ARD-Serie "Mitten in Deutschland - NSU" Die Hauptverantwortlichen kamen glimpflich davon

Der Vertrauensbruch, den die Spitzel begingen, geschah häufig nicht, weil sie besonders heimtückisch waren, sondern weil sie in der Diktatur einen persönlichen Vorteil suchten: Die wenigsten Menschen sind zum Helden und zum Widerstandskämpfer geboren.

Dies darf im Einzelfall durchaus als entlastend angesehen werden, doch mildernde Umstände wurden - wie "Mitten in Deutschland: NSU" zeigt, im Falle Ostdeutschlands kaum gewährt.

Die Frage, ob es gerechtfertigt ist, Mitläufer einer Diktatur mit der sofortigen Vernichtung ihrer bürgerlichen Existenz zu bestrafen, wenn das autoritäre System überwunden ist, stellt sich allein deswegen, weil die Bestrafung der schlimmsten Fälle menschenverachtenden politischen Handelns ja auch im Fall der DDR nicht besonders gut funktionierte, obwohl nie zuvor ein Regime so schnell und so gründlich demaskiert worden ist. Doch gerade die Hauptverantwortlichen kamen meist glimpflich davon. Margot Honecker etwa entging der sozialen Ächtung, der die Mathelehrer der Republik ausgesetzt waren, einfach dadurch, dass sie 1992 nach Chile auswanderte - ein Weg, der den meisten Bewohnern Jena-Winzerlas verschlossen war.

Die juristische Strafverfolgung der Täter erwies sich ebenfalls als unbefriedigend: Zwar wurden einige Politbüro-Mitglieder verurteilt, weil sie den Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze zumindest gebilligt hatten, doch selbst der langjährige Stasi-Chef Erich Mielke konnte nur angeklagt werden, weil er 60 Jahre zuvor in der Weimarer Republik an einem politischen Mord beteiligt gewesen war. Das rechtsstaatliche Strafrecht erwies sich im Fall der eigentlichen Verantwortlichen als stumpfes Schwert.

Noch drängender ist aber die ganz pragmatische Frage, die der Folge "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" zu Grunde liegt: Schuf die rigorose Aufarbeitung der Stasi-Willkür, durch die Hunderttausende belastete Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, Jugendklub-Betreuer, Verwaltungsbeamte, Juristen und so weiter von heute auf morgen ihre Funktion verloren, einen rechtsfreien Raum, in dem der Rechtsextremismus trefflich gedieh? Nicht nur hatten junge Menschen in der ohnehin ungewissen Umbruchssituation plötzlich keine Bezugspersonen mehr, die den Weg weisen konnten, sondern noch viel schlimmer: Wenn etwa Jung-Nazis anderen mit Gewalt ihre Lebensanschauungen aufoktroyierten, war da oft kein Polizist und kein Staatsanwalt in der Nähe, der sie in die Schranken wies. "Mitten in Deutschland - NSU" zeigt das in Szenen auf, die schon beim Zuschauen wehtun.

Furor der Nachgeborenen

Hätte der Verlust moralischer Autorität rechtsextreme Tendenzen in Ostdeutschland tatsächlich befördert, würde das den weit verbreiteten Konsens relativieren, dass es nach der Überwindung einer Zwangsherrschaft niemals genug Aufarbeitung geben kann.

In der alten Bundesrepublik wuchs diese Anschauungsweise in den Sechzigerjahren, als sich Eltern von ihren Kindern fragen lassen mussten, warum sie sich dem Nazi-Terror in keiner Weise widersetzt hatten. Die Kriegsgeneration selber hatte sich dieser Frage bis dahin entzogen - niemand wollte etwas von Dachau, Bergen-Belsen und vom Holocaust als Ganzes gewusst haben. Der Furor der Nachgeborenen über diese Ausreden mündete in eine Destabilisierung der Gesellschaft, die von Achtundsechzigern ausging und die den demokratischen Staat im Deutschen Herbst 1977 erheblich herausforderte.

Glänzende Karrieren von Alt-Nazis

Ihre sehr sanfte Entnazifierung nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Bundesrepublik vor allem damit gerechtfertigt, dass etwa der Beamtenapparat des Nazi-Systems schlicht gebraucht worden sei, um die staatliche Ordnung in Westdeutschland sicherzustellen.

Der NSDAP-Aufnahmeantrag von Hans Filbinger, der im Bundesarchiv in Berlin liegt. Das Dokument räumte die Zweifel daran aus, ob der frühere CDU-Ministerpräsident Baden-Württembergs ein Nazi war.

(Foto: dpa)

Es bleibt ein Skandal, dass die alte Bundesrepublik dem "furchtbaren Juristen" (Rolf Hochhuth) und langjährigen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Hans Filbinger, sowie etlichen weiteren Alt-Nazis glänzende Karrieren ermöglichte. Doch was hier an Aufarbeitung zu wenig geschah, vollzog sich beim Untergang der DDR womöglich zu viel. Die Entstehung des NSU als eine mögliche Folge des kompletten Zusammenbruchs der DDR-Strukturen scheint diesen Schluss nahezulegen.