Süddeutsche Zeitung

"An einem Tisch mit Martin Schulz" auf RTL:Martin Schulz: ein Bürger wie ihr?

Lesezeit: 5 min

Im Gespräch mit Wählern kann Martin Schulz bei RTL seine Stärken ausspielen - bis er ausgerechnet beim Thema soziale Gerechtigkeit ins Schlingern gerät.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Nett sein allein reicht nicht, weil nett finden die Leute sie ja auch: Angela Merkel, die Kanzlerin, die Martin Schulz im September bei der Bundestagswahl besiegen will. Was macht also einer wie er, der zweifellos sympathisch ist, um sich von seiner ebenfalls sympathischen Konkurrentin abzusetzen? Er sagt den Wählern: Ich bin nicht nur nett, ich verstehe euch. Weil ich zwar Politiker bin, aber trotzdem noch genau wie ihr.

Das ist in etwa die Taktik, die Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD, an den Tag legt, wenn er auf ganz normale Bürger trifft. So wie am Sonntag im Fernsehprogramm des Privatsenders RTL. "An einem Tisch mit Martin Schulz" heißt das Format, das Peter Kloeppel moderiert. Während Kanzlerin Angela Merkel am Samstag ziemlich entspannt in den Wahlkampf starten konnte, geht es für den SPD-Kandidaten um viel, von nun an: bei jedem Auftritt um alles. Seine Partei liegt in Umfragen weit hinter der Union.

Und so erlebt der Zuschauer Schulz bei RTL hochkonzentriert. Mehrere Wähler berichten ihm dort von ihren Problemen, die Themen reichen von innerer Sicherheit über Integration bis hin zu sozialer Gerechtigkeit - und Schulz bemüht sich sehr, mit jedem von ihnen so zu sprechen, als wäre es der liebgewonnene Nachbar, der hier von seinen Problemen erzählt.

Da ist zum Beispiel Andreas Responde, 38 Jahre, Koch aus Brandenburg. Auf dem Heimweg von der Arbeit versuchte er an einer Berliner S-Bahnstation, eine Schlägerei zu schlichten. Er wurde so schlimm verprügelt, dass er seinen Geruchs- und Geschmackssinn verlor. Seine Arbeit musste er aufgeben, da er sich nicht mehr an den Ort des Geschehens zurücktraute. Die Täter aber kamen mit Bewährungsstrafen davon.

"Als Opfer wird man im Stich gelassen", so empfindet er seine Situation. "Mich berührt das sehr", sagt dazu Martin Schulz. Und die Lösung? Mehr Polizeibeamte, sagt Schulz. Die Polizei solle auch "nicht zu jedem Blechschaden ausrücken, aber dafür mehr an Bahnhöfen präsent" sein.

Schulz wirkt konzentriert, betont jedes einzelne Wort

Doch das sei nicht genug. "Wir leben in einer Gesellschaft, in der Gewalt verharmlost wird", sagt er. "Ich wohne selbst in einer kleinen Stadt. Da habe ich erlebt, wie über die vergangenen Jahre der Respekt vor älteren Leuten, dem Eigentum der anderen und der Polizei abnimmt." Schulz wirkt konzentriert in diesem Moment, er betont jedes einzelne Wort, schaut den Gesprächspartner immer wieder an und sagt zum Schluss: "Ich finde das ganz mutig, dass Sie gekommen sind."

Ebenso viel Nähe versucht er zur nächsten Gesprächspartnerin aufzubauen: Dagmar Willms, 73 Jahre, aus Leipzig, die in einer sogenannten "No-go-Area" lebt. Die RTL-Redaktion blendet Filmaufnahmen aus der Straße der älteren Dame ein, die Schießereien zeigen, verwackelte Bilder von Polizeieinsätzen. "Die Straße heißt inzwischen arabische Meile", sagt Willms. Es werde offen gedealt, der Respekt vor der Polizei fehle. "Würden Sie dort leben wollen?", fragt sie Schulz.

Der antwortet: "Ich war viele Jahre Bürgermeister einer kleinen Stadt. Ich weiß, wie das ist, wenn ganze Stadtviertel verkommen." Das bedeutet: Nein, tauschen möchte er nicht mit Frau Willms. "Ich bin Bürger wie Sie", sagt er der Frau. Das Problem seien dabei nicht zu lasche Gesetze - sondern die Durchsetzung dieser Gesetze gegenüber Kriminellen. "Ich habe für Typen wie die kein Verständnis, ich bin der Meinung: Die müssen mal richtig eins auf die Mappe kriegen." Gelächter, Punktsieg Schulz in Sachen prägnante Formulierung.

Aber wer sind "die" überhaupt? Viele Zuschauer, so zeigt es eine Umfrage, die RTL einblendet, verbinden die Kriminalität in Deutschland mit dem Thema Migration. Nur fünf Prozent wünschen sich schärfere Gesetze in Deutschland. 36 Prozent aber wünschen sich eine stärkere Kontrolle der Zuwanderung.

Ein weiterer Gast, nämlich Dirk Fliesgen, 46 Jahre, aus Neuss, darf Martin Schulz die dazu passende Frage stellen: Was ist Deutschland? "Ist das eine chaotische WG, in der jeder machen kann, was er will? Oder ist das ein tolerantes Mehrfamilienhaus mit einer klaren Hausordnung?" Schulz bedankt sich erst einmal: "Das finde ich eine gute Formulierung!"

