Hörspiel "Faust (hab' ich nie gelesen)":Verweigerung mit Ansage

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Hörspiel "Faust (hab' ich nie gelesen)": undefined
(Foto: Stefan Dimitrov/(Illustration: SZ))

Noam Brusilovsky soll Goethes "Faust" als Hörspiel inszenieren und zeigt seinen Auftraggebern den Vogel.

Von Stefan Fischer

Das muss man sich erst einmal trauen: Straßenumfragen zu machen. Für ein Hörspiel. Schließlich ist das Kunst! Trotzdem darf jeder ins Mikrofon plappern, was ihm in den Sinn kommt.

Der Autor und Regisseur Noam Brusilovsky liebt Straßenumfragen. Er hat das bereits in seinem Hörspiel We love Israel erprobt, und er nutzt die Form der unmittelbaren Rede einmal mehr für Faust (hab' ich nie gelesen). Ist das ein Ausdruck von Mut? Naivität? Verzweiflung?

Es ist vor allem: ein Spiel. Mit Erwartungen. "Entschuldigung, darf ich kurz eine Frage stellen?", fragt Brusilovsky. Nein, nöö, hab's eilig, jetzt nicht, brummelt es ihm entgegen, noch ehe er seine Frage stellen kann. Nämlich: "Haben Sie vielleicht den Faust gelesen?" Nein, nöö, oder aber: musste in der Schule, weiß nicht mehr, worum's geht - so winden sich diejenigen raus, die nicht schnell genug Reißaus genommen haben.

Das ist erst einmal: erwartbar. Aber Noam Brusilovsky hätte sich nicht so rasant in die erste Reihe der deutschen Bühnen- und Hörspielregisseure gespielt, wenn er damit nicht zu des Pudels Kern vorstoßen würde. Es sei natürlich ein teuflischer Plan, sagt Brusilovsky in dem Hörspiel, ihn, den in Israel geborenen Juden, der vor zehn Jahren nach Berlin gezogen ist, um dort Regie zu studieren, und der inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, Goethes Faust inszenieren zu lassen.

Brusilovsky erkennt dahinter ein Kalkül: Der Jude soll ausloten, was deutsch und wie deutsch der Faust ist. Immerhin stammt die erste Hörspielinszenierung des Dramas von Hans Bodenstedt - "ein begeistertes NSDAP-Mitglied", wie es in Faust (hab' ich nie gelesen) heißt. Und dann ist da auch Gustaf Gründgens als Mephisto ...

Ja, wie ernst meint er es denn nun mit dem Deutsch-werden-Wollen?

Dieses Hörspiel ist eine einzige Verweigerung: sich ernsthaft mit Goethes Faust zu beschäftigen - denn was ginge ihn, Brusilovsky, dieses Stück an? Sich in die Rolle desjenigen drängen zu lassen, der deutsche Schuldfragen wälzt? Der am Ende gar beweisen müssen solle, so Brusilovsky, wie ernst er es mit seinem Deutsch-werden-Wollen überhaupt meine. Die Diversity-Beauftragte des Senders, so Brusilovsky, werde ausflippen, wenn sie erfährt, dass er, der einzige ausländische Regisseur, den der Sender beschäftigt, sich nun hat einbürgern lassen.

Vorzeige-Jude, Super-Deutscher, Faust-Versteher - darüber kann Noam Brusilovsky, beziehungsweise die Figur, als die er sich im Hörspiel inszeniert, nur den Kopf schütteln: In seiner Familie gebe es nun einmal eine gewisse Tradition, nicht in dem Land zu sterben, in dem man geboren worden sei. Außerdem könne ein Jude gar nicht genügend Reisepässe besitzen. Das seien die Fakten. Und dass er in Deutschland arbeite, liege nur daran, dass man dort, anders als in Israel, eben davon leben könne, ein (Hörspiel-)Regisseur zu sein.

Das aber ist für Brusilovsky noch lange kein Grund, warum sollte ausgerechnet er sich um den Faust scheren? Natürlich ist das alles ein Hörspiel, erst einmal also Fiktion, und in seiner Stoßrichtung vom SWR so auch gewollt. Aber eben wohl auch: eine Art Erfahrungsbericht.

Faust (hab' ich nie gelesen), SWR 2, 27. November 2022, 18.20 Uhr.

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