Dokuserie über "New York Times" Den Kampf um die Wahrheit gehen sie sportlich an

Die Frau, der der Präsident vertraut: Maggie Haberman und Donald Trump kennen einander seit mehr als 20 Jahren, als sie noch Reporterin beim Boulevardblatt New York Post war und er nur ein reicher Mann.

(Foto: Aletheia Films/WDR)
  • Ein Jahr lang hat die Regisseurin Liz Garbus das Team der New York Times bei dessen Berichterstattung über Donald Trump begleitet, angefangen beim Amtseid des neuen Präsidenten im Januar 2017.
  • Die Dokuserie ist ein gelungenes Beispiel für einen Trend in Film und Fernsehen: die intensive Beschäftigung mit journalistischer Arbeit.
Von Holger Gertz

Tatsächlich fühlt sich die Dokumentation Mission Wahrheit schon nach ein paar Minuten wie eine fiktionale Serie an, was natürlich am Score und an der feinen Kameraarbeit liegt, aber eben auch an der Redaktion der New York Times. Man lernt also Elisabeth Bumiller kennen, Leiterin des Washington-Büros, erfahrene Frau, unaufgeregt, abgebrüht, aber nicht auf diese zynische Art. Man sieht Maggie Haberman, die mal beim Boulevardblatt New York Post gearbeitet hat und jetzt, bei der Times, eine Art Vertrauensperson für Donald Trump ist, sie kennt ihn schon über zwanzig Jahre. Und schließlich Dean Baquet, der Chefredakteur, sehr souverän beim Kaffeeholen in Downtown, sehr souverän in der Redaktion. Feiner Anzug, hübscher Trenchcoat, in Gegenwart von Baquet verströmen sogar die gestapelten Kopierpapier-Pakete ihre eigene Eleganz.

Die Alten arbeiten gemeinsam mit den Jungen, die Abgeklärten mit den Entflammten. Die Arbeit ist anstrengend, aber jeder kennt auch den Lohn der Arbeit: Diese Statik war zum Beispiel bei Emergency Room im fiktiven Bezirkskrankenhaus County General Hospital ganz ähnlich. Dies hier ist die real existierende New York Times, aber die Journalisten dieses Blattes sind auf ihre Art so charismatisch wie Schauspieler und Schauspielerinnen, die Journalisten spielen. In deutschen Redaktionen ist das eher nicht so.

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Ein Jahr lang hat die Regisseurin Liz Garbus das Team der New York Times bei ihrer Berichterstattung über Donald Trump begleitet, angefangen beim Amtseid des neuen Präsidenten im Januar 2017. Man sieht Trump immer und flächendeckend in allen vier Teilen der Doku, die Arte Dienstagabend hintereinander zeigt, passend zu den Midterms. Trump ist überall, im Vordergrund, im Mittelpunkt, am Horizont; Trump entwertet mutwillig den Journalismus und wertet ihn ungewollt auf, denn die Berichterstattung über Trump hat der New York Times neue Abonnenten gebracht. Trump ist auf jedem Flachbildfernseher in der Redaktion, in der Präsidentenmaschine, Trump ist in den Gedanken, Träumen und Albträumen der Reporter, Investigativen und Kolumnisten und einmal auch leibhaftig am Smartphone von Maggie Haberman. Während sie mit ihm telefoniert, schauen die Kollegen ihr zu, über die Ränder der Stellwände hinweg, die die Bürowaben im Redaktionsgebäude voneinander trennen.

Trump, der alles, was ihm nicht ins Konzept passt, zu Fake News erklärt, hat mindestens die politische Kultur verändert. Und für politische Journalisten ist vieles anders geworden seit Trump, der Journalisten zu Feinden des Volkes erklärt - und in der Welt genügend Gefolgsleute und Hilfsbrandstifter und Nachplapperer im AfD-Format gefunden hat. Chefredakteur Dean Baquet liefert dazu gleich am Anfang eine Beschreibung der polarisierten Gegenwart: "Wir haben einen Präsidenten, der kein Problem damit hat, nicht die Wahrheit zu sagen. Wir haben eine Linke, die nicht hören will, was die andere Seite zu sagen hat. Und eine Rechte, die es genauso macht. Und all diese Gruppierungen zerpflücken jeden unserer Artikel und suchen nach Fehlern. Ich glaube, das wird in vielerlei Hinsicht ein Härtetest für uns."

