Handelspolitik der USA "Die Zölle werden Entlassungen quer durch die amerikanische Zeitungslandschaft zur Folge haben"

Weniger Seiten, kleinere Formate: US-Zeitungen wie die Dallas Morning News müssen auf's Papier achten.

(Foto: Matt Nager/Bloomberg)
  • Die US-Regierung hat kanadisches Papier mit Zöllen von bis zu 32 Prozent belegt.
  • Eine amerikanische Papiermühle hatte sich über die Subventionierung von Papierherstellern im Nachbarland beschwert.
  • Wegen der höheren Papierpreise fürchten Lokalzeitungen nun um ihre wirtschaftliche Zukunft.
Von Beate Wild

Nach 40 Jahren im Tageszeitungsgeschäft hat Paul Tash, Geschäftsführer der Tampa Bay Times, schon einiges erlebt, lange fürchtete er, die Digitalisierung könne seiner Zeitung gefährlich werden. Ganz plötzlich aber fürchtet er viel mehr: Die neuen Zölle auf kanadisches Druckpapier.

Eine Zeitung zu publizieren sei noch nie ein einfaches Geschäft gewesen, sagt Tash, aber das hier, das "ist ein Schlag ins Gesicht". Durch die neuen Zölle steigt der Preis für eine Tonne Papier von 600 auf 800 Dollar, rechnet er vor. Pro Jahr braucht die Tampa Bay Times 17 000 Tonnen. Das sind also 3,4 Millionen Dollar mehr, die die Zeitung auf der Ausgabenseite verbuchen muss.

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Ein Kostenanstieg, der schwer zu verkraften ist für Floridas größte Tageszeitung. Denn seit dem Einbruch des Anzeigengeschäfts vor mehr als zehn Jahren gingen die Umsätze um mehr als die Hälfte zurück. Nun werde die Tampa Bay Times wohl etwa 50 Mitarbeiter entlassen müssen, sagt Tash.

Auslöser der neuen Zölle ist eine einzige Papierfabrik: Die North Pacific Paper Corporation (NORPAC) aus Longview, Washington State, beschwerte sich beim US-Wirtschaftsministerium über die kanadischen Papierhersteller. Weil das Nachbarland die Produktion subventioniere, habe man gegen deren Preise als US-Firma keine Chance. Die Regierung Donald Trumps ist solchen Argumenten gegenüber bekanntermaßen aufgeschlossen; prompt belegte man kanadisches Papier im April mit einem Einfuhr-Aufschlag von bis zu 32 Prozent.

Die NORPAC ist eine von fünf verbliebenen Papiermühlen in den USA. Seit 2016 gehört die Firma einem Hedgefonds aus New York. Seit Einführung der Zölle geht es mit den Geschäften aufwärts. Jüngst verkündete das Unternehmen, eine vorübergehend stillgelegte Papiermaschine wieder in Betrieb genommen zu haben. Außerdem wolle man zu den bisher 400 Mitarbeitern weitere 50 Voll- und Teilzeitkräfte einstellen. Für die Menschen im ländlichen Washington State sicherlich eine gute Nachricht. Für Zeitungsredaktionen im Rest des Landes das Gegenteil.

"Für die Tageszeitungen steht alles auf dem Spiel", sagt Sam Fisher, Präsident des Branchenverbandes Illinois Press Association. Personalkosten seien der größte Ausgabeposten im Zeitungsgeschäft, gleich danach aber komme alles, was mit dem Druck zu tun habe. "Viele kleinere Zeitungen drucken nun weniger Seiten, andere stellen auf kleinere Formate um." Der Sparzwang schlägt auch auf die Redaktionen durch, wie eine Umfrage unter den 450 Zeitungen ergeben hat, die von der Illinois Press Association betreut werden. "Es wird bei Gehältern eingespart, offene Stellen werden nicht mehr besetzt, hier und da kommt es zu Entlassungen", sagt Fisher.

Lokalzeitungen sind weiterhin auf ihre gedruckten Ausgaben angewiesen

"Zölle haben fast immer Auswirkungen auf die Firmen, die von dem Material abhängig sind, auf die sie erhoben werden", sagt Uchechukwu Jarrett, Wirtschafsexperte und Juniorprofessor an der University of Nebraska-Lincoln. "Ich kann nichts darüber sagen, wie weitsichtig diese Regierung ist. Aber das zumindest hätten sie vorhersehen müssen." Wenn Zölle derart negative Auswirkungen hätten, seien sie nicht gerechtfertigt, findet er.

Lokalzeitungen sind, weniger als inzwischen ihre großen überregionalen Mitstreiter wie die New York Times oder die Washington Post, auch weiterhin auf die gedruckten Ausgaben angewiesen. "Eine komplette Umstellung auf digitale Ausgaben ist keine Lösung", sagt Branchenverbandschef Fisher. "Gerade in ländlichen Regionen sind Papierzeitungen noch beliebt bei den Lesern." Wirtschaftsexperte Jarrett gibt ihm recht. Überregionale Zeitungen hätten in der Regel technikaffine Leser, die leicht und gerne auf Digital- und Online-Angebote umsteigen. Lokalzeitungen hätten in der Regel "nicht die Ressourcen, um eine Digitalpräsenz zu etablieren". Noch gibt es keine seriösen Schätzungen, wie viele Arbeitsplätze von dem Problem betroffen sein werden.

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"Die Zölle werden Entlassungen quer durch die amerikanische Zeitungslandschaft zur Folge haben - einschließlich unserer Zeitung", prophezeit Paul Tash von der Tampa Bay Times. Doch wenn Redaktionen sparen müssen, hat das nicht nur Konsequenzen für die dort angestellten Redakteure. "Diese Zölle schaden auch unseren Lesern, weil sie Verleger unter Druck setzen, die Preise anzuheben." Die amerikanische Zeitungsbranche hat bereits zahlreiche Sparrunden und Schließungen hinter sich, Tash weiß das. Schon jetzt ist die Lokalberichterstattung in vielen Kommunen ausgedünnt, ohne dass etwas in Sicht wäre, dass die Lücke schließen würde.

Eine Hoffnung aber haben der Geschäftsführer von Floridas größter Tageszeitung und seine Kollegen: Im September will die amerikanische Bundesbehörde für internationalen Handel die Papierzölle noch einmal überprüfen und eine finale Entscheidung treffen.