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Medienkolumne "Abspann" zum TV-Duell:Mehr Mut zum Drama!

Debate moderator and Fox News anchor Chris Wallace directs the first presidential debate between Democratic presidentia

Chris Wallace

(Foto: Oliver Doulier via www.imago-images.de/imago images/UPI Photo)

Moderator Chris Wallace klagt, ihm sei die Debatte zwischen den US-Präsidentschaftskandidaten entglitten. Aber was gibt es da zu maulen? Thomas Bernhard hätte aus dem Abend großes Theater gemacht.

Von Willi Winkler

Wäre Chris Wallace ein Theatermacher, etwa wie der Bruscon in Thomas Bernhards gleichnamigem Stück, er hätte das weltbewegende Drama "Das Rad der Geschichte" aufführen können: Nero, Einstein, Napoleon, Churchill, Hitler, Metternich, Schopenhauer dazwischen, und alle auf der Wirtshausbühne in Gaspoltshofen, "38 Zuschauer, Vollzahler", wie Bruscon stolz verkündet.

Da Chris Wallace aber kein Theatermacher, sondern bloß Moderator bei Fox News ist, musste er sich beim TV-Duell am Dienstagabend mit 73 Millionen Fernsehzuschauern, die keinen Eintritt für den Abend zahlten, und einem tristen Saal in Cleveland begnügen, und vom Rad der Geschichte war auch nicht viel zu sehen. Es gab anders als in einem durchschnittlichen Königsdrama von Shakespeare keine Toten, dafür war das Drama in Cleveland kürzer, 90 Minuten ohne Pause. Der Champagner kam erst hinterher, Lachlan Murdoch, dessen Familie der Sender Fox News gehört, reichte seinem Angestellten Wallace ein Glas. Bloß wofür? Die Inszenierung, die Regie, das Stück können es nicht gewesen sein.

Auf der Bühne standen zwei schon ziemlich angejahrte Herren, die sich gegenseitig beschimpften. Das war schlimm, wie die Nachttheaterkritik bei Twitter befand, muss aber nicht unbedingt schlecht sein, das hätte das Stück sein können, das hätte sogar eins dieser theatralischen Wunderwerke von Thomas Bernhard werden können, aber leider ist Bernhard tot und sein Lieblingsschauspieler Bernhard Minetti auch und vor allem Chris Wallace kein Theatermacher. Er wolle unsichtbar sein, hatte Wallace vorher angekündigt und mit den Wahlkampfleitern von Donald Trump und Joe Biden vereinbart, dass beide jeweils zwei Minuten lang ohne Unterbrechung ihre Haltung zu den wichtigen Themen darlegen sollten. Das wäre angemessen öde gewesen, aber natürlich kein Theater, solange nicht ein Hamlet seinen Monolog kriegt.

Trump ist zwar kein Hamlet, aber eine alte Rampensau, er polterte, giftete, pöbelte, dass jedenfalls seinen Anhängern das Herz im Leibe lachte. Seinem Gegenüber fiel er bei jeder Gelegenheit ins Wort, maulte und zeterte, bis Biden endlich auch ein paar Schimpfwörter einfielen. Wallace blieb nicht unsichtbar, er rief zur Ordnung, doch half das nicht viel. Trump gab nicht auf, Biden gab zurück, Wallace wurde noch strenger, sodass manchmal alle drei gleichzeitig redeten. Das hatte nicht ganz Gaspoltshofener Niveau, aber da war schon ein bisschen Dramatik drin.

Doch am nächsten Tag jammerte Chris Wallace, eingetragener Demokrat und bekennender Wechselwähler, in der New York Times, dass ihm die Debatte durch das beständige Stören entglitten sei. "Mir war nicht klar, dass darin die Strategie des Präsidenten bestand." Thomas Bernhard und sein Theatermacher Bruscon hätten einfach das Licht gelöscht und die Notbeleuchtung auch. Ton ab, Licht aus, fertig. Hätte ein schöner Abend werden können.

© SZ/cag/ebri/khil
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