#MeToo und Dieter Wedel Ein Skandal in grauen Aktenordnern

Dieter Wedel, gegen den jüngst Missbrauchsvorwürfe erhoben wurden, arbeitete vor fast 40 Jahren für den Saarländischen Rundfunk.

(Foto: Swen Pförtner/dpa/picture alliance)

Der Saarländische Rundfunk stellt sich der Affäre um die sexuellen Übergriffe des Regisseurs Dieter Wedel und arbeitet eine lange vergessene Produktion von 1981 auf. Wie geht das?

Von Kathleen Hildebrand

So banal sieht das also aus, wenn ein Skandal aufgearbeitet wird. Drei Umzugskartons in der Ecke eines Konferenzraums, darin stapeln sich Ordner. Dunkelgrau marmoriert, im Inneren mal korallenrote, mal hellgelbe Trennblätter. Dazwischen sehr viel dünnes Papier, leicht gewellt. Nur das, was auf den Rücken der Ordner steht, klingt nicht mehr harmlos. Nicht, seit die Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen den Regisseur Dieter Wedel Anfang dieses Jahres bekannt geworden sind. Auf den Rücken der Ordner steht: "Bretter, die die Welt bedeuten".

Es ist der Titel jener von der 2007 liquidierten SR-Tochter Telefilm Saar produzierten Wedel-Serie aus dem Jahr 1981, bei deren Dreharbeiten einige dieser Übergriffe passiert sein sollen. Die Serie handelt von einer jungen Schauspielerin an einem Stadttheater, sie erlebt Tragisches und wird am Ende lieber Sängerin. So heiter ging es für die beiden Hauptdarstellerinnen nicht aus. Zwei Schauspielerinnen werfen Wedel vor, sie während der Dreharbeiten sexuell belästigt, beschimpft und gedemütigt zu haben. Eine von beiden, die Schweizerin Esther Gemsch, soll er so schwer an der Halswirbelsäule verletzt haben, dass sie die Dreharbeiten abbrechen musste. Ihre Nachfolgerin, Ute Christensen, berichtet, so schwer unter Wedel gelitten zu haben, dass sie eine Fehlgeburt erlitt. Wedel bestreitet alles.

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Die Erkenntnis, dass der SR in den Fall Wedel verstrickt sein könnte, kam aus dem heitersten saarländischen Himmel. Zeit-Reporter Christian Fuchs meldete sich, bat um Einblick ins Senderarchiv. "Wir wussten nicht einmal, dass es überhaupt jemals eine Wedel-Produktion beim SR gab", sagt Peter Meyer, SR-Sprecher und Mitglied der Mitte Januar eingesetzten Task Force. "Wir haben bei null angefangen. Oder eher bei minus drei."

In den elf Ordnern dürfte alles enthalten sein, womit sich die Geschichte dieser offenbar katastrophisch verlaufenen Fernsehproduktion rekonstruieren lässt. Die Geschäftsleitung hat sich vorgenommen, genau das zu tun. Nicht, um Wedels Schuld oder Unschuld festzustellen, sondern um herauszufinden, was die Verantwortlichen über die Vorfälle wussten.

Dass es nicht nichts war, weiß man schon. Es lagen Arztberichte der verletzten Esther Gemsch vor, sie kündigte das Engagement, Ersatz musste gefunden werden. Die Drehkosten schossen in die Höhe. Aber warum zog niemand Konsequenzen? Die Bavaria Film hat ihre interne Untersuchung gerade abgeschlossen, ohne Belege für Übergriffe Wedels bei ihren Produktionen zu finden, der SR will Mitte April vorläufige Ergebnisse veröffentlichen.

Was macht das mit einem Sender, wenn plötzlich ein dunkles Kapitel in seiner Geschichte auftaucht? Ein Kapitel, das die große, nicht enden wollende "Me too"-Debatte um sexuelle Übergriffe auf Frauen direkt ins eigene Haus holt? Was macht das mit einem so familiären Unternehmen wie dem SR? Mit 800 Mitarbeitern ist er die zweitkleinste ARD-Anstalt, kleiner ist nur Radio Bremen.

Indizien legen nahe, dass die Intendanz Bescheid wusste

"Ich habe gedacht: Das geht gar nicht." SR-Intendant Thomas Kleist rutscht ein Stück vor, hinaus aus der Umklammerung des würfelförmigen Sessels in seinem ansonsten sehr luftigen Büro. Warum? "Weil nicht sein kann, was nicht sein darf." Kleist hat seinen Posten seit 2011 inne, er ist SPD-Mitglied, stammt aus dem Saarland und spricht dessen weichen, immer etwas gemütlich klingenden Dialekt. Ob er mit seinem Sender gehadert hat, als er von den Wedel-Vorwürfen erfuhr? "Nein, nie, aber es gab einen inneren Antrieb zur klaren Abgrenzung von dem, was damals geschehen ist."

Es gebe Indizien, hat Kleist in einem Interview gesagt, dass die Intendanz damals über die Vorfälle bei Wedels Dreh Bescheid wusste. Macht ihn das wütend? "Ich bin immer vorsichtig in der Beurteilung des Tun und Handelns anderer Menschen", sagt Kleist. "So was kommt vor. Auch wo es Sanktionsmechanismen gibt, wird Missbrauch nicht komplett verhindert. Aber man kann ihn erschweren, indem man ein Klima schafft, wo das ein absoluter Fremdkörper ist."

Ein Zeichen dafür, dass der SR von diesem Klima zumindest nicht ganz weit entfernt ist, sind die elf grauen Wedel-Ordner. Dass es die überhaupt noch gibt, ist einerseits ein gewaltiger Zufall. Andererseits ist es eine Entscheidung. Unternehmen müssen ihre Geschäftsunterlagen zehn Jahre lang aufbewahren, nicht länger. Die Wedel-Recherchen beim ZDF blieben aus diesem Grund ergebnislos: Es gibt keine Dokumente mehr. Aber beim SR war noch sehr viel da. "Das war ein ganz zufälliger Fund", sagt Justiziar Bernd Radeck, "wenn das Gebäude der Telefilm Saar verkauft oder abgerissen worden wäre, dann wären die niemals gefunden worden." Das heißt aber auch: Der SR hätte gar nicht zugeben müssen, dass es die Akten noch gibt. Es musste sie ja nicht mehr geben.