Und natürlich wählt er das tolerante Mehrfamilienhaus. Und wie ist das mit den klaren Regeln? Er werde als Kanzler lieber mehr Geld in innere Sicherheit stecken - als in Aufrüstung, wie das seine Konkurrentin Angela Merkel plane. "Es kann nicht sein, dass die Kriminellen Porsche fahren und die Polizei fährt mit dem Fahrrad hinterher." Da können die Gesprächspartner, zu denen auch ein Polizist aus Brandenburg zählt, nur nicken.

"Helden des Alltags" nennt er die Helfer

Außerdem wünsche er sich ein Zuwanderungsgesetz - und eine gerechte Verteilung aller Flüchtlinge in Europa. Notfalls mit ein bisschen Erpressung. "Ich würde den europäischen Haushalt davon abhängig machen, dass es eine solidarische Verteilung gibt."

Und: "Wer in diesem Land Schutz sucht, aber die Gesetze nicht akzeptiert, der wird abgeschoben." Was aber ist mit den anderen? Die RTL-Redaktion hat einen afghanischen Flüchtling, nämlich den 18-jährigen Obaidulla Sultani aus Bayern, gefunden, der hier gerade seine Mittlere Reife absolviert hat und gerne bleiben möchte. "In Ihrem Fall bin ich gern bereit, mich mit dem bayerischen Ministerpräsidenten in Verbindung zu setzen, damit Sie eine Aufenthaltserlaubnis kriegen", verspricht Schulz.

Ebenso herzlich begegnet er dem Flüchtlingshelfer Richard Lemmer aus Berlin. "Die ehrenamtliche Arbeit, die er macht, müsste der Staat machen", sagt er in Richtung des Publikums. "Helden des Alltags" nennt er die Helfer. "Da stellt sich jemand hin, sagt: Wir schaffen das, wird dafür bejubelt - aber die Arbeit machen andere." Ein Seitenhieb in Richtung Angela Merkel.

Es läuft also gut für Martin Schulz bei RTL - bis das Thema "soziale Gerechtigkeit" aufkommt. Ausgerechnet. Er trifft auf René und Nicole Hinz, ein Doppelverdiener-Ehepaar aus Berlin, das mit seinen zwei Kindern in einer Mietswohnung mit 73 Quadratmetern wohnt - und keine größere Wohnung findet, die es sich leisten kann. Die von der SPD mit eingeführte Mietpreisbremse funktioniert in Berlin nicht, das weiß auch Schulz: "Mit einer Verschärfung sind wir beim Koalitionspartner leider gescheitert."

Na gut, aber was sind seine Pläne? Vor allem: Bauen. Sozialwohnungen - und für Familien wie die Familie Hinz plane die SPD ein Baukindergeld. "Es kann nicht sein, dass eine Familie wie Sie kein Eigenheim beziehen kann!" René und Nicole Hinz gucken irritiert. Denn sie wollen eigentlich gar nicht bauen. "Da müssten wir uns ja verschulden", sagt sie, "Wie viel wäre das denn konkret", fragt fast gleichzeitig ihr Mann.

"In Hamburg? Ah, da kenne ich den Bürgermeister"

Da gerät auch Martin Schulz ins Schleudern. "Ich kann Ihnen natürlich nicht versprechen, dass die Miete für Ihre Wohnung nicht erhöht wird, also, dass Sie in der Wohnung bleiben können", sagt er. "Aber darum geht es doch gar nicht", sagt Nicole Hinz. Man redet aneinander vorbei. Erst nach ein wenig Hin und Her bekommt Schulz wieder die Kurve hin zu: Verschärfung der Mietpreisbremse, Deckelung von Mieterhöhungen.

Danach kommt das Thema Rente - auch keines, wo Schulz mit einem "Ich bin ein Bürger wie Sie" so einfach punkten kann. Er spricht vor der Rentnerin Betty Neumann, die sieben Kinder großgezogen und nun trotzdem nur 758 Euro zum Leben hat, von der "Rentenstruktur", von Solidarrente und Grundsicherung, von tarifgebundenen Löhnen und "dauerhafter Beschäftigung". Lauter sperrige Begriffe für ein schwieriges Thema. Während die Frau sich eigentlich nur hin und wieder eine Theaterkarte wünscht.

Irgendwann findet er einen Zugang: Nur fünf Euro liegt die Rente von Frau Neumann über dem Betrag, bei dem sie einen Zuschuss zu den Wohnkosten bekommen würde. Wo wohnt sie noch mal? "In Hamburg? Ah, da kenne ich den Bürgermeister", sagt Schulz und hat die Zuschauer wieder auf seiner Seite. Sie lachen, denn der Bürgermeister ist ja Schulz' Parteifreund Olaf Scholz. Er werde mal mit den Leuten vor Ort sehen, wie er helfen könne, sagt Schulz.

Vor Ort - dort will Martin Schulz sich gerne zeigen in diesem Wahlkampf. Als ehemaliger Bürgermeister einer kleinen Stadt, als einer, der die Probleme der Wähler aus eigenem Erleben kennt. Als Bürger wie sie.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3627355
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.