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Helmut Markwort als FDP-Kandidat:Ein Instagram-Star fürs Bildungsbürgertum

Bei jungen Instagramern ist es der trainierte Körper vor Traumkulisse, bei Markwort die Nähe zu großen Geistern.

(Foto: Quelle: www.helmut-markwort.de)

Der ehemalige "Focus"-Chef will für die FDP in den bayerischen Landtag einziehen. Die Bilder, die er dafür produziert, zeigen, dass er das Dasein als Influencer verstanden hat - also fast. Eine Stilkritik.

Die Zeiten sind hart für Medienschaffende, nicht erst seit gestern. Manch ehemaliger Kollege macht einen Käseladen auf oder eine Agentur, um Tweets für Prominente zu verfassen. Helmut Markwort, ehemaliger Chefredakteur des Focus, will in Bayern für die FDP in den Landtag einziehen. Das ist eine heitere Meldung, weil sie nicht nur Perspektiven eröffnet für diejenigen, die über ein Leben jenseits des Journalismus nachdenken, sondern auch Einblicke bietet, die Medienschaffende selten, Politiker aber häufig gewähren.

Auf Markworts Internetseite www.helmut-markwort.de sieht man ihn nun also mit seiner Lebensgefährtin, der ehemaligen Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel, im Garten. Sie steht vor ihm und strahlt, er sitzt, sonderbarerweise in Anzug und Krawatte, auf einer Hollywoodschaukel (die Älteren erinnern sich). In der Hand hält Markwort etwas ungelenk ein Buch über den armen Georg Büchner, der sich schon lange nicht mehr dagegen wehren kann, auf Politikerfotos ins Bild gehalten zu werden. Vielleicht will Markwort das Buch ja aber auch wirklich lesen.

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Insgesamt gibt es auf der Homepage jedenfalls einiges zu lesen und viel zu klicken. Markwort setzt, in Zeiten von Twitter und Instagram durchaus angemessen für einen Politiker, auf die Kraft der Bildsprache. Wie bei jungen Influencern ist der abgebildete Alltag natürlich nur der inszenierte Alltag. Die Bilder sagen mehr darüber aus, wie der Abgebildete gesehen werden will, als über die Lebensrealität.

Bei jungen Instagrammern ist es der trainierte Körper vor Traumkulisse, die spektakuläre Pose auf einem hohen Gebäude - bei Markwort eben die beachtliche Hausbibliothek und die Nähe zu großen Geistern. So sieht man ihn als Winston Churchill auf der Bühne, aber auch auf Schnappschüssen neben Bill Clinton, Gerhard Schröder und Roberto Blanco (wobei diese Bilder schon etwas Patina zeigen, ganz ohne Hipstamatic-Effekt).

Aus der Inszenierung ergibt sich für den geneigten Betrachter also insgesamt das Bild eines Kulturmenschen, der lebenssatt und weise an der Weltgestaltung mitwirken möchte, die er bislang nur beschrieben hat. Man könnte fragen, wieso Markwort sich den Stress mit 81 Jahren antun will, zumal er die Vermögensbildung vermutlich abgeschlossen hat. Nun ist gegen Menschen, die nach einer erfolgreichen Karriere politisch Verantwortung übernehmen wollen, nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Es ist ein hohes Ideal, nicht von, sondern für die Politik zu leben, wie von Max Weber angeregt, der sicher auch im Regal hinter Markwort steht. Außerdem: Auch Arnold Schwarzenegger und Donald Trump konnten damit werben, von keiner Lobby abhängig zu sein.

Zudem scheint die FDP das richtige Abklingbecken für Medienschaffende zu sein, die meinen, in ihrem Erstberuf alles erreicht zu haben. Rudolf Augstein zog für die FDP in den Bundestag und wurde dort sehr unglücklich, der ehemalige Gruner + Jahr-Manager Bernd Buchholz ist amtierender Wirtschaftsminister in Schleswig-Holstein.

In seiner Erklärung für eine Kandidatur auf Listenplatz 16, Stimmkreis München-Land-Süd, bekennt Markwort, dass es seltsam wirken könnte, dass ein Münchner für den Landkreis kandidiere, aber er habe eine Lücke füllen müssen und ein "Friendstorm" habe eingesetzt und ihn schließlich überzeugt. An dieser feinen Variation des überstrapazierten Begriffs "Shitstorm" bemerkt man, dass die Liebe Markworts zur Sprache nicht einseitig ist. Auch sein Wahlversprechen formuliert er klar und knapp ("Fakten, Fakten, Fakten"): "Für Freiheit und Eigentum, verständliche Gesetze und einen starken Mittelstand!" Auch dagegen wird ja nun kaum jemand etwas einzuwenden haben. Außer vielleicht diejenigen, die ihre Vermögensbildung noch nicht abgeschlossen haben.

Lesen Sie mit SZ Plus ein Interview mit der ehemaligen Bunte-Chefin Patricia Riekel.
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