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"Oktoberfest 1900":Das Bier-Massaker

Oktoberfest - 1900

Martina Gedeck als Deibel-Bräuin, die wegen der vielen Schicksalsschläge schließlich dem Wahnsinn verfällt.

(Foto: BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung)

München will auch "Babylon Berlin" sein: In dem großangelegten Sechsteiler "Oktoberfest 1900" wird die gemütliche Wiesn zum Schauplatz blutiger Machtspiele im Stil großer Mafia-Sagen.

Von Franz Kotteder

Was ist nur mit Vater Hoflinger, dem Deibel-Bräu, geschehen? Gar Schreckliches, steht zu vermuten, denn käme sonst der Herr Kriminalinspektor höchstpersönlich mit dem Kartoffelsack zur Stube herein, um den abgetrennten Kopf des Erzeugers auf dem Tisch des Hauses zu präsentieren? Den Häuptling der Kannibalen hat man als Tatverdächtigen verhaftet. Ein Irrweg war das, aber das wird sich erst viel später auch für den Inspektor erweisen, und noch sind wir ja erst am Beginn der zweiten Folge von Oktoberfest 1900.

Wüste Zeiten müssen das gewesen sein, damals an der Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert, in der beschaulichen Haupt- und Residenzstadt München. Da ist nichts zu spüren von Komödienstadl oder vom Königlich Bayerischen Amtsgericht - zwei höchst erfolgreiche Fernsehserien, die von den Siebzigerjahren bis heute das Bild von der guten alten Zeit Bayerns im Rest der Republik geprägt haben. Bei diesem Sechsteiler, der unter Federführung des Bayerischen Rundfunks entstanden ist, haben wir es mit einer düsteren Bierbonzensaga zu tun. Vom kommenden Dienstag an ist sie bereits in der ARD-Mediathek zu sehen, das Erste strahlt sie dann am 15., 16. und 23. September aus.

Erzählt wird die Geschichte des Nürnberger Emporkömmlings Curt Prank (Mišel Matičević) und der Münchner Familienbrauerei Deibel. Prank, der zu Hause ein Vermögen gemacht hat mit seiner Brauerei und diversen Gaststätten bis hin zum Bordell, will unbedingt das Oktoberfest erobern und geht dabei über Leichen. Mit Hilfe von Strohmännern ergaunert er sich sechs Budenplätze und stellt darauf eine riesige Bierburg mit 6000 Plätzen, was damals jede Dimension sprengte - die meisten Buden hatten Platz für vielleicht 300 Gäste. Erst stellt sich ihm der Kleinbrauer Ignatz Hoflinger (Francis Fulton-Smith) vom Deibel-Bräu in den Weg, dann das gesamte Münchner Brauerkartell. Der Machtkampf entscheidet sich erst ganz am Schluss und lässt Optionen offen.

Man will zeigen: Große Serie, das können wir auch

Ja, dieses Setting ergibt andere Bilder von Bayern, als man sie so kennt. In der Fernsehvergangenheit, da waren "die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger", wie es im Vorspann des Königlich Bayerischen Amtsgerichts immer hieß. Bei Oktoberfest 1900 glaubt man bald, sich in einem Schwedenkrimi wiederzufinden, oder in einer Billigversion des Paten 1-3, leider ohne Marlon Brando und Al Pacino.

Die beiden Hauptautoren Christian Limmer und Ronny Schalk machen da zusammen mit Regisseur Hannu Salonen keine Gefangenen, sie stellen ein München in die vorletzte Jahrhundertwende hinein, das eher einem Alpen-Chicago gleicht. Und wo Henning Mankells irre Serienmörder in der Einsamkeit Smålands ihre Opfer schlachten, geht es hier halt in der Münchner Schotterebene ab. Eine Prise Exotik wird da gern genommen, und weil es auf dem Oktoberfest früher große Völkerschauen gab, tauchen auch die angeblichen Kannibalen aus Deutsch-Samoa immer wieder auf. Warum die ihr Lager im Norden der Stadt in den Isarauen aufschlagen, bleibt zwar etwas rätselhaft, aber das trifft auf manch anderes in diesem Sechsteiler auch zu.

