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Wurst unter Krebsverdacht:Armes deutsches Würstchen

Bockwurst

Deutsches Kulturgut: Wiener Würstl a.k.a. Frankfurter mit Senf

(Foto: dpa)

Die Wurst-Warnung der WHO rührt an die Identität der Deutschen. Unser Autor sah die Krise kommen.

Es sind gleich zwei Nachrichten, die Deutschland dieser Tage in Aufruhr versetzen. In beiden Fällen geht es um Dinge, die die Nation einst im Innersten zusammenhielten: Fußball und Wurst.

Die erste Enthüllungsmeldung betrifft das Sommermärchen bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006, das nur zustande gekommen sein soll, weil einige mächtige Männer ziemlich viel Geld hin- und hergeschoben haben. Die zweite Enthüllungsmeldung kommt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die bekannt gab, verarbeitetes rotes Fleisch, und das ist eben vor allem Wurst, gelte künftig offiziell als krebserregend.

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Der Schutzverband Schwarzwälder Schinkenhersteller in Villingen-Schwenningen, von dessen Existenz man bisher höchstens ahnte, protestiert zwar gegen diese sogenannte Verunsicherung der Verbraucher durch die WHO. Doch auch die Schinken-Lobbyisten können nicht verhindern, dass die Enthüllung am Selbstverständnis, ja an die Identität der Deutschen rührt.

Die heilige Dreifaltigkeit hiesiger Ernährungskultur

Deutsches Bier, deutsches Brot, deutsche Wurst - das war bisher die heilige Dreifaltigkeit hiesiger Ernährungskultur. Auf die Vielfalt dieser Lebensmittel sind die Deutschen stolz. Deutsche Wurst ist nicht einfach Wurst, sondern Thüringer, Jagdwurst, Regensburger, Bockwurst, Blutwurst, Schinkenwurst, Weißwurst, Lyoner, Bregenwurst, Mettwurst, Wiener Würstchen, Gelbwurst, Cervelatwurst, Teewurst - und über diese Auflistung könnten sich jetzt Schutzverbände aus mindestens 43 deutschen Landstrichen beschweren, weil ihre Wurst nicht genannt ist.

In den achtziger Jahren hat die Wurst sogar Eingang in die Popkultur gefunden. "Kommse vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst", sang Herbert Grönemeyer 1982 und füllte damit die Hallen. Ein paar Jahre später war das Lied "Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei" von Spaß-Sänger Gottlieb Wendehals monatelang in den Charts.

Es war die Zeit, als Fleischfachverkäuferinnen auf Gabel aufgespießte, zusammengerollte Gelbwurstscheiben über die Theke reichten und Kinder sie laut schmatzend verspeisten. Bei Kindergeburtstagen gab es die "Minnie-Winnie-Würstchenkette", auf Dorffesten aßen die Menschen Rostbratwürste, in ein halb aufgeschnittenes Brötchen geklemmt, und ein Kanzlerkandidat wie Gerhard Schröder gewann auch dadurch an Sympathie, dass das Gerücht kursierte, er habe seine damalige Frau auch deshalb verlassen, weil sie ihn nicht uneingeschränkt Currywurst essen ließ.

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