bedeckt München 19°

"Kroymann" im Ersten:Selbstverständlich kurzsichtig

Kroymann Folge 14

Maren Kroymann singt über ihre Brille, es geht aber eigentlich um mehr.

(Foto: Radio Bremen/btf)

Maren Kroymann macht in ihrer Comedy-Sendung den Umgang mit Lesben, Schwulen und Transgender in der Filmbranche zum Thema - mit einem Brillensong. Warum so schüchtern?

Von Kathrin Hollmer

Seit 28 Jahren wird die Schauspielerin und Kabarettistin Maren Kroymann auf ihre Sexualität angesprochen. Seit sie zum ersten Mal übers Lesbischsein geredet hat, ist es Thema in Interviews und Talkshows. Sie könnte es langsam mal leid sein. Aber das ist nicht ihre Art. In ihrer Comedy-Sendung Kroymann macht sie nun selbst den Umgang mit LGBT - kurz für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender - in der Film- und Medienbranche zum Thema.

Für das Sketch-Comedy-Format schlüpft Kroymann, 71, regelmäßig in unterschiedliche Rollen. In der neuen Folge treten bis auf Annette Frier, die fest zum Ensemble gehört, ausschließlich queere Schauspielerinnen und Schauspieler auf - in heterosexuellen Rollen, oder solchen, bei denen die Sexualität egal ist.

Für die letzten vier Minuten der Sendung haben mehr als 50 Medienschaffende ein Musikvideo gedreht. Schauspielerinnen, Comedians, Moderatoren und Musikerinnen. Comedienne Tahnee Schaffarczyk zum Beispiel, Georg Uecker, den man aus der Lindenstraße kennt, Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel. Der Song, den sie singen, heißt "Kurzsichtig". Um zu verstehen, worum es dabei eigentlich geht, muss man zwei Dinge wissen.

Kroymann selbst hatte ihr Coming-out 1993, mit 43

In Kroymanns Bühnenprogramm "In My Sixties" gibt es einen Monolog mit dem Titel "Lesben und Kurzsichtigkeit". "Ich bin kurzsichtig - und das ist auch gut so", sagt sie an einer Stelle, in Anlehnung an Klaus Wowereit, der sich 2001 mit dem Satz "Ich bin schwul - und das ist auch gut so" als erster aktiver Politiker in Deutschland geoutet hat. Und in der Rahmenhandlung von Kroymann hat Maren Kroymann gerade ein Shooting für den Playboy hinter sich. Fürs heterosexuelle Image, sagt sie. Ob es wirklich immer noch Produzenten gebe, die sich nicht vorstellen können, dass ein homosexueller Schauspieler eine heterosexuelle Rolle spielt, fragt Anette Frier und Kroymann antwortet: Jemanden wegen seiner sexuellen Orientierung zu diskriminieren - das wäre ja, "als würde jemand wegen seiner Haarfarbe diskriminiert, oder weil man Brillenträger ist", und leitet so zu dem Musikvideo über, in dem sie am Klavier sitzt.

"Ich kam auf die Welt, genauso wie du, doch etwas war anders bei mir", singt sie. Dass sie ihre Kurzsichtigkeit geheim hielt, ihre Brille versteckte - bis sie sich nicht mehr verstellen wollte. Gemeinsam stimmen Kolleginnen und Kollegen ein: "Wir sind - kurzsichtig", sie setzen nach und nach ihre Brillen auf: "Für unsere Brill'n im Gesicht, schäm' wir uns nicht."

Mehr als 50 Medienschaffende machen mit bei Maren Kroymanns Clip.

(Foto: Bildundtonfabrik)

Es geht hier natürlich um mehr. Mit ihrer sexuellen Orientierung gehen manche der Mitwirkenden offen um, wie der Schauspieler Gustav Peter Wöhler seit 40 Jahren, oder Lukas von Horbatschewsky, eine der wenigen geouteten schauspielernden Transpersonen in Deutschland. Manche von ihnen aber haben bisher nicht öffentlich darüber gesprochen.

Maren Kroymann selbst hatte ihr Coming-out 1993, mit 43, im Stern. "Damals sollten viele prominente und unprominente Lesben mitmachen", erzählt sie der SZ. "Am Ende war ich dann die einzige Prominente, die übrig blieb." Sie spielte damals Hauptrollen in Filmen und Serien, als erste Frau im deutschen Fernsehen hatte sie eine eigene Satiresendung in der ARD, Nachtschwester Kroymann. Die Sendung behielt sie zwar, doch die Rollenangebote, sagt sie, seien nach der Stern-Geschichte ein Jahr lang komplett ausgeblieben.

Immer noch würden Darsteller und Darstellerinnen sich scheuen, zu ihrem Queersein zu stehen, aus Angst vor negativen Auswirkungen, sagt Maren Kroymann. Man könnte fragen, warum man sich in dem Musikvideo hinter der Metapher Kurzsichtigkeit versteckt. Doch die große Stärke des Songs ist, dass er eben kein pathetisches Bekenntnis ist. Keine Opferdarstellung. Maren Kroymann sagt: "Ich bin froh, dass Queersein 2021 auch sehr leicht sein kann, heiter, selbstverständlich." So selbstverständlich wie Brille tragen.

Kroymann. Das Erste, 23.35 Uhr, und in der ARD-Mediathek.

© SZ/ebri
Zur SZ-Startseite
Serien-Tipps im Januar 2021: "WandaVision", "Die Geschichte der Schimpfwörter", "Twin" und "Pretend it's a City"

Fernsehen und Streaming
:Das sind die Serien des Monats

Neues aus dem Marvel-Kosmos, die lustige New Yorkerin Fran Lebowitz und Nicolas Cage beim Schimpfen: die Empfehlungen im Januar.

Von SZ-Autoren

Lesen Sie mehr zum Thema