Schon klar, man will zeigen: Große Serie, das können wir auch. Statt Babylon Berlin kommt zwar nur ein Münchner Vorstadt-Sündenbabelchen heraus, aber das wird mit großer Inbrunst inszeniert: Blut spritzt auf Zuckerwatte, und dann, ja sakradi!, muss es auch noch regnen. Ein Mann wird mit einem Bierfass erschlagen, ein anderer im Rollstuhl hingerichtet, und ein Totschläger in der Faust des Prank reißt gleich mehrmals tiefe Wunden. Bei den regelmäßigen Versammlungen der ehrenwerten Gesellschaft des Brauerkartells wird das Reinheitsgebot wie ein Mantra verlesen, als befände man sich in einem verschwörerischen Geheimbund. Beinahe ist man dann froh, dass es einer der Brauer, als die Blase drückt, einfach den Hacklstecken hinunterrinnen lässt, wie es damals in Ermangelung von Inkontinenzwindeln der Brauch gewesen sein soll. Das dämpft das Pathos doch ein wenig ins Erträgliche hinein.

Oktoberfest 1900 kommt oft recht holzschnitthaft daher. Was irgendwie auch wieder passt: Es ist die Dramaturgie, die Bänkelsänger und Moritatenerzähler jahrhundertlang auf Jahrmärkten anwandten. Was ihnen der Zeigestab war, ist hier die Kamera. Sie hält meist die Linse frontal ins Halbdunkel, und braucht man zur Abwechslung etwas Weite, dann lässt Regisseur Salonen die Drohne steigen und über die Felder oder über die Budenstadt schweifen.

Oktoberfest - 1900 (AT)

Erzählt wird die Geschichte des Nürnberger Emporkömmlings Curt Prank (Mišel Matičević, rechts), hier mit der Tochter Carla (Mercedes Müller) und dem Stadtrat Urban (Michael Kranz).

(Foto: BR/Zeitsprung Pictures GmbH/Dusa)

Das Personal der ganzen Tragödie ist ein bisschen willkürlich zusammengestopselt, und leider sind die Charaktere auch recht holzschnitthaft, was selbst ein hochkarätiges Schauspielerensemble kaum noch retten kann. In der Tat fragt man sich, warum es für das Teufelsweib der Hoflinger-Mutter - die Deibel-Bräuin, die wegen der vielen Schicksalsschläge schließlich dem Wahnsinn verfällt - eine Martina Gedeck gebraucht hat? Eine Christine Neubauer hätte es da leicht auch getan.

Die beiden Söhne Roman (Klaus Steinbacher) und Ludwig (Markus Krojer) sind ebenso einfach gestrickt - der eine ein lebenslustiger Draufgänger, der andere eine empfindsame, schwule Künstlerseele, der auch noch die halbe Schwabinger Bohème ins Deibel-Wirtshaus schleppt, bevor er schließlich von allen verraten Suizid per Fenstersturz begeht. Carla Prank (Mercedes Müller), die Tochter des Nürnberger Rüpels, macht ständig kullergroße Augen zum Schmollmund und gibt das scheue Reh, das sich gleich nach dem ersten Blickwechsel der ungestümen Brunft des Jungbrauers Roman hingeben darf und selbstverständlich prompt schwanger wird. Erst im Laufe der sechs Folgen erhält sie dann etwas mehr Text und wird zur Handelnden. Immerhin.

