irgendetwas bleibt immer hängen. Das ist die bittere Lehre aus der in Großbritannien sogenannten Trojan Horse Affair. Im Herbst 2013 war in Birmingham die Kopie eines Briefes aufgetaucht, aus dem vermeintlich hervorging, wie Islamisten planten, Schulen der Stadt unter ihre Kontrolle zu bekommen. Die Aufregung war groß - und sie blieb es, auch nachdem der Brief als Fälschung enttarnt worden war. Denn zu gut passte die Erzählung von einer drohenden Islamisierung Großbritanniens rechten gesellschaftlichen und politischen Kreisen in ihre Agenda: Sie konnten mit Verweis auf die angebliche Unterwanderung des Bildungssystems gegen Muslime und Multikulturalismus zu Felde ziehen. Die Affäre hat dazu beigetragen, die Stimmung im Land zu vergiften und Fremdenfeindlichkeit, speziell Islamophobie, zu schüren. Sie hat Menschen ihren Job gekostet und einige Schüler ihre Bildungschancen.

All das schildert Hamza Syed, der als Muslim in Birmingham aufgewachsen ist. Den Wirbel, den die Hetz-Kampagne entfachte, hat er am eigenen Leib erfahren. Inzwischen ist Syed Journalist, und gemeinsam mit Brian Reed, dem Host des Investigativ-Podcasts S-Town, recherchiert er in dieser achtteiligen, englischsprachigen Koproduktion von Serial Productions und New York Times noch einmal die Hintergründe von Grund auf. Denn vieles ist bis heute ungeklärt. Darunter die zentrale Frage, wer den bösartigen Brief geschrieben hat. Stefan Fischer

sz.de/podcast-tipps

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