"An einem Tisch mit Martin Schulz" auf RTL Martin Schulz: ein Bürger wie ihr?

Martin Schulz will gerne zeigen, dass er die Probleme der Wähler aus dem eigenem Erleben kennt. Als Bürger wie sie.

(Foto: AFP)

Im Gespräch mit Wählern kann Martin Schulz bei RTL seine Stärken ausspielen - bis er ausgerechnet beim Thema soziale Gerechtigkeit ins Schlingern gerät.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Nett sein allein reicht nicht, weil nett finden die Leute sie ja auch: Angela Merkel, die Kanzlerin, die Martin Schulz im September bei der Bundestagswahl besiegen will. Was macht also einer wie er, der zweifellos sympathisch ist, um sich von seiner ebenfalls sympathischen Konkurrentin abzusetzen? Er sagt den Wählern: Ich bin nicht nur nett, ich verstehe euch. Weil ich zwar Politiker bin, aber trotzdem noch genau wie ihr.

Das ist in etwa die Taktik, die Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD, an den Tag legt, wenn er auf ganz normale Bürger trifft. So wie am Sonntag im Fernsehprogramm des Privatsenders RTL. "An einem Tisch mit Martin Schulz" heißt das Format, das Peter Kloeppel moderiert. Während Kanzlerin Angela Merkel am Samstag ziemlich entspannt in den Wahlkampf starten konnte, geht es für den SPD-Kandidaten um viel, von nun an: bei jedem Auftritt um alles. Seine Partei liegt in Umfragen weit hinter der Union.

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Und so erlebt der Zuschauer Schulz bei RTL hochkonzentriert. Mehrere Wähler berichten ihm dort von ihren Problemen, die Themen reichen von innerer Sicherheit über Integration bis hin zu sozialer Gerechtigkeit - und Schulz bemüht sich sehr, mit jedem von ihnen so zu sprechen, als wäre es der liebgewonnene Nachbar, der hier von seinen Problemen erzählt.

Da ist zum Beispiel Andreas Responde, 38 Jahre, Koch aus Brandenburg. Auf dem Heimweg von der Arbeit versuchte er an einer Berliner S-Bahnstation, eine Schlägerei zu schlichten. Er wurde so schlimm verprügelt, dass er seinen Geruchs- und Geschmackssinn verlor. Seine Arbeit musste er aufgeben, da er sich nicht mehr an den Ort des Geschehens zurücktraute. Die Täter aber kamen mit Bewährungsstrafen davon.

"Als Opfer wird man im Stich gelassen", so empfindet er seine Situation. "Mich berührt das sehr", sagt dazu Martin Schulz. Und die Lösung? Mehr Polizeibeamte, sagt Schulz. Die Polizei solle auch "nicht zu jedem Blechschaden ausrücken, aber dafür mehr an Bahnhöfen präsent" sein.

Schulz wirkt konzentriert, betont jedes einzelne Wort

Doch das sei nicht genug. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der Gewalt verharmlost wird", sagt er. "Ich wohne selbst in einer kleinen Stadt. Da habe ich erlebt, wie über die vergangenen Jahre der Respekt vor älteren Leuten, dem Eigentum der anderen und der Polizei abnimmt." Schulz wirkt konzentriert in diesem Moment, er betont jedes einzelne Wort, schaut den Gesprächspartner immer wieder an und sagt zum Schluss: "Ich finde das ganz mutig, dass Sie gekommen sind."

Ebenso viel Nähe versucht er zur nächsten Gesprächspartnerin aufzubauen: Dagmar Willms, 73 Jahre, aus Leipzig, die in einer sogenannten "No-go-Area" lebt. Die RTL-Redaktion blendet Filmaufnahmen aus der Straße der älteren Dame ein, die Schießereien zeigen, verwackelte Bilder von Polizeieinsätzen. "Die Straße heißt inzwischen arabische Meile", sagt Willms. Es werde offen gedealt, der Respekt vor der Polizei fehle. "Würden Sie dort leben wollen?", fragt sie Schulz.