Finale von "Germany's Next Topmodel":Warum weint denn niemand?

Finale von Germany's Next Topmodel 2021: Gewinner Alex auf dem Laufsteg

GNTM-Siegerin Alex auf dem Laufsteg

(Foto: Willi Weber/Pro Sieben/dpa)

Das Ende der Show fällt wegen eines Corona-Falles schlichter aus als in den Jahren zuvor. "Tokio Hotel" bekommen mehr Screentime als alle anderen. Und die Siegerin steht seltsam still im Konfettiregen.

TV-Kritik von Ulrike Nimz, Leipzig

Natürlich ist alles anders in diesem Jahr, aber auf manche Dinge ist Verlass. Zum Beispiel auf den Applaus vom Band. Fortwährend wird geklatscht im Finale der 16. Staffel von Germany's Next Topmodel (GNTM). Egal, ob Heidi Klum sich verplappert, jemand stolpert, oder Tokio Hotel den Titelsong der Show trällern: "Don't wanna be alone tonight / Don't think too much". Nichts leichter als das.

Schon laufen die Finalistinnen ein, in fusseligen Roben, die aussehen, als hätte man die beliebtesten Charaktere der Sesamstraße geschlachtet. Ansonsten fällt der Auftakt ungewohnt schlicht aus. Eine der ursprünglich 31 Kandidatinnen ist positiv getestet worden. Das übliche Defilee der Ausgeschiedenen muss deshalb entfallen, Gastjuroren gibt es keine, Familie und Fans werden via Video zugeschaltet. Mütter und Väter in selbstbedruckten T-Shirts, rührend und anstrengend. Hunderte Köpfe, hektisch winkend, wie Feueralarm im Home-Office.

Das Finale von Germany's Next Topmodel war schon immer eine bonbonfarbene Überforderung, eine Ansammlung psychedelischer Wtf-Momente, an die man sich auch nach Jahren noch fröstelnd erinnert, wie an einen Fiebertraum. Da war die Kandidatin Theresia, die 2019 live in der Show vermählt wurde - von einem monströsen Murmeltier. 2015 kletterten die Finalistinnen als lebensgroße Barbies aus Pappkartons und staksten über den Laufsteg, während Heidi Klum schrillte: "Ihr seid alle wunderschöne Puppen!" Und bevor man selbst auf dumme Gedanken kommen konnte, wurde die SAP-Arena in Mannheim wegen einer Bombendrohung geräumt.

Die Corona-Version der Show kann da nicht mithalten, aber für die erste Laufsteg-Entscheidung werden die "Mädchen" als Superheldinnen inszeniert. Vielleicht ist auch der Produktion aufgefallen, dass die Finalistinnen selten so stark waren wie in diesem Jahr: Soulin, samt Familie aus Syrien geflüchtet, posierte mit einer trotzigen Eleganz, die man schwer lernen kann. Dascha hatte nicht nur Brüste und Hüften, sondern auch so etwas wie Grandezza. Alex, in einem männlichen Körper geboren, sprach offen über Unsicherheiten und Zweifel, auf dem Laufsteg war sie selbstgewiss und schön. International erfolgreich, das lehrt die Geschichte, wird wohl keine von ihnen.

Wer sich im Fernsehen von der Geschäftsfrau Heidi Klum beschauen und bewerten lässt, braucht nicht mehr auf die Catwalks dieser Welt zu hoffen, sondern wird bald bei Taff verrückte Videos aus dem Internet anmoderieren. Den Mythos des Entdecktwerdens pflegt das Format nur noch nachlässig, indem stets eine Unschuld vom Lande berufen wird, die dann in Nacktshootings und Umstylings zum Vamp transformiert, wie in all den schönen, von Männern geschriebenen Märchen.

Die Show hat sich von der Talentsuche abgewandt wie Wolfgang Joop vom Altern

Aufgewachsen mit Instagram, Tiktok, Youtube sind die jungen Frauen längst Profis der Selbstvermarktung. Nach 16 Staffeln ist keine mehr überrascht, wenn sie eine Kakerlake aufs Dekolleté gesetzt oder die Haare abrasiert bekommt, was immer Heidi Klum auch anstellt, um zu verschleiern, dass die Show sich von ernstzunehmender Talentsuche abgewandt hat wie Wolfgang Joop vom natürlichen Alterungsprozess.

Zwar hatte sich die aktuelle Staffel mal wieder "Diversity" verordnet, auf lieb gewonnene Traditionen musste trotzdem niemand verzichten: die Kritik am fragwürdigen Körper- und Menschenbild der Show. Klum, die Disziplin einfordert und Gehorsam meint. Und den Gastauftritt von Model-Scout Thomas Hayo, der stets so angezogen ist, als müsse er damit rechnen, die Nacht in einer Gletscherspalte zu verbringen.

Sie tragen nichts als Blüten am Körper, Body-Buketts, wandelnde Vasen

In Berlin-Adlershof beginnt nun der "Flower-Walk", bei dem die Kandidatinnen nichts als Blüten tragen, Body-Buketts, wandelnde Vasen, und irgendjemand wird irgendwo schon Tränen in den Augen haben, und wenn es nur die Allergiker sind. Die Kaulitze von Tokio Hotel, jüngst eingeheiratet ins Klum'sche Imperium, bekommen mehr Screentime als alle Kandidatinnen zusammen und das Kunststück hin, "Behind Blue Eyes" von The Who klingen zu lassen wie einen Handyklingelton.

Am Ende gewinnt Alex und steht seltsam still im Konfettiregen. Echte Emotionen seien für sie etwas sehr Privates, hat die Kandidatin ihren Konkurrentinnen mal erklärt. "Das ist dein Titel!", schreit Heidi Klum mit Kreissägen-Timbre, als könnte sie nicht fassen, dass diesmal tatsächlich niemand weint. Noch bevor Klum die Siegerin verkündet, ruft sie die Zuschauerinnen auf, sich für die nächste Staffel zu bewerben.

© SZ/jael
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