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Weltkriegsfotografie:Eine Mahnung, nicht zu vergessen

Die US-amerikanische Fotografin Lee Miller dokumentierte die Befreiung der Konzentrationslager von Buchenwald und Dachau.

(Foto: Lee Miller)
  • Lee Miller arbeitete als zivile Kriegsberichterstatterin für das Modemagazin Vogue.
  • Sie war eine der Ersten, die Bilder vom zerstörten Deutschland publizierte.
  • In Zeiten, in denen die NS-Herrschaft von der AfD als "Vogelschiss" verharmlost wird, ist die Konfrontation mit solchen Fotos wichtig und notwendig.

Ein Mann mit schmutziger Weste, blutverschmiertem Hemd, einer offenbar zertrümmerten Nase, einem schwer lädierten Ohr und Blutresten im ganzen Gesicht steht im Flur eines Gebäudes und versucht mit starrem Blick Haltung anzunehmen, die Hände an der Hosennaht. Kurz zuvor haben ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald den Mann, der bis vor Kurzem ihr Aufseher und Peiniger gewesen war und nun selbst strammstehen muss, schwer verprügelt. Ihm gegenüber steht in geringer Entfernung ein US-Soldat mit Helm in lässiger Haltung, die Hände in die Hüften gestützt. Der Soldat schaut skeptisch und unfreundlich. Nun muss der KZ-Wächter sich nicht nur vor dem US-Soldaten verantworten, sondern vor der ganzen Welt.

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Das Londoner Imperial War Museum veröffentlicht bislang unbekannte Farbfotos aus dem Zweiten Weltkrieg. Den Motiven fehlt das Grauen - trotzdem wirken sie bemerkenswert authentisch.   Von Oliver Das Gupta

Das Bild steht exemplarisch für den Blick der Fotografin Lee Miller auf die Deutschen kurz nach dem Einmarsch der US-Truppen in das besiegte "Krautland". Weltbekannt ist etwa das Porträt von ihr in Hitlers Münchner Badewanne, im Vordergrund die Stiefel, die sie kurz zuvor im gerade befreiten Konzentrationslager Dachau getragen hatte. Nun hat der Greven-Verlag einen neuen Band mit teilweise noch nicht veröffentlichten Bildern von Lee Miller herausgegeben. Die Konfrontation mit diesen teilweise schwer erträglichen Bildern ist wichtig und notwendig in Zeiten, in denen Hitler und die NS-Zeit von der AfD als "Vogelschiss" in der mehr als 1000-jährigen deutschen Erfolgsgeschichte verharmlost werden.

Miller arbeitete als zivile Kriegsberichterstatterin für das Modemagazin Vogue und war eine der Ersten, die Bilder vom zerstörten Westdeutschland publizierte und dadurch die Wahrnehmung der Zeit unmittelbar nach der Kapitulation stark prägte. Ihr Mitgefühl mit den Opfern der NS-Herrschaft, etwa Zwangsarbeiter und befreite KZ-Häftlinge, kontrastierte stark mit ihrer Verachtung für die besiegten Deutschen, wie der Historiker Richard Bessel in der Einführung herausarbeitet. Die Menschen, denen sie begegnete, seien "abstoßend in ihrer Unterwürfigkeit und ihrer geheuchelten Liebenswürdigkeit", notierte sie. Für das Leid der Bevölkerung in den ausgebombten Städten hatte sie keinen Blick, Einheimische kamen auf ihren Fotos meist nur als Täter vor.

Die Aufnahmen sind präzise komponiert und zeigen nur einen schmalen, aber wichtigen Ausschnitt deutschen Alltags in den Wochen vor und nach der Kapitulation; die Zeit der Annäherung zwischen US-Soldaten und den Besiegten mithilfe von Kaugummi und Schokolade kam erst später. Doch die 159 Fotos sind mehr als düstere Dokumente, sie sind eine Mahnung, nicht zu vergessen.

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Bildband über Lee Miller

Impressionen aus "Krautland"

Lee Miller reist in den letzten Kriegswochen 1945 durch Deutschland und fotografiert Zerstörung, Gräueltaten und Bevölkerung. Die Bilder.