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Fotografin Lee Miller:In Hitlers Badewanne

Lee Miller auf einem gestellten Foto in Hitlers Badewanne nach der Einnahme Münchens durch die Amerikaner.

(Foto: Lee Miller with David E. Scherma; Lee Miller Archives England 2015)

Modell, Surrealistin, Kriegsreporterin: Eine Ausstellung in der Wiener Albertina entdeckt die berühmte Fotografin Lee Miller neu.

Von Joachim Käppner

"Believe it", telegrafierte sie im Frühjahr 1945 an die Redaktion der US-Zeitschrift Vogue - glaubt es mir! Glaubt es mir, dass all dies wahr ist. Glaubt mir, dass meine Bilder zeigen, was wirklich geschah.

Was dort geschah, war so grauenvoll, dass Vogue nur eine kleine Auswahl veröffentlichte; Fotos der 38-jährigen Fotografin Lee Miller aus den befreiten Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Lee Miller hatte die Alliierten von der Invasion in der Normandie 1944 bis zur Götterdämmerung des Nazireichs elf Monate später begleitet. Sie fotografierte den ersten Einsatz von Napalm bei St. Malo, das Leid in den Hospitälern, das erlöste Paris. Es war ein Jahr, das sie nie mehr losließ.

Ein toter SS-Wachmann treibt im Kanal des KZ Dachau.

(Foto: Lee Miller Archives England 2015)

Beklemmend, schockierend sind ihre Bilder aus den Lagern, selbst heute noch im Internetzeitalter mit all seinen Schreckensdarstellungen. Sie schrieb: "Meine Baedeker-Reise führte mich an viele Plätze, die nicht in meiner Ausgabe von 1913 erwähnt werden - Plätze wie Buchenwald." Sie fotografierte Stapel von Leichen ausgemergelter Häftlinge, für welche die Befreier zu spät kamen, und schockierte GIs, die einen Viehwaggon öffnen und innen lauter Leichen finden. Sie drückte auf den Auslöser, als die Befreiten und wütende US-Soldaten Rache genommen hatten, lichtete SS-Leute mit geschundenen, zerschlagenen Gesichtern ab, einen Offizier, tot im Wassergraben treibend.

Missbraucht von einem Marinesoldaten

Vieles davon blieb lange unbekannt. Lee Miller wird nun angemessen gewürdigt in einer schönen Werkschau der Wiener Albertina. Geboren 1907, wuchs sie auf einer Farm in der amerikanischen Provinz auf, schon als Kind fotografierte sie mit der schweren Kamera ihres Vaters Theodore. Ein Leben lang versuchte sie, den frühen Schatten zu entrinnen. Sie war sieben, als sie ein Verwandter, ein Marinesoldat, sexuell missbrauchte. Viel später, als sie schon volljährig war, machte ihr Vater zahlreiche Nacktfotos seiner Tochter; Freunde erinnerten die Bilder eher an eine junge Frau mit ihrem älteren Liebhaber als an Vater und Tochter; und doch, schreibt Lees Biografin Carolyn Burke, "scheint sich Lee, wenn sie ihren Kopf an seinen lehnt, in vollkommener Sicherheit zu fühlen" (Lee Miller: A Life).

Die Freiheit entdeckte sie erst in ihrem Sehnsuchtsort Paris. Lee begann dort eine leidenschaftliche Beziehung mit dem Surrealisten Man Ray, sie stieß zur "verlorenen Generation", die nach 1918 aufwuchs und entdeckte, wie es Scott F. Fitzgerald ausdrückte, "dass alle Götter tot, alle Kriege gefochten und alle Überzeugungen erschüttert sind". Sie entwickelte ein eigenes künstlerisches Profil, scherte sich nicht um die Rollenkonventionen ihrer Zeit, hielt Hof in ihrem eigenen Pariser Studio. Viele Bilder aus jener Zeit sind erhalten: Lee Miller, eine außerordentliche Schönheit und sich dessen bewusst ("Ich sah aus wie ein Engel und war ein Ungeheuer im Inneren"), mal nackt, dann wieder höchst modisch gekleidet, wurde zur Ikone der Model-Fotografie. Giftig schrieb die Kunsthistorikerin Amy Y. Lyford, Lee Millers Kunst bestehe eher "durch Bilder von ihr als durch die, die sie selber schuf".

Aber die Körperbild-Welten der Surrealisten, vor allem die dunkle Abgründigkeit jener Stilrichtung, sind ohne Lee Millers Einfluss schwer denkbar, sie war Teil jener Kunst und erst in zweiter Linie ihr Model. Wie kein anderer verstand sie es, durch ungewöhnliche, mysteriöse Details eine Stadt zu porträtieren, gerade Paris: Schaufenster, brüchige Fassaden, das Innere des Schlachthofs, der Schatten einer Männerhand, die nach der Klinke greift.

Irmgard Seefried, Opernsängerin, singt eine Arie aus Madame Butterfly im zerstörten Wiener Opernhaus.

(Foto: Lee Miller Archives England 2015)

Genau so fotografierte sie auch 1940 London unter deutschen Bomben. Lee Miller, inzwischen mit dem Künstler Roland Penrose liiert, blieb in der Stadt, die nicht aufgab. Manche der Bilder, wie die Kapelle, von der allein die Fassade stehen blieb, verkörperten geradezu eine Botschaft und halfen, dass diese in Amerika ankam: Hitler wird nicht siegen, Großbritannien, das Bollwerk der freien Welt, wird kämpfen. Nein, die Überzeugungen waren doch nicht tot und die Kriege nicht längst gefochten - an diesen Krieg gegen das Böse glaubte sie zutiefst. Als Hitlerdeutschland in Feuer und Gewalt versunken war, da saß Lee Miller nackt in der Münchner Badewanne des gewesenen "Führers" und ließ sich darin ablichten - um den Diktator und alles, wofür er stand, posthum zu demütigen.

Den Deutschen hat sie nie verziehen. Bilder und Schrecken des Krieges überwältigten sie bisweilen in den depressiven Phasen der späteren Jahre, eine Kriegsneurose, von der sie sich nur langsam erholte. 1977 starb sie, nicht völlig, aber von vielen vergessen. Ihr Sohn Anthony Penrose entdeckte ihr Werk erst jetzt und schrieb, als er ihre Kriegsfotos als Buch herausgab (Lee Miller's War, 1988 und 2014), offenbar habe die Mutter viele verschiedene Leben gelebt: "Ihre Bilder enthüllten eine Lee Miller, die ich niemals gekannt hatte."

Die Ausstellung "Lee Miller" ist bis zum 16. August in der Albertina, Wien, zu sehen (Katalog bei Hatje/Cantz); Internet: www.albertina.at

© SZ vom 18.07.2015/mane

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