Reunion von "Friends":Gute Freunde

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Friends: The Reunion

Beim großen "Friends"-Wiedersehen spekulieren die sechs Hauptdarsteller, was mit ihren Figuren passiert sein könnte.

(Foto: Warner)

Das gehypte Special zum Wiedersehen der "Friends"-Darsteller hat vor allem einen Grund: Die Serie spielt noch immer eine Milliarde Dollar pro Jahr ein. Jetzt ist sie auch auf Deutsch zu sehen.

Von Jürgen Schmieder

Kleines Experiment zu Beginn: Was ist die einzig denkbare Reaktion auf den Hinweis, dass einem niemand gesagt hat, dass das Leben so laufen würde? Auf Englisch: "So no one told you life was gonna be this way..." Wer die Antwort nicht kennt - vier Mal Klatschen - möge bitte nicht weiterlesen, sondern wenigstens ein paar der 236 Folgen der TV-Sitcom Friends gucken und plötzlich kapieren, warum Amerikaner vor fast jedes Adjektiv ein "so" stellen ("I am so happy, this is so great, you are so wonderful"), warum Schätzungen der Zeitschrift Marie Claire zufolge Ende der Neunziger weltweit elf Millionen Frauen die gleiche Frisur hatten und warum sich die Leute heute noch Memes mit der Frage "How you doin'?" schicken und die als erfolgreichster Anmachspruch der Geschichte gilt. All das sind Zitate aus der Fernsehserie Friends.

Der popkulturelle Einfluss der Serie ist derart immens, Jürgen Klopp etwa hat mit ihr Englisch gelernt und über die Figur des Chandler Bing wahrscheinlich auch seinen herrlichen Sarkasmus perfektioniert. Nun, 17 Jahre nach der letzten Folge, gibt es also eine sogenannte Reunion, ein Wiedersehen der sechs Hauptdarsteller Courteney Cox, Jennifer Aniston, Lisa Kudrow, David Schwimmer, Matt LeBlanc und Matthew Perry auf der legendären Stage 24 der Warner Bros. Studios im kalifornischen Burbank - ja, diese Serie, die so sehr New York verkörpert und die zu der Illusion geführt hat, dass man sich als Normalsterblicher eine große Wohnung im Bezirk Greenwich Village leisten könnte, wurde in der Nähe von Los Angeles gedreht.

Sie haben sich also mal wieder getroffen, laut Schwimmer war es erst die zweite Begegnung aller sechs seit dem Ende der Serie im Jahr 2004 - obwohl sie alle, und man darf ihm das auch wirklich glauben - Freunde geblieben sind. Sie spielen das legendäre Quiz aus der vierten Staffel nach, lesen nochmal die Drehbücher unvergessener Momente und rätseln, was wohl aus den Figuren geworden sein könnte. All das ist am 27. Mai auf dem Streamingportal HBO Max zu sehen und jetzt auch auf Deutsch auf Sky; die Aufregung könnte kaum größer sein, weil Friends nun mal sehr viel mehr war als eine der erfolgreichsten Sitcoms der Geschichte. Alle zehn Staffeln waren jeweils in den Top Ten der Einschaltquoten, die 52,2 Millionen Zuschauer in den USA beim Finale im Mai 2004 machten sie zur meistgesehenen Serienfolge der Nullerjahre. Sie war ein popkulturelles Füllhorn - wie bereits erwähnt: Es gibt wissenschaftliche Studien zum Adjektiv-Präfix "so", zur Frisur "The Rachel" von Aniston und zu den realen Mietpreisen im Verhältnis zur Friends-Wohnung.

