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Interview am Morgen: BBC:"Kollegen sind immer mehr Drohungen ausgesetzt"

Jamie Angus

Jamie Angus, Direktor der BBC World Service Group.

(Foto: JEFF OVERS; Rena Gashumba (BBC))

Jamie Angus, der Direktor der BBC World Service Group, über die besonderen Anforderungen von Journalismus im britischen Wahlkampf, den Umgang seines Senders mit Fake News - und die "Schande", dass sich Premier Johnson nicht hart befragen lassen will.

Jamie Angus arbeitet seit 1999 für die BBC. Inzwischen fungiert er als Direktor der BBC World Service Group, die Nachrichten auf Englisch und in 42 weiteren Sprachen anbietet. Über die britische Unterhauswahl berichtet der internationale Sender BBC World News durchgehend bis Freitag 14 Uhr.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

SZ: Mr. Angus, in Deutschland und Österreich sind öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten wachsenden Anfeindungen ausgesetzt. Wie ist die Lage der BBC in Großbritannien?

Jamie Angus: Wir befinden uns im Vereinigten Königreich in einer Zeit, in der die Gesellschaft durch das Brexit-Referendum und die beiden anschließenden Neuwahlen tief gespalten ist. In solch einer Situation ist es besonders schwer, es allen recht zu machen.

Das ist diplomatisch ausgedrückt. Erhalten Sie Drohungen?

Keine Drohungen, aber hin und wieder Kritik etwa über Twitter. Durch meine Funktion bin ich diesbezüglich besser dran, als manche Kollegen, die "On Air" präsent sind. Diese Kollegen sind immer mehr Drohungen ausgesetzt, die extrem besorgniserregend und mit Gewalt verbunden sind. Das ist eine Entwicklung, die Sie ja in Deutschland auch feststellen. Ab und zu gibt es auch Probleme im Ausland: Vergangenes Jahr hatten wir in den USA bei einer Veranstaltung von US-Präsident Donald Trump einen Vorfall, bei dem ein BBC-Kameramann attackiert wurde. In einem anderen Fall gingen die iranischen Behörden gezielt gegen in Iran lebende Familienangehörige unserer farsisprachigen Mitarbeiter vor. Wir dürfen das nicht akzeptieren: Journalisten müssen ohne Angst ihrer Arbeit nachgehen können.

Mit welcher Einstellung gehen Sie an Ihren Job heran?

Aus der Erfahrung meiner 20 Jahre bei der BBC kann ich nur sagen: Man muss belastbar sein und immer im Bewusstsein behalten, dass es unsere Hauptpflicht ist, unseren Hörern, Zusehern und Lesern zu dienen. Gerade jetzt, rund um diese Wahl, ist es dringend notwendig, unserem Publikum umfassenden, bestmöglichen Journalismus zu bieten. Unsere Berichterstattung soll seriös, fair und unabhängig sein und helfen, Kontexte verständlich zu machen. Darauf müssen wir uns fokussieren.

Politiker und Parteien versuchen seit jeher immer wieder, die Presse zu beeinflussen und teilweise unter Druck zu setzen. Inwiefern hat sich dieses Spannungsverhältnis in den vergangenen Jahren verändert?

Lassen Sie mich es so sagen: Bei meiner ersten Wahl - das war 2001 - redeten die Politiker ständig von einem 24-Stunden-Rad der Berichterstattung im Fernsehen. Heute wird der Wahlkampf dominiert vom Internet, von sozialen Medien. Dort passiert nicht nur ständig etwas, Fake News zirkulieren und die Datenmenge ist immens groß, es gibt auch einige spezifische Auffälligkeiten. Auffällig an dieser Zeit vor der 2019er-Unterhauswahl ist die über das Internet direkt ausgespielte Wahlwerbung. Das ist auch der Grund, warum wir in der Berichterstattung - im Vergleich zur letzten Wahl 2017 - wesentlich stärker einen Fokus legen auf den digitalen Wahlkampf mit all seinen Begleiterscheinungen.

Wie geht die BBC mit Fake News um, die überall in sozialen Medien zu finden sind?

