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Beckenbauer-Dokumentation:Das nationale Glühmaskottchen

Mensch Beckenbauer - Schau´n mer mal!

Gewinn der Fußball-WM 1974 in München: Einer der Momente, die Franz Beckerbauer so populär machten.

(Foto: ZDF/ap)

Franz Beckenbauer wurde von der Lichtgestalt zur verschatteten Figur, ein Film zum 75. Geburtstag verbindet die Etappen seines Lebens. Das gelingt bemerkenswert würdevoll.

Von Holger Gertz

Franz Beckenbauer wird demnächst 75; auch so ein halbrunder Geburtstag ist Anlass genug, an ihn zu erinnern. Ja, das ist die angemessene Formulierung, man muss inzwischen an Beckenbauer erinnern. Denn der Fußballkünstler, eines der größten nationalen Glücksmaskottchen und eine Zeit lang im Werbefernsehen ungefähr genauso oft zugegen gewesen wie die Mainzelmännchen - er hat sich lange schon zurückgezogen. Beckenbauer, der früher so verbindlich plauderte und beiläufig sich selbst erklärte (vom Franzln sprachen die Experten), spricht selbst kaum noch öffentlich und also auch nicht in dieser ZDFzeit-Dokumentation von Uli Weidenbach, die den bemerkenswert unterkomplexen Titel Mensch Beckenbauer! Schau'n mer mal trägt. Das klingt nach Nullachtfuffzehn-Ware, wie sie RTL versendet - aber dieser ausgeruhte Film bietet dann doch wesentlich mehr.

Die Herausforderung von Beckenbauer-Würdigungen besteht darin, dass er sich in seinen letzten Jahren vom gesprächigen Helden, dem alles gelang, entwickelt hat zu einer verschatteten, nicht nur in die Sommermärchen-Affäre verstrickten Figur.

"Heute haften auch Korruption und Gier an seinem Namen", formulieren die Filmautoren. Es gibt also nicht die zwei Leben des Franz B., es gibt eines mit sehr unterschiedlichen Facetten. Und natürlich wäre es ungerecht, in einer Bilanz nur den alten, von Skandalen umwehten Kaiser darzustellen - als jüngerer Mann war er schließlich ein hochbegabter Spieler und danach ein akribisch arbeitender Trainer, er war in beiden Rollen Weltmeister und hat das Publikum auch danach als Lichtgestalt aufs Allerbeste unterhalten. Es wäre allerdings umgekehrt nur naiv, die Schattenseiten dieses Lebens auszublenden, weil er früher als "der größte Pelé Deutschlands" (Dieter Hildebrandt) die Arenen elektrisiert hat.

Kein freier Mann, sondern ein Getriebener

Der Film verbindet die Etappen und setzt sie in Beziehung. Den frühen Franz (der immer auch ein Schlawiner war) mit dem späten Franz, bei dem sich die Überzeugung festgesetzt haben mag, als Schlawiner durchzukommen. Die Dokumentation erhält alle bekannten Bilder und Sequenzen aus Beckenbauers wundersamer Lebensreise von Giesing in die Welt: der Schuss vom Weißbierglas im Sportstudio; das einsame Wandeln über den Rasen von Rom nach dem WM-Sieg 1990; die Knorr-Werbung; das weiß-grüne Trikot von Cosmos New York. Aber wertvoll wird der Essay durch die Einschätzung verschiedener Experten, die Weidenbach aufgetrieben hat.

Beckenbauers Biograf Torsten Körner verortet die Figur Beckenbauer: "Jetzt scheint er der Gefangene des Fußballs zu sein. Früher schien er über allen Spielfeldern des Fußballs zu schweben." Der Historiker Hans Woller erläutert, wie schon in seiner Gerd-Müller-Biografie, dass der Aufstieg des FC Bayern und damit auch der von Beckenbauer vom Amigo-System in der bayerischen Politik befördert wurde - für Woller ist der ewige Libero Beckenbauer eben gerade kein freier Mann, sondern ein Getriebener.

Und schließlich spricht auch Walter Beckenbauer über seinen Bruder Franz, der viel verloren hat in den vergangenen Jahren, nachdem er lange immer nur Gewinner war. "In den letzten Jahren hat ihn alles ereilt", sagt Walter Beckenbauer. Er ist der ältere Bruder, er darf darauf hinweisen, dass diese Geschichte auch tragisch ist.

Mensch Beckenbauer! Schau'n mer mal, ZDF, 20.15 Uhr.

© SZ/hy/ebri
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