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Nachlese zum Wien-Tatort "Deckname Kidon":"Wir scheißen uns nichts"

Tatort: "Deckname Kidon" mit Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer

Tatort "Deckname Kidon": Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) im Einsatz.

(Foto: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg)

Sie wollen mitreden über den "Tatort"? Hier erfahren Sie, warum die Wiener Ermittler nichts von Glacéehandschuhen halten und Moritz Eisner die Welt nicht mehr versteht. Die "Tatort"-Nachlese - mit den besten Zuschauerkommentaren.

Darum geht's:

Hoch politisch starten die Wiener Ermittler ins neue Jahr. Ein iranischer Diplomat stürzt tödlich aus seinem Hotelzimmer und ausgerechnet der israelische Geheimdienst Mossad soll in den Todesfall verwickelt sein. Aber "wie sollen wir mit unseren Mitteln eine Spezialeinheit vom Mossad aufstöbern?", fragt Kommissar Eisner. Immerhin können er und Bibi Fellner einen überkandidelten Waffenlobbyisten in Schach halten. Und das gelingt ihnen ganz gut.

Lesen Sie hier die Rezension von SZ- Tatort-Kritiker Holger Gertz:

Bezeichnender Dialog:

Bibi Fellner und Moritz Eisner hätten Johannes Leopold von Trachtenfels-Lissé fast wegen Verwicklung in illegale Geschäfte gehabt - aber dann kommt der Lobbyist gegen Kaution frei. Vor allem Eisner versteht die Welt nicht mehr.

Fellner: Moritz, die Welt kannst Du nicht ändern.

Eisner: Jaaa. "Mein Vertrauen in die Behörde ist ungebrochen" (diesen Satz sagte von Trachtenfels-Lissé zuvor der Presse).

Von Trachtenfels-Lissé fährt in seinem Wagen vor, der Geschäftsmann kurbelt von der Rückbank aus das Fenster herunter.

von Trachtenfels-Lissé: Herr Eisner, Sie können nicht gewinnen. Wir haben das Geld, wir haben die Beziehungen. Und wir scheißen uns nichts. Und Sie? Sie haben kein Geld, keine Beziehungen und müssen sich an die Regeln halten. Kann nie gehen.

Eisner: Fahren Sie weiter, bevor ich mich vergesse.

von Trachtenfels-Lissé: Sind wir ein schlechter Verlierer? Schon. Wissen Sie was? Ich wäre wirklich sehr gerne Ihr Freund. Wirklich. Aber Sie stehen sich leider selber im Weg.

Die besten Zuschauerkommentare:

Die beste Szene:

Vielleicht nicht die beste, auf jeden Fall aber die charmanteste. Bibi Fellner sucht in einer Lagerhalle nach einer Lieferung spezieller Ventile, die illegal außer Landes geschafft werden sollen. Auf einmal kommt ein junger Arbeiter herein. Es folgt ein herrlich ungelenker Versuch, den mundfaulen jungen Mann zum Reden zu kriegen. Aber Bibi kann man das nicht übel nehmen, vielmehr sieht man ihr gern zu - liegt sie mit ihrem Gespür doch schließlich richtig.

Top:

Ihr Vorgesetzter kann bei einem so prominenten Verdächtigen noch so nach Verhörmethoden mit "Glacéhandschuhen" verlangen. Aber die Wiener Emittler verhören Johannes von Trachtenfels-Lissé mit der nötigen Schärfe und Direktheit, wie jeden anderen auch. Anders sind dessen schwülstige Ausführungen ("Eigentlich bin ich ein Landwirt. Ich sehe gern zu, wie alles wächst und gedeiht." - "Auch das iranische Atomprogramm?") nur schwer zu ertragen.

Flop:

In "Deckname Kidon" wirkt Kommissar Eisner irgendwie unmotiviert. An einer Stelle fällt er auf einen korrupten Provinzpolizisten herein, an anderer Stelle versucht er in einer schon fast lächerlichen One-Man-Show einen Güterzug zu stoppen. Gut, dass er am Ende des Falles in Urlaub geht. Bleibt nur zu hoffen, dass der nicht zu lange dauert.

Bester Auftritt:

Udo Samel mimt den undurchschaubaren Johannes von Trachtenfels-Lissé schmierig und braucht dafür keine große Gestik noch ausgeprägte Mimik. Besonders widerlich wirkt er, als ihn die Kommissare von einem Wohltätigkeitsball mit Barockmotto wegzitieren und er sich schwülstig und in weiß gelockter Haarpracht von seiner Frau verabschiedet ("On y va. À bientôt, ma chère grande.", also in etwa "Gehen wir. Bis bald, meine Liebe").

Die Erkenntnis:

An sich ist dieser Tatort mit den aktuellen Bezügen zur iranischen Atompolitik und Europas Reaktion darauf gut konzipiert. Aber von Geheimdienstangelegenheiten scheint das Wiener Team überfordert und kann sein volles Potenzial nicht entwickeln.

Die Schlusspointe:

Auch einen überheblichen Lobbyisten holt früher oder später die Gerechtigkeit ein. Oder vielmehr: der Mossad.

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