Hass im Internet Der Feind in der Timeline

Frau im Spiegel: Sängerin Lena Meyer-Landrut wehrte sich jüngst mit diesem Instagram-Selfie gegen brutale Hetze im Kommentarfeld ihres Instagram-Accounts.

(Foto: @lenameyerlandrut/Instagram)
  • Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich feministisch äußern, sind oft brutaler Hetze im Internet ausgesetzt.
  • Untersuchungen zeigen, dass junge Frauen etwa doppelt so oft mit sexueller Belästigung im Netz konfrontiert sind wie gleichaltrige Männer.
  • Dies wirft die Frage nach Verantwortlichkeit auf: Was ergibt sich aus den Schmähungen, dem Hass, der Hetze für Gesetzgebung und soziale Netzwerke?
Von Anna Steinbauer

Auf dem Spiegel, vor dem Lena Meyer-Landrut posiert, steht in schwarzen Buchstaben "Du dumme Schlampe" und "Du bist eine Schande". Mit einem Selfie prangert die Popsängerin und einstige Gewinnerin des Eurovision Song Contest jüngst Mobbing im Netz an. Denn Hasskommentare, Beleidigungen und sexistische Beschimpfungen wie diese aus dem Kommentarfeld ihres Instagram-Accounts gehören zum Alltag vieler Frauen. Vor allem Künstlerinnen, Politikerinnen und Aktivistinnen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich feministisch äußern, sind brutaler Hetze im Internet ausgesetzt. Die beiden Medienwissenschaftlerinnen Sarah Banet-Weiser und Kate M. Miltner von der University of South California betonen das Ausmaß der Misogynie: "Wir befinden uns in einer neuen Ära der Gender Wars, einer Ära, die von Gewalt gegen Frauen in Online-Räumen in einem alarmierenden Ausmaß geprägt ist."

Die Online-Attacken enthalten nicht selten Stalking, Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, sexualisierte Gewalt oder Revenge Porn. Folgenreich sind diese in jedem Fall auch für die Offline-Welt. Worte verletzen ebenso wie tatsächliche Schläge und können emotionale Traumata, Entfremdung und Angstzustände auslösen.

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Untersuchungen zeigen, dass junge Frauen etwa doppelt so oft mit sexueller Belästigung im Netz konfrontiert sind wie gleichaltrige Männer. In anonymen Foren wie 4chan oder Reddit dominieren Misogynie und Sexismus. Dieser floriert besonders auch im Kontext der "Me Too"-Bewegung. Sexistische Hetze machte Monica Lewinsky schon Ende der Neunzigerjahre zu einem der ersten Mobbingopfer des Internets und führt über verschiedene Formen des Angela-Merkel-Bashings zur Hetze gegen Sportjournalistin Claudia Neumann, die manche lieber beim Fußbodenputzen im ZDF sehen wollten denn als Fußballkommentatorin. Dann ist da Ellen Pao, die als Chefin des Onlineforums Reddit gegen frauenverachtende und diskriminierende Posts vorging; die Grünen-Vorsitzende Simone Peter, die nach ihrer Kritik am Einsatz der Kölner Polizei an Silvester Tausende beleidigende Nachrichten erhielt; die Berlinerin Anne Matuschek, die über Vereinbarkeit von Beruf und Familie twitterte, bis das Stalking und die Bedrohungen überhandnahmen und sie ihren Twitter-Account löschte.

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Die Liste ließe sich beliebig fortführen. Besonders heftig fallen die Reaktionen immer dann aus, wenn Frauen in Feldern aktiv werden, die traditionell als "Männerdomänen" gelten. Oft mischen sich auch rassistische oder rechtsradikale Ansichten darunter. Vor allem im Gaming-Bereich wurden in den vergangenen Jahren vermehrt sexistische Tendenzen aufgedeckt. Eine der wichtigsten Protagonistinnen dabei die Videokritikerin Anita Sarkeesian, die im August 2014 Zielscheibe einer Hetzkampagne unter dem Stichwort #Gamergate wurde. Sarkeesian kritisierte in ihrer Webvideoserie "Tropes vs. Women in Videogames" stereotype Darstellungen von Frauen in Videospielen. "Ich bin es so leid, über meine Hetzerfahrungen zu reden. Aber noch viel mehr habe ich es satt, dass sie existieren", sagte Sarkeesian kürzlich bei einem Vortrag in Wien, der den Titel "I'm tired" trug. So oft hat sie in den vergangenen sechs Jahren über den Shitstorm aus sexistischen und rassistischen Belästigungen und Beleidigungen, Mord- und Vergewaltigungsandrohungen gesprochen. "Ich habe keine Lust mehr, eine One-Woman-Belästigungs-Hotline zu sein", sagt sie. "Aber ich werde weitermachen, solange es sein muss."

Anita Sarkeesian, 35, feministische Videobloggerin, wurde durch ihre Erfahrungen mit sexistischer Hetze zu einer der wichtigsten Kämpferinnen gegen Misogynie im Internet.

(Foto: Anita Sarkeesian)

Wie kann man sich gegen Hass im Netz wehren? "Eine richtige Strategie gibt es nicht"

Als die Kritikerin die Idee zu "Tropes vs. Women in Videogames" hatte, konnte sie nicht ahnen, wie sehr das ihr ganzes Leben verändern sollte. Die kanadisch-amerikanische Bloggerin startete ein Crowdfunding-Projekt mit dem Ziel, 6000 Euro für die Serie zu sammeln. Aus den geplanten fünf wurden sechzehn Videos, in denen sie frauenfeindliche Inhalte entlarvte wie den ständigen Fokus der Kameraeinstellungen auf das Hinterteil der wenigen weiblichen Games-Protagonistinnen. Dann brach der Shitstorm los, der seit nunmehr sechs Jahren andauert. Jetzt schlägt Sarkeesian zurück und macht den Hass publik.

Die Videokritikerin lässt sich nicht aus einer Sphäre vertreiben, von der einige Männer denken, dass sie nur einem "exklusiven Boys' Club" vorbehalten ist. Wie man sich gegen solche Attacken wehrt? "Eine richtige Strategie gibt es nicht", sagt sie, "es geht eher darum, die für sich selbst individuell angemessene Reaktion zu finden." Priorität müsse jedoch immer auf der Sicherheit der jeweiligen Person liegen. Ob man auf Hetznachrichten reagieren sollte oder nicht, müsse jeder selbst entscheiden. Aber eines sollte jedem klar sein, sagt sie: "Die Belästigung wird schlimmer, wenn man darauf reagiert."

Natürlich wirft diese Debatte die Frage nach der Verantwortlichkeit auf: Was ergibt sich aus den Schmähungen, dem Hass, der Hetze für Gesetzgebung und soziale Netzwerke? Wie kann der Cyberraum zu einem verantwortlichen Raum werden, den Frauen nicht verlassen müssen? Eine Trennung von Online- und Offline-Welt ist schon jetzt unmöglich geworden. "Nicht online zu sein, ist keine Lösung", sagt Sarkeesian. Auch Meyer-Landrut machte ihr Mobbing publik und stiftete ihre Follower dazu an, es ihr gleichzutun. Ob sich ihre neue Single nun besser verkaufen wird oder nicht, ist in diesem Fall mal egal.

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