US-Serie "Holocaust" Zuschriften zeigen, wie verbreitet antisemitische Einstellungen waren

In einer kleinen Auswahl der unzähligen Briefe, die das WDR-Archiv zur Verfügung stellt, befürchten Zuschauer, dass durch die Ausstrahlung in den dafür an fünf aufeinanderfolgenden Tagen zusammengeschalteten Dritten Programmen der ARD zu wenige Holocaust gesehen hätten. Tatsächlich sahen 20 Millionen zu, fast die Hälfte der über 14-Jährigen, zumindest bei der ersten Folge. Heutzutage mit deutlich mehr als drei Programmen übertreffen nur die wichtigsten Fußballspiele diesen Wert. Die negativen Zuschriften belegen, wie sehr rechtsradikale und antisemitische Einstellungen auch unter normalen Leuten verbreitet waren. Eine Frau berichtet etwa vom Hörensagen, amerikanische Juden hätten die Deutschen gezwungen, Holocaust auszustrahlen, und fügt naiv hinzu: "Stimmt das?" Sie habe übrigens nichts gegen Juden. Ein Mann tippt empört in seine Schreibmaschine, dass die in Holocaust dargestellte Grausamkeit hierzulande noch nicht einmal hätte erfunden worden sein können: "Dazu sind Deutsche in ihrer Einfalt nicht fähig." Er wisse, dass sein Schreiben keinen Zweck habe, "da Deutschlands Untergang beschlossene Sache unserer Feinde ist". Damals brachten Leute solche wirren Bekenntnisse noch frankiert zum Briefkasten, statt sie im Affekt ins Internet zu spucken.

Lehnte vor der Serie noch eine Mehrheit das Vorhaben ab, Mord nicht verjähren zu lassen, war das hinterher anders, und so wurde es schließlich auch Gesetz. Eine breite Masse lernte, Mitleid mit den jüdischen Opfern zu haben. Man mag einwenden, dass das heute zu wenig ist, vor allem wenn die Empathie vornehmlich toten Juden gilt, aber nicht unbedingt lebenden, damals aber war selbst das neu. Vierzig Jahre nach der Erstausstrahlung sieht man Holocaust vor dem Hintergrund wieder, dass die Erinnerung erneut stärker umkämpft ist und AfD-Chef Alexander Gauland die NS-Zeit als lediglich einen "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte abtut. Kommen die Verharmloser damit durch, weil die Masse die Fakten vergessen hat oder weil der emotionale Anker gerissen ist? Oder fehlen öffentliche Diskussionen wie die anlässlich dieser Serie?

Die Techniken der Emotionalisierung sind heute raffinierter

Die legitime Kritik, das Grauen des Holocausts sei mittels Unterhaltung nicht wirklich darstellbar, ist heute Randnotiz. Einige der größten deutschen Fernsehfilm- und Serienproduktionen der letzten Jahre, darunter Babylon Berlin, Das Boot oder Ku'damm, nutzen die Zeit vor, während oder nach dem Zweiten Weltkrieg wie selbstverständlich als Material. Vielleicht tragen die Hitlerjungen jetzt der Jahreszeit entsprechende Uniformen, doch vieles, was bei der US-Serie damals skandalös erschien, haben sich deutsche Produktionen angeeignet. Die Techniken der Emotionalisierung sind heute raffinierter. Deutsches Geschichtsfernsehen ist längst selbst Exportschlager, und im Ausland löst es mitunter heftigere Kritik aus als zu Hause, wie etwa Unsere Mütter, unsere Väter in Polen.

Eine nicht in Deutschland entstandene Serie über deutsche Geschichte aber hatte seit Holocaust hierzulande nie wieder so viel Aufmerksamkeit - und so große Wirkung.

WDR Fernsehen: Holocaust - Teil 1, 7. Jan., 22.00 Uhr, Holocaust - Teil 2; 8. Jan., 22.10 Uhr; Dokumentation Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam, 14. Jan. 22.10 Uhr; Holocaust - Teil 3, 22.55 Uhr; Holocaust - Teil 4, 15. Januar. 22.10 Uhr. NDR Fernsehen: Holocaust - Teil 1; 7. Jan., 22.00 Uhr; Holocaust - Teile 2, 3 und 4; am 14., 21. und 28. Jan., jeweils um 23.15 Uhr; Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam, 16. Jan., 23.45 Uhr. SWR Fernsehen: Holocaust, vier Teile am 9., 16., 23. und 30. Jan. jeweils um 22 Uhr; Wie 'Holocaust' ins Fernsehen kam, 16. Jan., 23.35 Uhr.

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