Meiner Meinung nach ist entscheidend, wie wir mit Quellen umgehen. Wir prüfen sorgfältig alle digitale Quellen, ein besonderes Augenmerk haben wir auf Facebook mit der dort geschalteten politischen Werbung. Interessant ist, dass die Tech-Plattformen bei dieser Wahl ihre Daten transparenter gestalten als früher. Es ist einfacher zu erkennen, welche Partei oder welche Parteigänger wo welche Anzeigen schalten. So sind wir in der Lage, politische Werbung einem Fakt-Checking zu unterziehen, um etwas als unwahr zu bezeichnen, wenn etwas nicht stimmt.

Wie viele Menschen in der britischen Gesellschaft erreicht die BBC mit ihren Programmen?

Im Vereinigten Königreich sind es mehr als 80 Prozent. Natürlich gibt es ein paar abgeschlossene Gruppen, die sich bei der BBC nicht zu Hause fühlen. Dazu kommt, dass sich bei manchen Jüngeren das Medien-Nutzungsverhalten teilweise so verändert hat, dass sie mit unseren traditionellen News-Angeboten Fernsehen und Radio kaum noch in Berührung kommen.

Was machen Sie, um an die jungen Leute ranzukommen?

Generell sollte für uns Journalisten gelten: Wir müssen die Nachrichten dort hinbringen, wo sich das Publikum aufhält. In diesem Fall intensivieren wir unser Angebot digital bei Formaten und auf Plattformen, die von den Jüngeren aktiv genutzt werden. Momentan bedeutet das: mehr Instagram und mehr Podcasts.

Kommen wir zu Boris Johnson: Der Premierminister weigerte sich, dem bekannten BBC-Interviewer Andrew Neil ein Interview zu geben, was der Journalist kritisiert hat. Sehen Sie die Spitzenpolitiker in der Pflicht, sich von der BBC befragen zu lassen?

Erlauben Sie mir das voranzustellen: Boris Johnson ließ sich ja in der Vergangenheit bereits mehrmals von der BBC interviewen, es gab auch ein TV-Duell mit seinem Labour-Herausforderer Jeremy Corbyn vergangene Woche. In diesem spezifischen Format, das Sie ansprechen, interviewt mein Kollege Andrew Neil Spitzenkandidaten 30 Minuten zu wichtigen Fragen - Fragen zu Themen, die Neil nach Johnsons Absage auch öffentlich ausgesprochen hat.

Andrew Neil hat Labour-Chef Corbyn in diesem Format regelrecht gegrillt.

Andrew hat diesen Interviewstil bei allen Gesprächspartnern, weil er den Dingen auf den Grund gehen will. Das ist ja auch unsere Aufgabe. Wir vertreten als BBC keine politische Tendenz, aber es ist eine Schande, dass das Interview nicht stattgefunden hat. Denn es ist im öffentlichen Interesse, dass der Regierungschef im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Stellung nimmt zu seiner Politik. Das ist unsere Position, das ist auch die berechtigte Erwartung des Publikums, das für die BBC zahlt.

Weil Sie gerade die Rundfunkgebühren ansprechen: Auf die kritischen Töne wegen der Interviewabsage hat der Premierminister offenkundig auf seine eigene Art reagiert - er stellt die Finanzierung der BBC in Frage. Was antworten Sie darauf?

Jede Partei - auch die Konservativen - heben in ihren Programmen die wichtige Rolle hervor, die die BBC in der britischen Medienlandschaft und für die Kultur innehat. Die Finanzierung der BBC wird alle elf Jahre festgesetzt durch eine königliche Urkunde, die Queen Elizabeth II. unterzeichnet - damit bekommt die BBC ihre Lizenz. Drei Jahre ist es her, dass diese Prozedur zuletzt vollzogen wurde, Mitte der 2020er Jahre stehen die nächsten Verhandlungen darüber an. Natürlich steht es jedem Politiker zu, sich zu überlegen, wie die BBC am besten finanziert werden soll - das ist Demokratie.

© SZ.de/xabi
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