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Radikalisierung in sozialen Netzwerken:In den Echokammern findet die Gegenseite kein Gehör

Eine kritische Öffentlichkeit setzt die Kritikfähigkeit der Meinenden voraus, die Bereitschaft, seinen eigenen Standpunkt kritisch zu hinterfragen und sich mit anderen Argumenten und Positionen auseinanderzusetzen. In den schalldichten Echokammern, die die Sozialingenieure zimmern, finden die Argumente der Gegenseite aber kein Gehör. Man kann Andersdenkende ignorieren - und stummschalten. Facebook oder Youtube sind keine Debattierklubs, sondern Werbeplattformen, in denen Öffentlichkeit als eine Art überwachungskapitalistisches Nebenprodukt anfällt. Doch genau das ist das Problem: Die "medialen" Ökosysteme prämieren Affekte, die vernunftgeleiteten Debatten abträglich sind: Aufregung, Emotionen, zuweilen auch Hass. Ein Verschwörungsvideo, das millionenfach geklickt wird, ist eben auch ein ökonomischer Erfolg. Die Konzerne verdienen also daran, dass die Axt an die demokratischen Wurzeln angelegt wird. Ein schier unauflösbarer Konflikt. Und ein solches System korrumpiert letztlich auch die Nutzer, die von solchen Metriken gesteuert werden.

Die Soziologin Zeynep Tufekci hat in der New York Times die These aufgestellt, dass Youtube "eines der mächtigsten Radikalisierungswerkzeuge des 21. Jahrhunderts" sei. Die Wissenschaftlerin hatte während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 in den USA beobachtet, dass das Portal ihr nach dem Abrufen von Clips über Trump-Kundgebungen Videos über weiße Rassisten und Holocaust-Leugner vorschlug und automatisch abspielte. Programmierter Extremismus. Auch bei unpolitischen Inhalten beobachtete die Soziologin einen Radikalisierungseffekt. Clips über Vegetarier führten zu Clips über Veganer. Videos über Joggen zu Ultramarathons.

Inmitten einer Revolution kann sich die Timeline wie Disneyland anfühlen

Man surft von einem Extrem ins nächste. Nur: Wie kommt man aus dieser Spirale wieder heraus? Es gab in den USA Überlegungen, ob man Tech-Plattformen wie Facebook oder Google ähnlich wie Kabelnetzbetreibern gesetzliche Verbreitungsregeln (Must-Carry-Rules) auferlegt, die sie dazu verpflichten, bestimmte Inhalte einzuspeisen und ihr "Programm" zu diversifizieren. Theoretisch könnte der Gesetzgeber Facebook dazu zwingen, seine Algorithmen so zu modifizieren, dass die Inhalte ausgewogener sind - und so die Hermetik der Filterblasen aufbrechen. Praktisch wäre dies jedoch schwer umsetzbar: Facebook müsste dann Anzeigenverluste hinnehmen - und würde womöglich dagegen klagen.

Aber: Würde es an der Debattenkultur etwas ändern, wenn der überzeugte Alt-Right-Anhänger neben Breitbart-News alibimäßig ein paar CNN-Beiträge in seinem Newsfeed eingeblendet bekommt? Oder würde dies der Wut auf die angebliche Political Correctness neue Nahrung geben? Anders gewendet: Ist die politische Kommunikation womöglich so sensibel, dass ein Platzen der Filterblasen mehr Gefahren birgt als deren Aufrechterhaltung?

Der US-Rechtswissenschaftler Frank Pasquale gibt in einer Analyse für die Rosa-Luxemburg-Stiftung namens "Der automatisierte öffentliche Raum" zu bedenken: "Das große Problem für die Befürworter von Filterblasen-Reformen ist, dass sie nicht angemessen nachweisen können, ob eine Konfrontation der Anhänger der einen Seite mit den Fakten, den Prioritäten, der Ideologie und den Werten der anderen Seite zu Verständnis oder Ablehnung, Umdenken oder Renitenz führen wird." Selbst in einer Situation der "asymmetrischen Überzeugbarkeit" würde sich letztlich nur die Macht der sozialen Gruppe oder politischen Partei konsolidieren, "die am beharrlichsten zu ihren Positionen steht", schreibt Pasquale.

Gravierender als die Polarisierung erscheinen die Derealisierungseffekte, die mit Filterblasen einhergehen. Soziologin Tufekci notierte einmal, dass sich ihr Newsfeed inmitten einer Revolution wie "Disneyland" anfühle. Während der Unruhen in Ferguson im August 2014 sah sie auf Facebook statt Nachrichten bloß Einladungen zur Ice-Bucket-Challenge, bei der sich Nutzer vor laufenden Kameras eimerweise Eiswürfel über die Köpfe gossen. Wer sich nur auf Facebook informiert, hätte von den Aufständen womöglich keine Notiz genommen. Die Abschaltung der Öffentlichkeit beginnt mit der Ausblendung der Wirklichkeit.

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