Ein ganzes Frauenleben um 1900 in einem Blick

Eigentlich schafft es nur die wunderbare Brigitte Hobmeier, ihrer Figur Tiefe zu verleihen. Sie spielt das mit allen Wassern gewaschene Biermadl Colina, eine Kellnerin, die sich zur Gouvernante aufspielt. Sie ist eine Überlebenskünstlerin aus der Unterschicht, eine noch jugendliche Mutter Courage, die raus will aus dem Dreck und das auch schafft. Ihr Blick, als sie begreift, dass der gspinnerte Kunstmaler sie für das stolze Trinkgeld, das er ihr auf der Wiesn spendiert hat, tatsächlich nur malen will, erzählt ein ganzes Frauenleben um 1900 nach.

Oktoberfest - 1900

Brigitte Hobmeier als Biermadl und Überlebenskünstlerin.

(Foto: BR/ARD Degeto/MDR/WDR/Zeitsprung)

Übergroße Authentizität war sonst ja erkennbar nicht die Prämisse, auch wenn viele Details der Ausstattung sehr stimmig sind. Zwar heißt es im Vorspann der einzelnen Folgen: "nach wahren Begebenheiten", aber das bezieht sich im Wesentlichen auf die Tatsache, dass 1898 wirklich ein Nürnberger - der Wirt Georg Lang - den ersten Bierpalast auf die Wiesn stellte, indem er sich die Plätze von fünf anderen Buden erschlich. Und ebenso wie in der Serie erkannten die Münchner Brauer damals das Potenzial und den Werbeeffekt des Oktoberfests und die Möglichkeit, das Münchner Bier so weltbekannt zu machen und überallhin zu exportieren. Von größeren Metzeleien und Meuchelmorden ist in diesem Zusammenhang allerdings nichts bekannt.

Ein paar Wiesnwirte waren gleich pflichtgemäß empört

Umso kurioser, dass die ARD-Produktion schon vor einigen Wochen für leichte Aufregung in München sorgte, angefacht durch die Boulevardpresse. Ein paar amtierende Wiesnwirte waren gleich pflichtgemäß empört über das Bild, das da von ihrem Beruf vermittelt wird, obwohl sie noch keine einzige Episode der Serie gesehen haben konnten. Und der städtische Wiesnchef und Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) drohte gar mit der Einsetzung einer Historikerkommission, um über die wahre Geschichte aufzuklären. Das hätte vielleicht, angesichts des ausgefallenen Oktoberfests, ein paar nun darbende Taxifahrer mit einschlägiger Ausbildung vorübergehend in Lohn und Brot gesetzt, mutet aber dennoch etwas merkwürdig an. Soll man wirklich jede erkennbar fiktionale Fernsehgeschichte mit einer Gegenerzählung versehen?

Unwillkürlich fragt man sich sowieso, warum sich die vergangenen 20 Jahre praktisch niemand über das Genre des Wiesn-Tatorts empört hat. Schließlich widmet sich Deutschlands erfolgreichster TV-Krimi immer wieder mal dem größten Volksfest der Welt, und darin dezimieren sich die eher heutigen Wiesnwirte mit schöner Regelmäßigkeit gegenseitig. Das scheint aber die wenigsten aufzuregen - darf man daraus etwa schließen, dass Mord in dieser Branche halt so der Brauch ist? Wäre ja denkbar.

Ist Oktoberfest 1900 also eine Serie, wie sie sich nur der ärgste Saupreiß ausdenken kann, zu der man nur "Pfui Deibel!" sagen kann, in memoriam Ignatz Hoflinger, gewissermaßen? Das nun auch wieder nicht. Immerhin ist sie spannend erzählt. Um die Wertung: "belangloser Schmarrn" kommt man trotzdem nicht herum. Am treffendsten hat den Inhalt übrigens Netflix zusammengefasst, das gerade die internationalen Rechte an dem Sechsteiler erworben hat. Vom 1. Oktober an sollen sie weltweit in neun Sprachen ausgewertet werden. Die Serie trägt dann den schönen und sehr treffenden Titel Oktoberfest - Beer & Blood.

Oktoberfest 1900. Ab Dienstag in der ARD-Mediathek und ab 15.9. im 0Ersten.

© SZ/hy/ebri
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