Hörspiel "Aminadab":Die geheimnisvolle Tür

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(Foto: Illustration: Stefan Dimitrov)

Im Hörspiel "Aminadab" verirrt man sich lustvoll.

Von Stefan Fischer

Wahrscheinlich hätten es einige (wenige) andere Schauspieler auch gekonnt. Allerdings: Viele fallen einem tatsächlich nicht ein. Die Hörspiel-Adaption in drei Teilen von Maurice Blanchots Roman Aminadab ist ein schönes Beispiel dafür, wie wichtig die präzise Besetzung der Rollen sein kann. Wie entscheidend davon, unter einigen Dutzend sehr guten Schauspielern genau den Richtigen auszuwählen, das Gelingen einer solchen Produktion abhängt.

Jens Harzer ist dieser so prägende, so wesentliche Erzähler in dieser rätselhaften Geschichte, die eine literarische Trouvaille ist. Ihr Autor Maurice Blanchot (1907 - 2003) ist als Philosoph und Essayist in Frankreich durchaus bedeutend, auch seine Romane halten sich im literarischen Gedächtnis. Hierzulande ist er deutlich weniger bekannt, eine deutsche Übersetzung von Aminadab, 1942 im Original erschienen, liegt erst seit drei Jahren vor.

Man muss gemeinsam mit der Hauptfigur Thomas, gespielt von Manuel Harder, sowie dem Erzähler nur durch eine Türe in ein Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite treten, um in eine andere Welt zu gelangen. Eine junge Frau hat Thomas von einem Fenster des Hauses gewunken, jedenfalls war es ihm so. Er versteht diese Geste als Aufforderung - und gehorcht ihr.

Es handelt sich bei den Zimmern und Fluren dieses Hauses nicht um konkrete, schon gar nicht reale, sondern um literarische Räume. Jens Harzer mit seiner Stimme, die er so modulieren kann, dass sie eine beinahe somnambule Eigenart gewinnt, ist der perfekte Guide, um durch dieses Haus zu stromern. Dessen Architektur sich einem nicht erschließt, in dem die Zeit ein anderes Maß hat als in der Realität, und in dem Menschen Dinge verrichten, die auf den ersten Blick alltäglich erscheinen und es doch nicht sind.

Dieses Haus ist ein Kosmos für sich, eine Außenwelt dazu gibt es nicht. Die Regeln, die darin gelten, sind nicht zu durchschauen. Es gibt Herrschaften und Dienstpersonal, Freie und Unfreie. Aber wie die Abhängigkeiten genau organisiert sind, bleibt unklar. Man meint, Relikte der Wirklichkeit zu erkennen, bekommt sie aber nicht zu fassen. Beinahe zwangsläufig fallen einem die Rätselwelten Franz Kafkas ein, etwa aus Der Process oder Das Schloss. Worin die Figuren scheitern mit ihren Versuchen, die Strukturen zu ergründen, die sich massiv auf ihr eigenes Dasein an diesen - nun ja: Orten auswirken.

Errichtet wird diese Welt aus Worten, und zwar nicht nur aus deren Inhalt, sondern vor allem aus der Tonalität und dem Rhythmus. Bibiana Beglau, Dimitri Schaad, Johannes Silberschneider ,Marina Galic, Franz Pätzold, Wolfram Koch, Jan Bülow und Manfred Zapatka spielen ihre Rollen mit großem Gespür für die Balance dieser Geschichte zwischen Greifbarem und Ätherischem. Ein Übriges leistet die Regie von Klaus Buhlert, der auch die Musik komponiert hat - ein Sound, der mal Wände errichtet, mal Türen öffnet und mehr fühl- als hörbar ist.

Aminadab, drei Teile, DLF Kultur, 13., 20. und 27. November 2022, jeweils 18.30 Uhr.

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