Manchmal wird ein Journalist, der gerade im Dunkeln sitzt, von der Smartphone-Beleuchtung etwas zu melodramatisch ausgeleuchtet, im Ganzen ist die Dokuserie über die New York Times ein gelungenes Beispiel für einen Trend in Film und Fernsehen: die intensive Beschäftigung mit journalistischer Arbeit. Der Film Spotlight über das Investigativ-Team vom Boston Globe ist ein anderes, und in der Netflix-Reihe Follow this lassen sich Reporter von BuzzFeed begleiten. Sogar wenn sie in der Sexspielzeugindustrie ermitteln, sind auch sie auf der Suche nach der Wahrheit, wie schon im Trailer betont wird.

Warum so viele Journalismus-Geschichten? Wer länger im (Print)-Journalismus arbeitet, kennt das Gefühl, sich von Krise zu Krise zu hangeln. Ungefähr seit Beginn des Jahrtausends ist eigentlich immer Krise. Erst brachen die Anzeigen weg, Redaktionen wurden zusammengelegt, Blätter verschwanden. Dann, die nächste Welle: Die Glaubwürdigkeit der Journalisten wurde angezweifelt, der Sinn ihrer Arbeit zerredet, schon vor Trump im Netz, aber seit Trump erst recht. Was früher gepostet wurde, wird jetzt bei Wahlkampfreden verkündet: Journalisten seien käufliche Büttel des Establishments - weg mit ihnen. Ganze Regierungen in autoritären Staaten verbreiten ja neuerdings dieses Feindbild.

Eine permanente Entwertung macht etwas mit dem, der entwertet wird. Wer dauernd zu hören kriegt, dass das, was er da tut, komplett entbehrlich ist, wird entsprechende Gegenmaßnahmen in eigener Sache einleiten. Dass im Journalismus immer mehr Preise verliehen und die Gewinner im Netz von ihren Journalistenkollegen auch bei geringfügigeren Anlässen manchmal etwas sehr penetrant abgefeiert werden, hat damit zu tun, dass sich die Branche auch mal selbst aufbauen muss: Wir leben noch, und wir erledigen wichtige Arbeit. Denn der Journalismus ist gerade in Topform, die Enthüllungen in globalen Kooperationen zeigen das. Und das ist seine wuchtigste Antwort auf Populisten von Washington bis Niederbayern.

Trump dämonisiert Journalisten. Deren Gegenmittel: Sie lassen sich bereitwillig bei der Arbeit filmen

All das ist bester Stoff für Filme und Dokumentationen. Journalismus - da geht es um was. Und da sind viele gern bereit, von sich zu erzählen. Wenn das Team der New York Times sich bereitwillig bei der Arbeit zusehen lässt, ist das auch eine Antwort auf Trump, der die Journalisten dämonisiert. Das Gegengift der Journalisten: Offenheit, Transparenz. Dass die Arbeit intensiver erklärt und begleitet werden muss als früher, ist sowieso klar. Früher war alles schwieriger? Herrje. Chefredakteur Dean Baquet, vor Jahrzehnten selbst Reporter, sagt: "Journalisten müssen heute härter arbeiten als zu meiner Zeit. Es ist ein 24-Stunden-Job. Man muss auf Twitter und in anderen Netzwerken aktiv sein, man muss im Fernsehen auftreten, Artikel schreiben und aufpassen, dass man nicht von der Washington Post geschlagen wird. Es wird immer härter."

So liefert diese Dokumentation Erklärungsmuster auch für deutsche Journalisten, die sich selbst manchmal fragen, warum andere deutsche Journalisten immer und immer spätabends bei Illner oder Lanz sitzen, obwohl sie die Washington Post von dort aus doch gar nicht schlagen können. Es geht um Wesentlicheres.

Die Mannschaft von der New York Times jedenfalls erzählt den Zuschauern und gern auch den Journalismus-Skeptikern vom Wert und Wesen des Journalismus. Und es ist ganz beeindruckend, dass Donald Trump sie nicht bitter gemacht hat. Sie gehen den Kampf um die Wahrheit immer auch sportlich an.

Dean Baquet sagt: "Die Angriffe auf uns, das tut weh. Aber das gab es schon mal, zur Zeit von Vietnam. Damals haben viele Menschen Nachrichtenunternehmen wie die New York Times attackiert, sie als bösartig und Agitatoren beschimpft. Dazu kann ich nur sagen: Diese Leute sind weg, die New York Times ist immer noch da."

Trump ist jetzt überall, im Vordergrund, im Mittelpunkt, am Horizont. Aber jetzt ist nicht für immer.

Mission Wahrheit - Die New York Times und Donald Trump, Arte, vier Teile, von 20.15 Uhr an.

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