Die Hauptdarsteller kriegen jedes Jahr 20 Millionen Dollar aus den Einnahmen

Reunions sind keine Seltenheit in den USA; anhand dieses Mega-Hypes um Friends sind die finanziellen Nuancen bei der Produktion erfolgreicher Serien zu sehen. Die zehnte Staffel kostete ungefähr 180 Millionen Dollar (die sechs Darsteller bekamen jeweils eine Million Dollar pro Folge); es war klar, dass sowohl der Sender NBC als auch Produzent Warner die Kosten nicht würden einspielen können, auch wenn beim Finale vier Millionen Dollar pro Werbeminute bezahlt wurden. Was alle wussten: Die Show nach Friends am Donnerstagabend bekommt durch deren Beliebtheit - damals vom Sender als "Must See TV" vermarktet - einen enormen Zuschauerschub (Scrubs etwa oder Will & Grace). Was alle ahnten: Die Wiederholungen von Friends würden noch lange im Kabel- und Regionalfernsehen laufen, genau das tun sie und spielen einen dreistelligen Millionenbetrag pro Jahr ein. Was damals kaum jemand zu hoffen wagte: Es kamen Streamingportale als Goldgruben dazu: Zuerst lief Friends bei Netflix, das allein 2019 100 Millionen Dollar für die Rechte bezahlte. Danach war HBO der Meistbietende, 485 Millionen Dollar für fünf Jahre.

Friends Television Stills

Die Schauspieler der "Friends" sind mit der Serie reich und berühmt geworden - auch wenn das anfangs niemand ahnte.

(Foto: Getty Images)

Vorsichtigen Schätzungen zufolge nimmt Warner pro Jahr eine Milliarde Dollar ein, die sechs Hauptdarsteller kriegen davon jeweils zwei Prozent - also 20 Millionen Dollar im Jahr. HBO wollte den Start seines Streamingportals im Mai vergangenen Jahres mit diesem Friends-Spezial feiern, daraus wurde wegen der Coronavirus-Pandemie nichts, nun aber ist es so weit, und die Fans nahmen jeden noch so kleinen Hinweis als Anlass für heftige Debatten. Also zum Beispiel: Dass es zwar kein Drehbuch für The One Where They Get Back Together gebe - aber vielleicht doch Momente, in denen die Schauspieler in ihre Rollen schlüpfen und spielen, was aus ihnen geworden sein könnte (tun sie nicht, sie spekulieren nur). Oder: Warum in aller Welt steht Fußballer David Beckham auf der Gästeliste? Der ist zwar Fan und eng mit Cox befreundet, hat aber sonst genauso wenig mit der Serie zu tun wie Late-Night-Talker James Corden, der die Zusammenkunft moderiert. Warum fehlt dagegen Paul Rudd, der den Partner der Figur Phoebe in den letzten zwei Staffeln spielte?

Es ist ein nostalgisches Wiedersehen der Darsteller, die sich tatsächlich noch mögen

Vor allem aber: Was ist mit Matthew Perry los? Der hatte in der Vergangenheit offen über gesundheitliche Probleme, über Alkohol- und Medikamentensucht gesprochen. Nun wirkte er in den Werbefilmen zur Show abwesend und nuschelte doch arg. Die Fans debattieren seitdem heftig: Spielt der da eine Rolle, oder muss man sich Sorgen machen? Auf jeden Fall hat Perry vergangene Woche eine Klamottenlinie mit Varianten seines legendären Spruchs "Could I be any more ..." vorgestellt, also in Anspielung auf Corona-Impfungen zum Beispiel: "Could I be more vaccinated?" Auf Instagram schrieb David Beckham sogleich: "Ich brauche eins". Die Vermarktung der Reunion läuft also perfekt.

Es ist ein nostalgisches Wiedersehen der Darsteller, die sich tatsächlich noch mögen (gell, Sex and the City-Frauen!) und wissen, dass sie da an einer besonderen Serie beteiligt waren. "Als ich bei Friends angefangen habe, bin ich zum Produzenten der Show, in der ich gleichzeitig mitgespielt habe", sagt Aniston beim Wiedersehen: "Der sagte zu mir: Diese Serie wird dich nicht berühmt machen." Alle sechs lachen, während sie auf dieser orangenen Couch vor dem Brunnen sitzen. Tja, es hat ihnen bei der ersten Folge im September 1994 wohl niemand gesagt, dass das Leben so laufen würde. Klatsch, Klatsch, Klatsch, Klatsch.

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